„Verfassungsschutz“ – Über den Einsatz und die Führung „inoffizieller gesellschaftlicher Mitarbeiter“ – eine Warnung für die neuen Bundesbürger

V-Frau „Emden 852“

Kommentar:
Diese Frau hat Angst – Angst davor, erkannt zu werden. Sieben Jahre war sie als V-Frau für den Verfassungsschutz in Baden-Württemberg tätig. Ihr Behörden-Deckname lautet „Em-den 852“. Sie war äußerst erfolgreich – sie schaffte den Zugang zum engen Umfeld der Roten-Armee-Fraktion.

O-Ton; V-Frau „Emden 852“:
„Eine ganze Reihe verhafteter Terroristen kenne ich aus dieser Zeit, aber auch welche, nach denen noch gefahndet wird. Zum Beispiel Andrea Klumpp, Barbara Meyer, ihren Mann Horst, Christoph Seidler und Thomas Simon. Wahrscheinlich haben die alle schon längst Verdacht geschöpft und suchen nach mir, denn für die bin ich eine Verräterin.“

O-Ton; V-Frau „Emden 852“:
„Der Verfassungsschutz hat mich mit vielen Versprechen angeworben: Gesicherte Zukunft, Geld und – bei einer Gefährdung – einen Identitätswechsel.“

Kommentar:
Sie trat zunächst dem Kommunistischen Bund Westdeutschland bei. Es folgte die Mitarbeit in Gruppen, die regelmäßig Terroristenprozesse besuchen, sich um die Gefangenen kümmerten. Beste Voraussetzung für den Einstieg in eine Gruppierung, die von den Sicherheitsbehörden als das Rekrutierungsfeld für den harten Kern der RAF angesehen wird: den Antiimperialisten, kurz Antiimps genannt. Diese Gruppe vertritt in der Öffentlichkeit die Politik der RAF.

O-Ton; V-Frau „Emden 852“:
„Durch meine Arbeit erfuhren die Behörden erstmals, wie straff diese Antiimps organisiert sind. Alle paar Wochen treffen sie sich in verschiedenen Städten. Neben Berlin, Hamburg, Frankfurt und Karlsruhe kamen die Leute unter anderem auch aus Münster, Bonn, Wuppertal, Düsseldorf, Heidelberg, Stuttgart, München und Nürnberg. Daneben gibt es noch regionale Treffen.
Treffen, auf denen ich nicht nur das Ehepaar Meyer kennengelernt habe, nach dem derzeit intensiv gefahndet wird. Im Mittelpunkt dieser abgeschirmten Runden standen Berichte aus den Gefängnissen, Bekennerschreiben wurden verteilt, Aktionen vorbereitet und darüber diskutiert, wie man die RAF-Politik verbreitern könne. Ich habe als Teilnehmer dieser Treffen Namen, Pläne und Papiere an die Behörden geliefert.“

Kommentar:
Der Weg in den Untergrund zur RAF-Kommandoebene wäre für Emden 852 sicher möglich gewesen. Doch ihr wurde klar, daß sie diesen letzten Schritt nicht wagen würde.

O-Ton; V-Frau „Emden 852“:
„Ausschlaggebend waren meine schlechten Erfahrungen mit den Behörden und deren dilettantische Führung. Ich wurde z.B. von Leuten geführt, die vorher Strafzettel an Falschparker verteilt hatten, oder die erst einmal einen Volkshochschulkurs über politische Allgemeinbildung belegen mußten.
Ich hatte oft das Gefühl, daß die Beamten bei den regelmäßigen Treffen, zumeist im Auto, überhaupt nicht verstanden, worum es geht. Sie sagten mir auch, daß ihre Vorgesetzten oft über die Menge des angelieferten Materials stöhnen würden. Ab und zu hofften sie auch auf neue Anschläge, damit es neue Stellen gäbe und sie befördert würden.
Einer meiner Führungsbeamten fühlte sich als Colombo. Er nannte mir Namen von V-Leuten in anderen Städten, erzählte mir vom Inhalt abgehörter Telefongespräche. Als er mir schilderte, wie verschuldet er ist, bekam ich Angst. Was, so fragte ich mich, würde dieser Beamte in seiner Geldnot alles zu Geld machen? Vielleicht auch meine Enttarnung? Ich verlangte einen Führungswechsel. Doch mit der Drohung, eingestellte Strafverfahren wieder einzuleiten, fühlte ich mich zur Weiterarbeit erpreßt. Das alles machte mir klar, daß eine erfolgreiche Tätigkeit als V-Frau im Untergrund mit dieser dilettantischen Behörde nicht möglich ist.“

Kommentar:
Fahndung nach Terroristen im großen Stil. Für „Emden 852“ mehr eine optische Maßnahme. Sie selbst hat erlebt, wie die Behörden nichts unternahmen, als sie ihnen von Treffen berichtete, auf denen über einen Anschlag gegen einen Oberstaatsanwalt beraten wurde. Keine zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen, kein zusätzlicher Personenschutz – nichts.
Was nützt moderne Technik, so fragte sie sich, wenn konkrete Hinweise von unten nicht ernst genommen werden?
Weil sie die Führung als katastrophal und die Bezahlung für diesen gefährli-chen Job als zu schlecht empfand, versuchte „Emden 852“ erneut, bei ihrer örtlichen Dienststelle andere Führungsbeamte zu bekommen. Erneut blitzte sie ab.
Daraufhin ging sie zur Bundesanwaltschaft und schildert ihre Erlebnisse. Die Reaktion:

O-Ton; V-Frau „Emden 852“:
„Die waren entsetzt. Die wollten sich für eine Änderung einsetzen, doch es passierte nichts. Allerdings war jetzt das Landesamt in Baden-Württemberg sauer. Die sind wohl eifersüchtig aufeinander. Sie sagten mir, daß ich aus-steigen soll. Ein Grund, den sie mir nannten, war, daß ich zu teuer sei. Ein Witz. Allerdings wunderte ich mich über die Summen, die ich angeblich erhalten hatte. Jetzt wußte ich auch, daß es eine riesige Dummheit war, Quittungen über erhaltenes Geld zum Teil blanco zu unterschreiben.“

Kommentar:
Aus ihrer konspirativen Wohnung, die der Verfassungsschutz hier gemietet hatte, mußte sie ausziehen. Eine neue besorgte man ihr nicht. Sie stand auf der Straße.
Jetzt ist sie auf Sozialhilfe angewiesen und lebt in einer anderen Stadt ein neues Leben – in der ständigen Angst, daß sie erkannt wird.
Der Terror geht weiter und auch die öffentlichkeitswirksamen Forderungen von Politikern:

O-Ton; Bundesinnnenminister Zimmermann (9.7.86):
„Sie müssen ja nicht in die engste Tätergruppe eingeschleust werden. Es genügt, wenn sie in das erste Umfeld von ein paar hundert Personen, die wichtige Aufgaben zu erfüllen haben und manches wissen, wenn sie da Zugang bekommen.“

O-Ton; V-Frau „Emden 852“:

„Genau dort habe ich gearbeitet. Dafür mußte ich alles aufgeben. Und der Dank? Man hat kein einziges Versprechen gehalten. Als ich sagte, ich werde mich dagegen wehren, indem ich an die Öffentlichkeit gehe, drohte man mir mit einem Strafverfahren wegen Geheimnisverrats. Jetzt habe ich dieses Risiko auf mich genommen, weil ich Angst habe. Und weil ich endlich eine neue Arbeitsstelle und eine neue Identität will. Was nützen V-Leute in der terroristischen Szene, die verarscht werden. Sie werden doch nur verheizt. Im Kampf von Dilettanten gegen Profis.“

(Quelle: ARD-Fernseh-Magazin PANORAMA, Nr. 424, 4.11.1986)
aus: Tagesspiegel, 6.9.1990