USA: Polizeiliche Todesschüsse und getötete Polizisten 1970 – 1984

von Manfred Walter

Anders als in der Bundesrepublik ist in den USA die Entwicklung des polizeilichen Schußwaffeneinsatzes häufiger Gegenstand empirischer Un-tersuchungen. In einer Studie des CRIME CONTROL INSTITUTEs zum tödlichen Schußwaffeneinsatz in 50 amerikanischen Städten mit über 250.000 Einwohnern ermittelten die Autoren einen deutlichen Rückgang der Zahl der Todesopfer zwischen 1971 – 1984, die durch polizeilichen Schußwaffeneinsatz ums Leben ka-men. Im folgenden werden einige Ergebnisse dieser Studie vorgestellt.

Die Autoren Sherman und Cohn stützten sich bei ihrer Untersuchung hauptsächlich auf eine Umfrage zum polizeilichen Schuß-waffeneinsatz bei verschiedenen größeren städtischen Polizeibe-hörden, außerdem werteten sie polizeiinterne Untersuchungs-berichte zum Schußwaffeneinsatz aus. Von den insgesamt 59 befrag-ten Polizeibehörden  verweigerten 4 die Kooperation und 5 konnten kein zureichendes Zahlenmaterial liefern.

In den verbleibenden 50 amerikanischen Großstädten wurden  im Zeitraum von 1970 – 1984 insgesamt 3.701 Personen durch den polizeilichen Einsatz von Schuß-waffen getötet. Innerhalb des Untersuchungszeitraums kam es zu einer signifikanten Abnahme von Todesfällen. Durchschnittlich wurden in den frühen siebziger Jahren (1970 -1975) jährlich 302 Personen von Polizeibeamten getötet. Zwischen 1976 und 1980 reduzierte sich dieser Wert um 25% auf 226 Personen. In den folgenden vier Jahren sank der jährliche Durchschnittswert auf 190 Personen. Das entsprach einer 16 %igen Abnahme bezogen auf die späten siebziger und einer 37 %igen Abnahme seit den frühen siebziger Jahren.

Die Autoren verglichen diese Entwicklung mit der Zahl der von Straftätern getöteten Polizeibeamten in diesen Städten. Im Zeitraum 1970 – 1975 wurden durch-schnittlich in allen 50 Städten zusammengenommen 29 Polizeibe-amte jährlich getötet. In den späten siebziger Jahren sank dieser Wert auf durchschnittlich 14 Beamte (48%), um Anfang der achtziger Jahre (1980 -1984) auf 17 Beamte leicht anzusteigen. Über den gesamten Untersuchungs-zeitraum ließ sich auch hier eine abnehmende Tendenz feststellen, die zwar nicht ganz so deutlich wie bei den polizeilichen Todes-schüssen ausfiel, aber tendenziell einen ähnlichen Verlauf nahm.

Weiterhin verglichen die Autoren diese relativ gleichläufigen Entwicklungen mit der Mordrate in diesen Städten. Zunächst stellten Sherman und Cohn einen Anstieg der Tötungen von 6392 Fällen im Jahr 1970 auf 8042 Fälle im Jahr 1974 fest. Danach sinkt die Zahl der Morde auf 7152 im Jahr 1977, steigt dann auf den Höchstwert von 8833 Todesopfern im Jahre 1980 an und fällt bis 1984 wieder auf 7079 Opfer.

Früher festgestellt positive Korrelationen zwischen polizeilichem Schußwaffeneinsatz mit Todesfolge
und der allgemeinen Mordrate finden die Autoren in ihrer Studie nicht bestätigt (Kania/Mackey 1977; Jacobs/Britt 1979; Sherman/ Langworthy 1979; Fyfe 1980).

In einem zweiten Schritt versuchen Sherman und Cohn, die Gesamtzahl der Todesopfer durch polizeilichen Schußwaffeneinsatz nach verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu differenzieren. Ihr hauptsächliches Interesse galt dem Anteil der schwarzen Todesopfer. Bei diesen Untersuchungen konnten sie sich allerdings nicht auf selbst erhobene Daten stützen, sondern mußten auf eine Studie der „National Urban League“ zurückgreifen, die für den Zeitraum von 1970 -1979 valide Daten vorgelegt hat. Als Datenbasis wurden an das FBI die „local police reports“ über justiziable polizeiliche Todesschüsse ausgewertet. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, daß sich  der Anteil weißer Personen bei den Todesopfern über die untersuchte Dekade kaum veränderte. Dagegen war beim Anteil der schwarzen Personen ein deutlicher Abfall zu verzeichnen. Demgegen-über veränderte sich der Anteil  festgenommener schwarzer Straf-täter im Untersuchungszeitraum nicht.

Resümierend stellen die Autoren fest :

1) Anhand des ausgewerteten Zah-lenmaterials (Vergleich der Anzahl der polizeilichen Todesschüsse mit den Todesopfern als Folge von Gewaltverbrechen) lassen sich kei-ne generellen kausalen Zusammenhänge zwischen dem tödlichen po-lizeilichen Schußwaffeneinsatz einerseits und der Gewaltkri-minalität mit Todesfolge anderer-seits erkennen.

2) Angesichts der festgestellten relativ gleichlaufenden Entwicklungen von po-lizeilichen Todesschüssen und getöteten Polizeibeamten bieten die Autoren drei mögliche Erklärungsansätze an:
a) Der einzelne Polizeibeamte nutzt seinen Ermessensspielraum beim Einsatz der Schußwaffe in Grenzsituationen gerade dann stärker aus, wenn er sich in seiner Umgebung bedroht fühlt.
b) Je höher die Anzahl der polizeilichen Todesschüsse, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß auch Polizeibeamte getötet werden.
c) Das „polizeiliche Berufsrisiko“, getötet zu werden, könnte von dem Anteil der jugendlichen Männer in der Bevölkerung oder von einem allgemeinen Werteverfall gegenüber staatlichen Autoritäten abhängen.
Allerdings wird keine dieser Erklärungsversuche von den Autoren auf seine Plausibilität geprüft.

3) Rechtliche Veränderungen auf Bundesebene sowie in einzelnen Staaten haben keinen Einfluß auf die starke Abnahme der polizeilichen Todesschüsse im Untersu-chungszeitraum gehabt. Die für diesen Bereich entscheidenden rechtlichen Veränderungen sind erst nach dem Untersuchungs-zeitraum in Kraft getreten.

4) Weitere wichtige Faktoren bei der Erklärung des Rückgangs polizeilicher Todesschüsse sind nach Ansicht der Autoren der steigende politische Einfluß der schwarzen Bevölkerung in den Städten, sowie der massive öffentliche Protest nach Todesschüssen auf Schwarze, unbewaffnete Jugendliche etc., insbesondere in Gemeinden mit einem hohen schwarzen Bevölkerungsanteil.
Dieser Protest hat nach Sherman und Cohn maßgeblich zu einer Verschärfung der disziplinarischen Maßnahmen gegenüber Polizeibeamten beigetragen und die Institutionalisierung von unabhängigen Untersuchungskommissionen beschleunigt (z.B. Firearms Dischar-ge Review Board, New York). Gleichzeitig reagierten die Poli-zeibehörden Ende der siebziger Jahre mit veränderten Ausbil-dungsprogrammen für das Schuß-waffentraining (Anti-Stress-Programme, Nichtschieß/ Ausbildung etc.).

5) Außerdem ist nach Ansicht der Autoren die reglemtierende Wirkung von Zivilgerichtsverfahren auf den polizeilichen Schußwaffeneinsatz nicht zu unterschätzen. Sie verweisen hierbei nicht nur auf die erheblichen Regreß-forderungen, die den Hinterbliebenen von einzelnen Gerichten zu gesprochen worden sind, sondern auch auf den erheblichen psychischen Druck, der auf dem einzelnen Polizeibeamten lastet, wenn er sich einem langwierigen Gerichtsverfahren zu stellen hat. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch das Ergebnis einer Studie über  Kansas City, wonach Beamte, die von der Schußwaffe Gebrauch gemacht haben, im Durchschnitt einige Jahre früher als andere Beamte aus dem Dienst ausscheiden.)

Insgesamt sehen die Autoren den Grund für die starke Abnahme der polizeilichen Todeschüssen in einer Änderung der Sicherheitspolitik und ihrer praktischen Umsetzung, die wiederum durch eine verstärkte politische Beteiligung der Schwarzen in den Städten, durch Zivilgerichtsverfahren gegen Polizeibeamte und durch eine veränderte Polizeiausbildung beeinflußt wurde.
Abschließend mahnen die Autoren eine einheitliche Zählweise  der polizeilichen Todesschüsse an und fordern ein „National Reporting Center“, an das alle lokalen Behörden und Bundesbehörden angeschlossen sein sollen, die ihren Mitarbeitern das Tragen von Waffen erlauben.  Vorgeschrieben werden sollten Angaben zum Alter, zum Geschlecht und zur Rasse des Opfers  und zu den je-weiligen Umständen, die zum Schußwaffeneinsatz geführt haben. In einem jährlich erscheinenden Bulletin sollte diese Einrichtung detaillierte Statistiken zum polizeilichen Schußwaffeneinsatz veröffentlichen, denn „unge-achtet der Tatsache, wie gerechtfertigt die Todesschüsse im Einzelnen sein mögen, die/der Regierung/Staat kann nur dann die Verantwortung für den Einsatz ihrer/seiner Gewaltmittel übernehmen wenn die Öffentlichkeit Zugang zu verläß-lichen Informationen hat“ (S.20).

Quelle:
Sherman, L.W.; Cohen,Ellen G.; et. al.
Citizen killed by Big City Police, 1970 -1984,
Crime Control Institute, October 1986,
1063 Thomas Jefferson St., N.W.
Washington DC 20007

weitere Literatur:
Fyfe, James, Geographic Correlates of Police Shooting: A Micro – Analysis, in: Journal of Research in Crime and Delinquency, 1980 Nr. 17  S.101-113
Jacobs, D., Britt, D., Inequality and Police Use of deadly Force: An Empirical assesment of Conflict Hypothesis, in: Social Forces, 1979, Nr. 26, S. 403-412
Kania, Richard R.E., Mackey,W.C., Police Violence as a Function of Community Characteristics, in: Criminolgy 1977, Nr. 15, S. 27-48
Langworthy, Robert (forthcoming), Police Shooting and Criminal Homicide: The Temporal Relationship, in: Journal of Quantitative Criminology
Sherman, L. W., Langworthy, R., Measuring Homicide by Police Officers, in: Journal of Criminal Law and Criminology, 1979, No. 70, S.546-560