Zwischen Repression und Schutz: Der Alltag der Polizei und das Umgehen mit vulnerablen Gruppen am Beispiel Jugendlicher

von Nils Zurawski

Prügelnde Polizei, Korpsgeist, latenter Rassismus, Beratungsresistenz – einige Punkte, die derzeit an der Polizei kritisiert werden. Das Bild vom Alltag der Polizei ist verzerrt und einseitig, ihre Arbeit wesentlich breiter, wenn auch selten frei von Ambivalenz. Unterwegs mit einer Einheit des Jugendschutzes soll ein anderer Alltag gezeigt und kritisch reflektiert werden.

Verließe man sich allein auf die Nachrichtenbilder im Fernsehen und in den sozialen Medien, dann könnte man sehr wohl zu der Überzeugung gelangen, der Alltag der Polizei würde darin bestehen, Demonstran­t*innen zusammen zu knüppeln und gegen marginalisierte Gruppen vorzugehen. Hier zeigt sie sich als der Herrschaftsapparat schlechthin, im Dienste einer Obrigkeit, oft genug auch entkoppelt von ihr, scheinbar nicht zu beherrschen. Das Bild ist richtig und wahrscheinlich falsch gleichermaßen. Richtig, weil es diese Vorkommnisse gibt, die Polizei gegen jede Selbstwahrnehmung von der Bürgerpolizei und des „Freundes und Helfers“ eben ein Herrschafts- und Unterwerfungsapparat ist.

Über „die“ Polizei zu schreiben und diese zu analysieren ist dabei die eine Sache, über Polizist*innen in ihrem Berufsalltag eine ganz andere. Das hat u. a. mit den Möglichkeiten für ethnografische Zugänge und teilnehmende Beobachtungen zu tun. Diese sind oft schwierig zu bekommen, weshalb eine Forschung zu „der“ Polizei vor allem auf den Verwaltungsapparat konzentriert ist, der das staatliche Gewaltmonopol besitzt. Es ließe sich einwenden, dass Polizei immer Polizei ist und der Alltag unter Umständen im Detail unterschiedlich verläuft, aber generell immer die gleiche Arbeit darstellt. Ich halte eine solche Sicht auf Polizei für zu eng. Auch wenn Polizei überall und immer ein Herrschafts- und Unterwerfungsapparat des Staates ist, so variieren die Kulturen, Praktiken und Selbstverständnisse international erheblich und auch innerhalb nur eines Landes lassen sich unterschiedliche Arbeitsweisen und vielfältige Tätigkeitsbereiche feststellen. Insofern ist es nicht wahrscheinlich, dass die obigen Bilder allein den Alltag der Polizei beschreiben können, auch wenn es Betroffenen schwer fallen muss, andere Vorstellungen zu entwickeln.

Aber wie genau ist der Alltag der Polizist*innen und welcher Alltag ist gemeint? Auf den erwähnten Bildern sehen wir vor allem gepanzerte Polizei, ausgerüstet für harte Auseinandersetzungen mit einem mutmaßlichem Gegner, organisiert in geschlossenen Einheiten, so genanntes public order policing. Zwar sind auch diese schockierenden Bilder ein Teil des Alltages, davon abweichende sind es aber ebenso, und diese sind vor allem in der Selbstwahrnehmung der Polizei essentiell. Daher ist ein breiter und differenzierter Blick auf die verschiedenen Alltagsroutinen der Polizei lohnenswert. Im Folgenden möchte ich daher einen Blick auf einen öffentlich eher weniger wahrgenommenen Ausschnitt von Polizeiarbeit werfen, der wichtig ist, weil es sich dort beim „polizeilichen Gegenüber“ um Jugendliche und junge Erwachsene handelt.

Die Qualität dieser Begegnungen hat somit zum Teil einen Einfluss auf deren Bild von Polizei und den späteren Umgang mit ihr. Grundsätzlich gute Erfahrungen, die jenseits der oft Gewalt-beladenen Bilder von Auseinandersetzungen bei Demonstrationen liegen, könnten zu einem anderen Bild, Umgang und Einstellung zur Polizei führen. Dass es grundsätzlich „gute“ Erfahrungen mit der Polizei überhaupt geben kann, nehme ich hier einfach mal an, auch wenn viele Jugendlichen eher ein distanziertes Verhältnis zu Polizei pflegen dürften, insbesondere dann, wenn sie zu bestimmten Gruppen gehören – z. B. Migrant*innen, Bewohner*innen sozial schwächerer Viertel, bestimmten Subkulturen angehören usw. Insgesamt gibt es leider viel zu wenig Forschung zum Polizeialltag, der tiefere Einblicke und dichtere Beschreibungen ermöglichen und somit andere Analysen liefern könnte. Hier sind vor allem die Arbeiten von Didier Fassin zum Alltag der französischen Polizei hervorzuheben.[1]

Jugendliche und Polizei

Bei einer Feldforschung auf einer deutschen Polizeiwache (September 2017 – März 2018), während der ich mit verschiedenen Einheiten unterwegs gewesen bin, habe ich auch viel Zeit mit dem so genannten Jugendschutz verbracht. Der Jugendschutz, früher die Abteilung „Sitte“, kümmert sich um Jugendliche in den Bezirken und vor Ort. Er ist für so genannte Jugendlagen zuständig, also für Situationen und Lokalitäten, wo sich viele Jugendliche gesammelt und verstärkt aufhalten, z. B. auf Volks­festen, an beliebten Treffpunkten in der Stadt, am Hauptbahnhof, in Parks und auch bei Protesten oder anderen Aktionen wie Halloween oder Silvester.

In den Begegnungen treffen Polizeialltag und der Alltag der Jugendlichen aufeinander. Hier werden Macht, Staat, Möglichkeiten von Freiheit und die eigene Rolle ausgehandelt, nicht nur für den Moment, sondern auch darüber hinaus. Nicht alle Jugendlichen kommen in Kontakt mit den Mitarbeiter*innen der Jugendschutzeinheiten in den verschiedenen Bezirken, sondern hauptsächlich diejenigen, die unter die oben genannten Kategorien fallen. Grundsätzlich könnte man den verfolgten Ansatz der Einheiten als polizeiliche Sozialarbeit bezeichnen. Sie unterscheidet sich grundsätzlich von der Arbeit bei Demonstrationen oder auch nur von der normaler uniformierter Beamt*innen auf Streife, sei es zu Fuß oder mit dem Wagen. Zwar arbeitet der Jugendschutz in zivil, wird aber von den betroffenen Jugendlichen oft aus der Entfernung erkannt – was auch sein erklärtes Ziel ist.

Ich möchte im Folgenden anhand von drei ethnographischen Vignetten solche Begegnungen nachzeichnen, weil darüber sowohl ein besonderer und durchaus vielseitiger Alltag von Polizist*innen sichtbar wird und andererseits sich diese Begegnungen sehr gut eignen, um über die Rolle von Polizei im Rahmen von gesellschaftlicher Ordnung generell nachzudenken und nicht nur in eskalierenden Ausnahmesituationen, wie sie Demonstrationen mitunter darstellen können.

Vignette 1: Auf dem Jahrmarkt

Während meiner Feldforschung war Jahrmarkt in der Stadt. Auf der Jahrmarkt-Wache trafen sich die Jugendschützer aus allen Bezirken, da „ihre“ Jugendlichen hier zusammenkamen. Das ist schon deshalb interessant, da hier auf eine offensichtliche Nähe zwischen Polizei und Jugendlichen gesetzt wird, die diese Arbeit besonders kennzeichnet. Ich habe dort an mehreren Tagen verschiedene Jugendschützer begleitet.

Aus meinen Feldaufzeichnungen zum ersten Besuch:

Mit Apollo[2] fahren wir zum Jahrmarkt. Wir gehen in die Jahrmarktwache, ich werde vorgestellt, aber nur kurz, gebe wie immer allen die Hand … Ich bin inzwischen überall der Prof., der ein Buch schreibt. Ich gehe mit Apollo los, Tom und Irene sind das andere Team. Erster Anlauf, der „Türken-Scooter“. Noch ist nicht viel los, aber als wir ankommen, gibt es eine Schubserei zwischen zwei Leuten, beide ca. Mitte 20, einer betrunken. Freunde, wie sich rausstellt. Die Kollegen reagieren schnell, und zufällig sind auch zwei Uniformierte da. Etwas abseits wird belehrt, ein Platzverweis ausgesprochen. Tom erklärt mir, was er gemacht hat und warum: „So ein Verhalten wollen wir hier nicht“. … Wir machen eine Jahrmarktsrunde, Apollo begrüßt einige Schausteller, … unterhalten uns über Polizei …

Ein weiterer Besuch, dieses Mal mit zwei Polizistinnen, Anja und Irene. Die Schilderung ist eine kommentierte Zusammenfassung meiner Aufzeichnungen. Irene erklärt mir die Arbeit des Jugendschutzes als eine offensive Polizeiarbeit in zivil. Sie wollen von den Jugendlichen erkannt werden, dennoch existiere ein Unterschied zu den uniformierten Beamt*innen, die auch auf dem Jahrmarkt ihre Runden gehen und deren Präsenz oft nicht als vorteilhaft angesehen wird, da ihnen die nötige Nähe abgehen würde.

Wir stehen am oberen Treppenabsatz der U-Bahnstation, die direkt auf den Jahrmarkt führt. Die beiden Jugendschützerinnen halten Ausschau. Als in einer Gruppe von Mädchen ein lauter, hörbarer Streit ausbricht, gehen die beiden dazwischen und kontrollieren die Ausweise. Ihr Hauptaugenmerk dabei gilt vor allem dem Alter der Mädchen, ihrer Aufmachung, ob sie bereits etwas getrunken haben oder Alkohol bei sich führen. Im Grunde überprüfen sie die Einhaltung der Jugendschutzgesetze, die den Aufenthalt von Jugendlichen in der Öffentlichkeit regulieren. Die kontrollierten Mädchen sind sehr cool und herausfordernd gegenüber den beiden Polizistinnen. Maulend zeigen sie ihre Ausweise und lassen sich belehren, eher gelangweilt denn erschrocken. Sie scheinen diese Prozedur bereits zu kennen. Ich überlege, ob das gut oder schlecht ist und was das bedeutet. Kontrollieren die Beamtinnen vor allem bestimmte Jugendliche, spielen Aussehen, Kleidung, Hautfarbe – zwei der fünf Mädchen sind dunkelhäutig – eine Rolle? Oder sind Jugendliche einfach auch mit 15, 16 Jahren schon so cool und verweigern der Polizei eine gewisse Obrigkeitshörigkeit und damit auch den Respekt, der erwartet wird?

Zurück auf dem Jahrmarkt, reden die beiden mit mir über die Kontrolle von eben, während sie das Geschehen an dem Fahrbetrieb beobachten. Irene offenbart „irre Wut“ über viele Jugendliche und äußert das Bedürfnis, auch mal härter durchzugreifen zu können. „Die dürfen alles, keiner kümmert sich, sie sind allein gelassen, ohne Begrenzung, ohne Führung“, analysiert sie kühl. Auch Anja ist wenig blauäugig, betont aber den Menschlichkeitsaspekt ihrer Arbeit, da sie so auch zu Bezugspersonen für einige dieser Jugendlichen werden, wenn schon sonst niemand ihnen eine Begrenzung aufzeigen würde. Werte und Verhaltensnormen haben eine zentrale Bedeutung für die Beamtinnen in ihrer Arbeit hier. Die Erzählungen schwanken zwischen dem Bedürfnis zu erziehen und gleichzeitig als Polizistin repressiv zu agieren.

Vignette 2: Ein Norm- und Hilfegespräch

Auszug aus meinen Feldnotizen zu einem Norm- und Hilfegespräch bei zwei Kindern, die Opfer eines Übergriffs geworden sind.

Anwesend sind ein elfjähriger Junge, ein 14-jähriges Mädchen, die Mutter sowie eine weitere Freundin der Mutter. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, die Mutter sehr bemüht, etwas unterwürfig, aber froh, dass wir da sind. Ich werde als Hospitant vorgestellt. Apollo fragt nach, was passiert ist, gibt eine kurze Einleitung, will aber von den Kindern die Geschichte nochmal hören, auch weil die Akte so dünn ist. Die sind eher schüchtern. Er fängt an, ein Bild zu malen, mit dem er erklären will, was für Gewalt es gibt: Herzgewalt (psychisch, Angst), Körpergewalt (physisch). Er „erarbeitet“ mit den Kindern und der Mutter das Konzept von Grenzen und Selbstbestimmung, von Respekt, Selbstbehauptung und bindet die Kinder immer wieder in die Gedanken mit ein … Er und seine Kollegin sind sehr „nah“ dran, aber immer Polizei. Die Empathie, die sie zeigen, hat Grenzen und es wird immer wieder darauf verwiesen, dass eine Anzeige ein gutes Mittel ist, um sich zu wehren. Sie machen auch die Grenzen ihres Handelns klar. Der/die „Aggressor/en“ kann nicht sofort weggesperrt werden, deshalb müssen die Kinder sich etwas einfallen lassen, für den Schulweg, für die Schule. Apollo und die Kollegin geben „Tipps“ wie man sich Hilfe holen kann, Strategien für den Schulweg. Sie üben Sätze wie „Ich brauche Hilfe“. Es wird über Sport gesprochen, Selbstverteidigung, Selbstbehauptung. Die beiden Polizisten ermahnen immer wieder, nicht zu ängstlich zu werden, erzählen von Opferwerdung und Opfer-sein …

Aus dem Gesagten wird eine Anzeige geschrieben, die das Mädchen auch tatsächlich unterschreibt. Die Polizistin belehrt sie und macht sie stark, indem sie ihr klarmacht, was ihre Rechte sind und dass sie nicht zurückstecken soll, wenn Leute sie angreifen. Apollo betont, dass die Täter auch Besuche kriegen werden und die Dinge, die sie tun auf eine lange Liste kommen, er nennt es Tropfen von Wasser in einen Becher (Akte), die dann zur Staatsanwaltschaft und zu Gericht kommen kann. Er spricht viel in Bildern und Metaphern zu den Kindern. Und er belehrt auch die Mutter im Verlauf des Gesprächs, dass man Kinder nicht schlägt oder anschreit bzw. ein Nein respektiert. Auch in diesem Gespräch sind pädagogische Nähe und polizeiliche Distanz schwer auseinander zu halten.

Vignette 3: „Wir wollen die Jugendlichen aus der Anonymität holen“

Zu dieser Aussage steht in meinen Feldnotizen folgender Eintrag:

Noch gehe ich nicht „einfach nur mit“, sondern für mich wird auch die Praxis erklärt. W. erklärt mir auf der Fahrt, dass es ihre Aufgabe sei, „die Kids aus der Anonymität der Gruppen zu holen“, sich diesen bekannt zu machen, damit sie es bei weiteren Fällen leichter mit der Ansprache haben. Wenn sie Gruppen irgendwo kontrollieren würden, wäre es dann leichter, weil irgendeiner immer dabei sei, den sie und der sie kennen würde. „Kennen“ ist ein Schlüsselbegriff ihrer Arbeit.

In der Aussage kristallisiert sich die von mir gemachte Beobachtung des Spannungsverhältnisses von pädagogischer Nähe und polizeilicher Distanz, von Schutz auf der einen und Repression auf der anderen Seite. Interessant ist, dass dieses Verhältnis auch von den Polizist*innen selbst thematisiert und reflektiert wird. An dem besagten Abend begleite ich Wolle (und Tom) auf einer Streife. Wie Apollo und Irene betont er dabei auf jeden Fall, dass sie keine Sozialarbeiter seien, sondern „vollwertige“ Polizist*innen, die in diesem Fall mit einem speziellen Fokus auf der Straße seien und das vor allem in zivil. Es gehe ihnen vor allem darum Vertrauen aufzubauen, indem sie die Jugendlichen kennenlernen wollen und diese andersherum auch sie. In einer Kontrollsituation im Laufe des Abends stellt Wolle zwei jungen Männern die rhetorische Frage „Du weißt, wer ich bin?“ als er sich auswies, obwohl sein Ausweis sichtbar um seinen Hals hing. Sie wollen Situationen entschärfen, die Jugendlichen vorwarnen und schützen. Andere Kolleg*innen nennen sie daher schon mal „Quatschpolizei“, die viel reden, aber nichts tun. Dabei investieren sie oft viel Zeit in einzelne Fälle – allein das Opfer-Gespräch hat eineinhalb Stunden gedauert.

Kennen, erziehen, schützen, strafen: komplexe Beziehungsarbeit im Polizeialltag

Die Jugendlichen schützen, sie kennenlernen, Präventionsarbeit leisten – so könnte man die Ziele des Jugendschutzes beschreiben. Ob sie damit den Jugendlichen ein besseres Bild von der Polizei vermitteln, ist ohne eine empirische Evidenz, die über die Erfahrungen der Beamt*innen hinaus gehen würde, unklar. Ob die Jugendlichen diese sehr erzieherischen und auch bevormundenden Eingriffe in ihren eigenen Alltag und ihre Selbstbestimmtheit gut finden, lässt sich ebenfalls nur erahnen. Zumindest konnte ich keine unmittelbare Ablehnung bemerken. Das kann verschiedene Gründe haben, unter Umständen ist es nur eine Strategie der Jugendlichen, mit der Situation umzugehen. Das Spannungsverhältnis zwischen dem Schutz und der Empathie für die jungen Menschen auf der einen und der polizeilichen Repression auf der anderen ist in der Arbeit immer spürbar. Die von mir erlebte Einstellung zum „polizeilichen Gegenüber“ ist deutlich von dem Willen zur Verständigung, zur Kommunikation und dem Interesse an den jungen Menschen geprägt, auf keinen Fall von einer Gegnerschaft wie in anderen Zusammenhängen. Da es sich dennoch um Polizei handelt, mit all ihren Befugnissen, ist diese Beziehung spannungsreich, die Jugendlichen reagieren oft eher vorsichtig. Dennoch erfahren diese auch durchaus Respekt oder gar konkrete Hilfe, wie bei dem Opfergespräch.

Bei allem positiven Eindruck ist diese Art polizeilicher Arbeit gleichzeitig hochgradig ambivalent und problematisch. Der staatliche Wille zu Ordnung und Herrschaft ist immer erkennbar. Implizit ist er immer vorhanden, bisweilen sehr offen sichtbar. Er hat aber eben mit den Bildern brutaler Polizei nichts gemein. Diese Arbeit vor allem als bevormundend zu kategorisieren, würde den Beamt*innen nicht gerecht werden, auch wenn der „Erziehungsstil“ eher paternalistisch ist und ein polizeiliches Normen- und Gehorsamsverständnis zur Grundlage hat, das den Lebensrealitäten mancher Jugendlicher nicht immer entsprechen mag. Die Abwehr der Polizist*innen gegen eine Bezeichnung als Sozialarbeiter*in ist daher nur konsequent, auch wenn ihr Selbstbild viel mit Zugewandtheit und Verständnis zu tun hat.

Für problematisch halte ich insbesondere, dass vor allem bestimmte Gruppen in den Fokus des Jugendschutzes geraten. Dabei handelt es sich vorrangig um sozial schwächere oder marginalisierte Gruppen, vielfach migrantische Jugendliche, junge Geflüchtete, Bewohner*innen von sozial eher schwächeren Wohnvierteln. Andere soziale Schichten sind gar nicht oder deutlich weniger im Blick der Beamt*innen, hauptsächlich dann, wenn sie ähnliche Orte aufsuchen würden, was sie aber eben seltener tun. Ähnliche Kontrollen in besseren Vierteln finden seltener statt, die Jugendlichen sind dort auch weniger sichtbar, weil sie andere Möglichkeiten haben, sich zu treffen, die weniger öffentlich sind. Hier zeigt sich Polizei wieder als Kontrollorgan bestimmter Bevölkerungsgruppen, die unter Umständen ohnehin ein schwieriges Verhältnis zu Polizei haben. Der Jugendschutz betreibt polizeiliche Präventionsarbeit, stigmatisiert damit aber auch bestimmte Jugendliche und übt Kontrolle im Rahmen der Präventionsarbeit bereits diesseits von Normbrüchen aus. Ob sich über dieses „Kennenlernen“ von Jugendlichen Wahrnehmungs- und Umgangsmuster mit einzelnen von ihnen bei den Beamt*innen verfestigen und welche Folgen das für die Möglichkeiten der Jugendlichen hat, kann hier nur gemutmaßt werden. Es ist anzunehmen, dass Kontrollen und mögliche Stigmatisierung sich gegenseitig befördern und den betroffenen Jugendlichen weniger Entfaltungsspielraum lassen.

Auch wenn diese Vermischung von vermeintlich sozialer Arbeit und Polizei kritisch zu sehen ist, so nutzen die Beamt*innen doch Mittel der Verständigung mit den Jugendlichen, die zu anderen Beziehungen mit der Polizei führen können. Dabei hängt viel an den persönlichen Charakteren der Einheit, ihrer Einstellung und Haltung. Diese unterscheidet sich von der anderer öffentlich auftretender Einheiten, etwa den normalen Schichten oder der Bereitschaftspolizei. Dennoch ist der Jugendschutz nicht losgelöst vom Rest der Polizei zu sehen. Und ob sich durch die hier praktizierte Art der Kommunikation und der gewollten Zugewandtheit das Verhalten in anderen Einheiten beeinflussen ließe, ist angesichts der speziellen Rolle des Jugendschutzes eher unwahrscheinlich. Wichtig festzuhalten ist deshalb hier, dass es einen Polizeialltag abseits von Demonstrationen und rein unterwerfender Polizei gibt, dessen Haltung es wert wäre, ausgebaut zu werden.

Eine differenzierte Kritik an Polizei erfordert den Einblick in die Arbeit von Polizist*innen, die hier möglich war. Ein Mehr an dieser kritischen Nähe, die von der Polizei eher ungewollt ist, könnte sowohl der Forschung und Kritik als auch der Polizei als Organisation und ihrer Kultur zum Vorteil gereichen.

[1]      Fassin, D.: Enforcing Order. An Ethnography of Urban Policing, Cambridge 2013; ders. (Hg.): Writing the World of Policing. The Difference Ethnography Makes, Chicago 2017; auch Scheffer, T. et al.: Polizeilicher Kommunitarismus. Eine Praxisforschung urbaner Kriminalprävention, Frankfurt/Main 2017
[2]     Alle Namen sind von mir gewählte Pseudonyme für die Beamt*innen.

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