Literatur

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Literatur zum Thema „Vier Jahrzehnte Bürgerrechte & Polizei/Cilip“ ließe sich auf verschiedenem Wege besprechen: Einer könnte in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre beginnen, als in der Bundesrepublik langsam und spärlich die Polizei, die Apparate des Gewaltmonopols im Innern, politisch und sozialwissenschaftlich entdeckt und die staatstragenden juristischen Apologien mit Alternativen kon­fron­tiert wurden. Diese Lage hat sich deutlich verändert: Die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit der Staatsgewalt im Innern hat ein an­sehnliches Ausmaß angenommen (nicht zuletzt durch den mit der Akademisierung der Polizeiausbildung bewirkten Ausbau von Forschung über die Polizei); soziale Bewegungen protestieren dauerhaft und öffentlichkeitswirksam gegen den Ausbau der Apparate; und innerhalb der Rechtswissenschaft haben sich Traditionslinien entwickelt, die die Ideen rechtstaatlich-demokratisch-liberaler Verfassungsstaaten gegen Politiken verteidigen, die in immer neuen Versionen versuchen, die staatlichen Zwangsgewalten auf Kosten von Grund- und Freiheitsrechten auszubauen.

Ein anderer Weg des Rückblicks könnte die Wirkungen kritischer Polizeibeobachtung und -analyse in Augenschein nehmen: Es gibt eine – in Konjunkturen wechselnde – Sensibilität in „Polizeifragen“, auch wenn diese selten die Mehrheit der Bevölkerung ergreift. Insbesondere im Hinblick auf die Protestbewegungen sind kritische Informationen über die Entwicklung im inneren Sicherheitssektor wichtig – auch wenn nicht ersichtlich ist, dass sie zu einer bürgerrechtlicheren Politik geführt hätten. Die Wirkungen auf die Rechtswissenschaften sind begrenzt; denn der Mainstream bewegt sich in den Echokammern des juristischen Fachdiskurses, in dem nichtjuristische Quellen als nicht satisfaktionsfähig ignoriert werden. Und die sozialwissenschaftliche Polizeiforschung? Sie stellt mittlerweile eine bunte Landschaft dar, in der nicht immer klar wird, ob es sich um eine Forschung für die Apparate oder über die Apparate innerer Sicherheit handelt, ob es um die Effektivierung von Kontrollpraktiken oder um den Schutz von Bürgerrechten, ob es um die suboptimale Anwendung des Rechts oder um fragwürdiges Recht und fragwürdige Praktiken geht.

Im Folgenden wird ein dritter Weg des Blicks auf die Literatur beschritten, indem zwei aktuelle Sammelbände etwas ausführlicher und ein antiquarisches Werk kurz gewürdigt werden.

Busch, Heiner; Funk, Albrecht; Kauß, Udo; Narr, Wolf-Dieter; Werkentin, Falco: Die Polizei in der Bundesrepublik, Frankfurt, New York (Campus Verlag) 1985

35 Jahre nach seinem Erscheinen ist dieser Band selbstredend veraltetet. Er stellte zum damaligen Zeitpunkt einen Meilenstein dar, weil er die erste sozialwissenschaftliche Gesamtdarstellung der „Polizei in der Bundesrepublik“ war. Wer die Polizei(politik) bis in die 1980er Jahre nachvollziehen will, muss dieses Buch in die Hand nehmen. Die beiden empirischen Analysen (Strukturen der Apparate, Polizei in Aktion) sind heute als Vorgeschichte von Interesse, die dringend fortgeschrieben werden müsste. Vor allem fortgeschrieben werden müsste aber die Verbindung einer solchen detaillierten Analyse mit den Wandlungen des gesellschaftlichen Kontextes, die im letzten Kapitel des Bandes unternommen wird. Statt einer solchen Zusammensicht liefert die Gegenwart viele verstreute Bruchstücke, die darauf warten, dass ihr Verhältnis zueinander genauer – und unterhalb von Schlagworten – bestimmt würde. Exemplarisch wird dies an den folgenden Veröffentlichungen deutlich.

Loick, Daniel (Hg.): Kritik der Polizei, Frankfurt, New York (Campus Verlag) 2018, 346 S., 24,95 EUR (als eBook: 22,99 EUR)

Ein Band mit dieser Überschrift muss in einem Periodikum, das seine Existenz(berechtigung) der „Kritik der Polizei“ verdankt, Zustimmung hervorrufen. Denn „Kritik an der Polizei“ (der Titel ließ sich auch als von der Polizei zum Ausdruck gebrachte Kritik verstehen), die von demokratisch-menschenrechtlichen Positionen ausgeht, ist dauerhaft geboten. Jenseits dieser lobenswerten Intention verstört zunächst die Komposition des Sammelbandes, dessen 17 Beiträge in die Teile „Geschichte der Polizei“, „Die Polizei gegen die Demokratie“, „Polizei und Rassismus“, „Die Polizei im Neoliberalismus“ und schließlich „Jenseits der Polizei“ gruppiert sind. Diese Gliederung scheint genauso beliebig wie die zwei bis vier Aufsätze, die die Teile jeweils mit Inhalt füllen. Mit Foucault und Agamben werden große Namen für den polizeigeschichtlichen Teil ins Feld geführt. Aber unklar bleibt, warum die Auswahl gerade auf diese Passagen fiel. Die drei Seiten Agambens sind so voraussetzungsvoll, dass sie nur miss- oder gar nicht verstanden werden können; und von Foucault gibt es Texte, die mehr zum Verständnis der Polizeientwicklung beitragen als dessen Analyse eines Textes aus dem frühen 17. Jahrhundert. Warum zwischen diesen Beiträgen eine Auseinandersetzung mit Adam Smith und eine Abhandlung zu den US-ameri­kanischen Sklavenpatrouillen, die 1866 endeten, platziert sind, bleibt ein Geheimnis, das der Herausgeber auch in seiner Einleitung nicht lüftet.

Die Beliebigkeit des Bandes gilt auch für die anderen Teile. Mal geht es um Deutschland, mal um Frankreich, mal um Kanada oder Südafrika. Polizeilicher Rassismus wird allein als Racial Profiling thematisiert. Und welche Gegenwartsanalyse ließe sich nicht unter „Die Polizei im Neoliberalismus“ rubrizieren? Der willkürlich erscheinende Zusammenhang schmälert den Wert der einzelnen Beiträge durchgängig nicht. Einige Beispiele: Unter dem Titel „Polizei und Rechtsstaat: Über das Unvermögen, exekutive Gewalt einzuhegen“ warnt Maximilian Pichl vor der Illusion, die strukturelle Verselbstständigung der Polizei ließe sich mit gesetzlichen Regulierungen aufhalten. An den aktuellen Beispielen der „drohenden Gefahr“ und der Konstruktion „gefährlicher Räume“ zeigt er, wie der Apparat in immer neuen Versionen liberale Versprechen unterläuft. Didier Fassins Aufsatz über „die Politik des Ermessensspielraums“ verdeutlicht am französischen Beispiel, wie die Praktiken der hand­arbeitenden Polizist*innen mit den politischen Strategien der Feind­­erklärungen und des „Sicherheitsmanagements“ ineinandergreifen. Am Berliner Beispiel kann Jenny Künkel die Bedeutung lokaler Sicherheitsdiskurse für die polizeiliche Positionierung nachweisen. Die Polizei erscheint hier als komplexe Organisation, in der unterschiedliche Orientie­rungen sichtbar werden: Entdramatisierung des Sicherheitsgeschehens auf der einen, Betonung von Kontrollstrategien auf der anderen Seite. Zugleich wird aber auch deutlich, dass selbst „aufgeklärte“ Polizeistimmen den Kontrolldiskurs verstärken. Am Ende des Bandes will Kristian Williams „die Polizei überflüssig machen“. Quer über den Erdball sucht er nach Beispielen, in denen Gemeinschaften und nicht der Staat für die „öffentliche Sicherheit“ verantwortlich waren. Liest man gegen die Intention des Autors, so muss man feststellen: Regelmäßig sind sie am staatlichen Monopolanspruch gescheitert; und mitunter scheint dies aus bürgerrechtlicher Sicht ein Segen gewesen zu sein. Bemerkenswert an dem Aufsatz ist der durchgängige Glaube an die Selbstregulierungsfähigkeit von „Gemeinschaften“ – bemerkenswert deshalb, weil der Autor gegen Ende des Aufsatzes auf das Problem verweist, dass es „in dem meisten Fällen … keine Community“ mehr gibt.

Die Fundstücke der Beiträge werden leider nicht zusammengebracht. Der Herausgeber beschränkt sich in seiner Einleitung im Wesentlichen auf die Kurzvorstellung der folgenden Aufsätze. Zentrale inhaltliche Elemente bilden einerseits die „differentielle Operationslogik“, auf die Daniel Loick mehrfach hinweist: Polizei handelt anders, ob sie mit Mann oder Frau, mit Einheimischen oder (vermeintlich) Fremden, mit weißen oder farbigen Menschen, mit Armen oder Reichen, mit Street corner-Jugendlichen oder Manager*innen zu tun hat. Das stimmt, ist aber vielleicht auch wieder ein wenig zu plakativ, denn „die“ Polizei ist dann doch wieder ein heterogenes Gebilde. Der zweite Topos der Einleitung nimmt Bezug auf die Entstehung des modernen Polizeibegriffs, durch den die alte „polizey“ von ihren sozial regulierenden Aufgaben befreit und auf Gefahrenabwehr und Strafverfolgung reduziert wurde. Durch diese Entwicklung sei „das Soziale depolitisiert und das Problem der Armut individualisiert“ worden. Unabhängig von ihren sozialen Entstehungsfaktoren habe so eine Sphäre der „Sicherheitsproduktion“ entstehen können, der man ihren Ursprung nicht mehr ansieht. Das war in der Tat der Kampf des liberalen Bürgertums: Dass der Staat sich aus dem bürgerlichen Alltag herauszuhalten habe und nur dort eingreife, wo die Sicherheit (der Person, des Eigentums, des Staatswesen) in Gefahr geriet. Wie die freiheitssichernden Wirkungen dieser funktionellen Differenzierung realisiert und in den „Perspektiven, … die über eine polizeiliche Rechtsdurchsetzung hinausweisen“ aufgehoben werden können, das lässt der Band – leider – offen.

Howe, Christiane; Ostermeier, Lars (Hg.): Polizei und Gesellschaft. Transdisziplinäre Perspektiven zu Methoden, Theorie und Empirie reflexiver Polizeiforschung, Wiesbaden (Springer VS) 2019, 273 S., 44,99 EUR (als eBook: 34,99 EUR)

Während der Loicksche Sammelband eine deutlich politisch-gesell­schaftliche Ausrichtung aufweist, ist für Howe und Ostermeier die Wissenschaftsorientierung zentral. Ausweislich der Einleitung geht es in dem Band – und der ihm zugrunde liegenden Tagung an der FU Berlin im Jahr 2014 – darum, die „disziplinäre Fragmentierung der deutschen Polizeiforschung … ein wenig zu verringern“. Die Basis bildet dabei eine soziologische Herangehensweise, die das Erkenntnisinteresses gleichermaßen auf den Forschenden wie auf den Forschungsgegenstand richtet (deshalb „reflexive Polizeiforschung“). Was auf den ersten Blick aufgeklärten Zeitgenoss*innen als trivial erscheinen mag – dass die Beobachtenden um ihre eigene Zeit- und Gesellschaftsgebundenheit, ihre eigenen sie leitenden und begrenzenden Kontexte wissen und diese in ihren Arbeiten thematisieren – wandelt sich schnell zur Verniedlichung des Gegenstandes: Durch den konstruktivistischen Blick werde „die Pluralität als Grundverfassung von Gesellschaften anerkannt“. Bemerkenswert, weil es sich bei der Polizei um eine Einrichtung handelt, die ihrem Wesen nach mit dem Kampf gegen „Pluralität“ befasst ist bzw. wird. Dass es demnach „keine in dem Sinne objektive, privilegierte Beobachterperspektive geben“ könne, kann deshalb nur behaupten, wer die Dimensionen von Gewalt, Macht und Herrschaft aus den Augen verloren hat.

Die zehn Beiträge des Bandes halten sich nur zum Teil an dieses Programm. Sie verzichten fast regelmäßig auf die Selbstreflexion. Und die „Pluralität der Perspektiven“ wird, gerade weil auch die nicht reflektiert wird, zur affirmativen Beliebigkeit. Dabei sind die Aufsätze durchaus lesenswert und geben Einblick in aktuelle Forschungsansätze, insbesondere solche, die sich ethnografischer Methoden bedienen, aber sie lösen das (selbst)kritisch-reflexive Versprechen überwiegend nicht ein.

Der Einleitung folgt ein Beitrag von Rafael Behr. Ein ausgewiesener Kenner schreibt über „Die polizeiliche Konstruktion der ‚gefährlichen Fremden‘“. Handelte es sich um die angekündigte „reflexive Polizeiforschung“, dann hätte der Autor reflektieren müssen, dass er als weißer Mann, als staatlich finanzierter Hochschullehrer etc. über ein Thema schreibt, das ihn wohl nie betreffen wird. Betroffene würden in der Residenzpflicht nach § 56 Asylgesetz vermutlich nicht „als abstrakt gesehen eine wenig zu beanstandende Steuerungsfunktion“ betrachten. „Reflexiv“ würde bedeuten, diese versteckten Bewertungen zu thematisieren.

Demgegenüber erfüllt Daniela Hunolds Bericht über ihre teilnehmende Beobachtung am schutzpolizeilichen Dienst einer westdeutschen Großstadt die Ankündigung, „reflexive“ Forschung zu betreiben. Denn unter „Polizeialltag, hegemoniale Männlichkeit und reflexive Ethnografie“ (so der Untertitel) wird ausführlich thematisiert, dass die Forschende als Frau in eine Institution „hegemoniale(r) Männlichkeit“ eintritt und von ihr Positionierungen im Feld erwartet werden. Positionierungen, die dazu führten, dass sie ihren „Aufmerksamkeitsfokus im Laufe des Forschungsprozesses mitunter“ veränderte.

Im nachfolgenden Beitrag über die der New Yorker Polizei beschreibt Niklas Creemers das Zusammenwirken polizeilicher (edv-ge­stützter) Kriminalitätskartierungen und polizeilicher Einsatzstrategien. In der Actor-Network-Theory sieht er das methodische Potenzial zur Analyse derartiger Prozesse. Von Selbstreflexion des Forschenden im Feld keine Spur. Das gilt ebenfalls für die nachfolgenden Aufsätze von Jan Beek (Vergleich polizeilicher Praxis in Deutschland und Ghana) und Christiane Howe über präventive Polizeiarbeit. Nach einer kritischen Perspektive sucht man in diesen Arbeiten vergebens. Die dichte Annäherung an die Untersuchungsgegenstände führt dazu, dass Beek nicht die Frage nach den Regeln des Zusammenlebens in Ghana jenseits der Polizei stellt. Sie führt bei Howe dazu, dass die Strategien von Präventionspolizist*innen – mit anerkennend-lobendem Unterton – nachgezeichnet werden. Dabei wird die Definition des Präventionsbegriffs von diesen ebenso übernommen, wie das rechtliche Spannungsfeld, in dem diese Art von Prävention steht (Stichwort: Legalitätsprinzip), ignoriert wird. Wer betont, dass diese Prävention „als eine anders verfasste polizeiliche Arbeit begriffen werden“ kann, der/die sollte nicht verschweigen, dass sich dann der Radius, der Zuständigkeitsbereich der Polizei massiv erweitert – ohne dass sich die Kernfunktion der Institution geändert hätte.

Auch in dem gemeinsam mit Dörte Negnal und Yannik Porsché verfassten Beitrag wird deutlich, wie begrenzt der Horizont „reflexiver Polizeiforschung“ ist. Der „ethnomethodologischen Perspektive“ gehe es darum, „kritische Institutionenforschung“ um eine „gegenstandsorientierte Dimension zu ergänzen“ – als ob sozialwissenschaftliche oder juristische Arbeiten nicht auf ihre Gegenstände orientiert seien. Aber unter „gegenstandorientiert“ verstehen die Autor*innen, sich der Gegenstandsdefinition der Beforschten anzupassen: „die ‚Spielräume‘, in denen sich Polizei­(beamt*innen) bewegen, auszuloten und zu eruieren, wie sie diese (anders) füllen“. Das ist Forschung mit dem Ziel, „im Sinne eines maßvollen Fortschritts pragmatische Alternativen zu eröffnen“. (Schlusssatz!)

Im Beitrag von Peter Ullrich über „Polizei im/unter Protest erforschen“ wird deutlich, was die vorhergehenden Beiträge des Bandes verschwiegen haben: Wie war es ihnen gelungen, an Streifenfahrten teilzunehmen, die Polizeiarbeit auf den Revieren zu beobachten, mit Polizist*innen Interviews zu führen? Die Polizei ist eine – auch gegenüber externer Wissenschaft – abgeschottete Institution. Der Zugang zu ihr muss von oben gewährt werden. Ullrich schildert die Phasen und Strategien, wie der Apparat und die in ihm Arbeitenden versuchen, sich von Wissenschaftler*innen nicht zu genau in die Karten gucken zu lassen. In den „Fünf Barrieren auf dem Weg zur Polizei“ wird detailliert nachgezeichnet, vor welchen Schwierigkeiten der Feldzugang stand und welche methodischen Verzerrungen berücksichtigt werden müssen, wenn die Befunde aus dem „Feld“ präsentiert werden. Ernüchternd sind allerdings die als Schlussfolgerung vorgestellten „Ansätze zum Umgang mit Schwierigkeiten in der Polizeiforschung“: Dass auf Datentriangulation verwiesen wird, Interviewführung zu zweit empfohlen und Tipps zum Verhalten bei Interviews gegeben werden und schließlich zur „Selbstreflexion“ aufgefordert wird, das wirft ein bezeichnendes Licht auf die methodischen Nicht-Standards in der deutschen Polizeiforschung.

Benjamin Derin und Tobias Singelnstein liefern einen aktuellen, kompakten und kritischen Überblick über die in Deutschland existierenden „amtliche(n) Kriminalstatistiken“. Dass empirische Polizeiforschung, die mit diesen Daten arbeitet, deren Spezifika kennen muss, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Die Autoren verstehen ihren Beitrag als Aufruf zu Vorsicht, die beschränkte Aussagekraft amtlicher Daten in der Arbeit mit diesen in Rechnung zu stellen. Damit schrumpft das Reflexive auf methodische Sorgfalt.

Bevor der Band mit einem Aufsatz von Dominik Nagl über „Émile Durkheim in Massachusetts“ abgeschlossen wird (ein Beitrag, dem erneut jede reflexive Perspektive fehlt), setzt sich Michael Jasch mit „Kritische(r) Lehre und Forschung in der Polizeiausbildung“ auseinander. Im ersten Teil zeichnet Jasch die verschiedenen Formen der Akademisierung der Polizeiausbildung nach. Seine These, dass diese Veränderungen „keinen Einfluss auf die ‚Polizistenkultur‘ der Berufsanfänger*innen“ hat, kann er plausibel belegen. Im letzten Kapitel werden die sich aus der Akademisierung ergebenden Forschungschancen thematisiert, denn mit den Fachhochschulen und Akademien wächst das wissenschaftliche Personal im polizeilichen Institutionengeflecht. Während es externen Forscher*innen an Zugängen zum Forschungsfeld fehle, mangele es „den potenziellen Forscher*innen mit Zugängen … an den notwendigen Ressourcen“. (Hier schreibt der Hochschullehrer Jasch über die Bedingungen seiner wissenschaftlichen Existenz; „reflexiv“ wäre, wenn dies auch thematisiert würde.) Die Bedingungen an polizeinahen oder -ei­genen akademischen Instituten stehen der Entwicklung einer kritischen Forschung über die Polizei entgegen. (sämtlich: Norbert Pütter)

Aus dem Netz

https://kop-berlin.de

Die Berliner „Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt“ (KOP) wurde 2002 gegründet. Ähnliche Gruppen sind in Kiel (https://kop-kiel.de) und Bremen (https://kopbremen.noblogs.org) entstanden. KOP verfolgt das Ziel, „auf verschiedenen Ebenen institutionellem Rassismus entgegenzutreten und damit den rassistischen Normalzustand zu durchbrechen“ (Selbstdarstellung): Die Betroffenen sollen gestärkt, die Öffentlichkeit über rassistische Praktiken informiert und die Polizei soll verantwortlich und unter Druck gesetzt werden.

In sechs Kategorien gibt die Homepage Auskunft über die Arbeit von KOP. Unter „Was darf die Polizei, was nicht?“ und unter „Schritte gegen Polizeigewalt“ findet man knappe Darstellungen der Rechtsgrundlagen polizeilichen Handelns und Verhaltensratschläge für Betroffene und Zeug*innen. Unter „Beratung“ werden Adressen und Kontaktdaten von Opferberatungsstellen (in Berlin und den östlichen Bundesländern) aufgelistet. In der Rubrik „Veranstaltungen“ stellt die Kampagne ihre Aktionen vor: aktuell etwa die Präsentation eines Rechtsgutachtens zu den „gefährlichen Orten“ in Berlin, das im Rahmen von „Ban! Racial Profiling!“ entstanden ist. Als „Artikel“ sind auf der Seite teilweise Beiträge aus anderen Quellen eingestellt, teilweise handelt es sich um Originaltexte. Die Suche kann nach vorgegebenen Themen („Urteile“, „Unabhängige Kontrollinstanz“ etc.) eingegrenzt werden.

Wer – auch als nicht unmittelbar Betroffene*r – mehr über die rassistische Polizeiwirklichkeit in Deutschland wissen will, wird unter „Chro­nik“ umfangreich und anschaulich informiert. Aktuell hat die „Chronik rassistisch motivierter Polizeivorfälle für Berlin von 2000 bis 2018“ einen Umfang von 250 Seiten. Die Fallschilderungen sind von KOP verfasst und beruhen auf der Auswertung verschiedener Quellen – von Medienberichten bis zu Schilderungen von Betroffenen oder Zeug*innen. Auch die straf- und zivilrechtlichen Folgen der Vorfälle werden präsentiert. Bei dieser – gewiss unvollständigen – Sammlung handelt es sich „um Gegenerzählungen, die die Wahrnehmung polizeilichen Verhaltens aus Sicht der Betroffenen wiedergeben und offiziellen Darstellungen in der Regel widersprechen.“ (Norbert Pütter)

Sonstige Neuerscheinungen

Milz, Kristina; Tuckermann, Anja (Hg.): Todesursache: Flucht. Eine unvollständige Liste, Berlin (Hirnkost-Verlag), 2018, 453 S., 3,99 EUR

Pünktlich zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember 2018 hat der Berliner Hirnkost-Verlag ein erschreckendes Buch herausgebracht. Vertreten sind darin Texte von Autor*innen von (zumeist) Menschenrechtsgruppen und universitären Seminaren, aber auch aus der evangelischen Kirche und dem PEN-Club. Treffender als Heribert Prantl, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, dies in seinem Beitrag tut, kann man die zynische europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik kaum deutlich machen: „Der Leiche von Aamir Ageeb ging es gut. Sie stand unter der Obhut der Staatsanwaltschaft und fand Betreuung nach den Richtlinien für das Straf- und Bußgeldverfahren. Die Gerichtsmedizin in München inspizierte und obduzierte den Leichnam. Die Rechtsmedizin in Frankfurt wiederholte die Totenschau, ‚um ja nichts zu versäumen‘, …“ (S. 19). Im Folgenden skizziert er den Fall des Asylbewerbers Ageeb und die Umstände seines Todes auf dem Abschiebeflug in den Sudan – um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen: „Wenn es bei der Rettung des Euro so kläglich wenig Einsatz gegeben hätte wie bei der Rettung von Flüchtlingen: Es gäbe den Euro schon längst nicht mehr.“ (S. 21) Nicht minder aufwühlend ist der Fall des sudanesischen Flüchtlings Nur Zakaria Adam, der – unterstützt von einem Mitarbeiter der Freien Universität Berlin – lange um seine Anerkennung kämpfen musste und als er Ende 2013 endlich einen Aufenthaltstitel bekam, vor Erleichterung an Herzversagen starb (S. 67f.).

Den umfangreichsten Teil des Buches mit rund 330 Seiten macht die Liste der rund 35.000 Menschen aus, die in den letzten 25 Jahren auf der Flucht nach Europa starben – eine Liste, die immer wieder durch kurze Präsentationen von Einzelschicksalen unterbrochen wird. Die Liste enthält nur die bekannt gewordenen Todesfälle und viele Tote bleiben hier namenlos. Zusammengestellt wurde die Liste von der Organisation UNITED for Intercultural Action mit Sitz in Amsterdam. Dieses Buch ist schwere Kost. Man sollte es dennoch lesen. (Otto Diederichs)

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