The Sound of da Police: Die historischen Wurzeln der Polizeigewalt in den USA

von Dominik Nagl

Der Beitrag untersucht die historischen Ursprünge der amerikanischen Polizei und ihre Wurzeln in den Sklavenpatrouillen. Er zeigt auf, wie rassistische Praktiken die Polizeistrukturen von der Kolonialzeit bis heute prägen, betont aber, dass dies nicht der einzige Erklärungsansatz ist. Die Polizeigewalt richtet sich auch gegen ökonomisch marginalisierte Gruppen, insbesondere arme weiße Männer.

Im Jahr 2020 erschütterte die brutale Tötung von George Floyd die Welt. Es wurde ein Video veröffentlicht, das den Polizisten Derek Chauvin zeigt, wie er fast neun Minuten lang auf Floyds Nacken kniet, während dieser um Hilfe fleht. Diese schockierenden Bilder entfachten nicht nur in den USA, sondern weltweit Massenproteste, die von der Black Lives Matter-Bewegung (BLM) angeführt wurden. Immer wieder zeigen Berichte und empirische Studien, dass Minderheiten häufiger von exzessiver Polizeigewalt betroffen sind und dass rassistische Vorurteile tief in polizeilichen Strukturen verankert sind. Unter dem Schlagwort „Defund the Police“ fordert BLM, dass Polizeibudgets umgeleitet werden, um die Ursachen von Kriminalität – wie Armut, Bildungsungleichheit und psychische Gesundheitsprobleme – zu bekämpfen. Die Dynamik und Vehemenz dieser Auseinandersetzung entspringt einem tiefsitzenden Gefühl von Frustration und Verzweiflung der von Rassismus und Polizeigewalt Betroffenen. Sie sehen die ewige Reaktualisierung eines strukturellen Problems, das die gesamte amerikanische Geschichte durchzieht:[1] Von der Kolonialzeit über die Sklaverei bis zum Bürgerkrieg, die Ära der Rassentrennung und der polizeilichen Repression der Bürgerrechtsbewegung bis hin zur Zerschlagung militanter schwarzer Organisationen wie der Black Panther im 20. Jahrhundert: Die Polizei wurde selten als schützende Kraft erlebt, sondern fast ausschließlich als Instrument der Gewalt zur Aufrechterhaltung von Unterdrückung und rassistischen Strukturen.

1993 verdichtete der Rapper KRS-One dieses Gefühl auf seinem Track „Sound of da Police“ zu einer prägnanten historischen Analogie, die die ungebrochene Kontinuität von Repression und Polizeigewalt mit schonungsloser Direktheit bloßlegt. KRS-One sieht die beklagte Polizeipraxis historisch tief verankert: „Overseer, overseer, overseer, overseer / Officer, officer, officer, officer Yeah, officer from overseer / You need a little clarity? Check the similarity“. Die Polizei wird hier direkt mit den Sklavenaufsehern (Overseers) der Plantagenzeit verglichen. Sie fungiert als Erbe eines Systems, das auf rassistischer Kontrolle basiert.

Koloniale Staatsbildung als Adaptionsprozess

Die Wurzeln der US-amerikanischen Polizei liegen in einer Mischung aus englischen Vorbildern und spezifischen Anpassungen an die kolonialen Verhältnisse Nordamerikas. Schon im 17. und 18. Jahrhundert importierten englische Siedler*innen Institutionen wie das Amt des Sheriffs, Friedensrichters, Konstablers und die städtischen Bürgernachtwachen sowie das Milizwesen. Sie entwickelten sich zu zentralen Organen der sozialen Kontrolle in einer Gesellschaft, die von großen Ungleichheiten zwischen der weißen Kolonialelite und den unterdrückten, versklavten und verarmten Bevölkerungsgruppen geprägt war.

Die aus dem Mutterland übernommenen Institutionen mussten in den Kolonien jedoch an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden.[2] Die vormodernen englischen Governance-Strukturen bildeten ein hochkomplexes Verwaltungs-, Justiz- und Strafverfolgungssystem mit zahlreichen Ämtern, das sich nicht einfach auf dünnbesiedelte koloniale Räume mit wenigen Bevölkerungszentren übertragen ließ. In England entwickelte sich über Jahrhunderte ein teils überlappendes Geflecht aus Justiz, Verwaltungs- und Regierungsebenen, das sowohl das tägliche Leben auf lokaler Ebene als auch übergeordnete Fragen regelte.

Es war weder möglich noch gewollt, diesen institutionellen Wildwuchs mit seinen aristokratisch-feudalen Traditionen in den Kolonien zu etablieren. Stattdessen mussten die althergebrachten Strukturen radikal vereinfacht und an die regionalen, klimatischen, sozialen und demographischen Besonderheiten jeder Kolonie angepasst werden. Zu Beginn der Kolonialisierung waren die Regierungsstrukturen in allen Kolonien rudimentär und stark zentralisiert. Eine räumliche und funktionale Ausdifferenzierung entwickelte sich erst allmählich. Die wichtigsten englischen Strafverfolgungsämter wurden in diesem Prozess entweder an die lokalen Gegebenheiten angepasst oder durch funktionale Äquivalente ersetzt.

In Neuengland – geprägt durch die Einwanderung religiös verfolgter Puritaner und familiengeführte Bauernhöfe – entwickelten sich kompakte dörfliche Strukturen. Diese Towns, die zugleich als puritanische Kirchengemeinden fungierten, bildeten das Fundament einer neuartigen, protodemokratischen Lokalverwaltung. Da die Puritaner die hierarchische Pa­rish-Verwaltung der anglikanischen Staatskirche ablehnten, schufen sie eine neues Verwaltungsmodell. Sie fassten die vielfältigen Funktionen englischer Parishes, Manors und Boroughs und kongregationalistischer Kirchengemeinden in einer Struktur, der Town, zusammen. Anders als in England wurden die städtischen Amtsträger von der männlichen Besitzbürgerschaft gewählt, und die Towns standen weniger unter dem direkten Einfluss der County-Verwaltung oder der kolonialen Zentralregierung.

Im Süden, besonders in South Carolina, verlief die Entwicklung anders. Hier blieben das Regierungs-, Verwaltungs- und Gerichtssystem sehr viel länger zentralisiert. Da es außerhalb der Hauptstadt Charleston kaum dörfliche oder kleinstädtische Strukturen gab, entwickelte sich bis zum Ende der Kolonialzeit nur eine rudimentäre Lokalverwaltung, die auf Ehrenamtlichkeit basierte. Aufgrund fehlender kompakter Siedlungen stützte sich die Verwaltung vor allem auf die Parishes der anglikanischen Kirche. Im Vergleich zu den englischen Parishes waren die Kirchspiele in South Carolina deutlich größer und wiesen eine völlig andere ethnische und soziale Zusammensetzung auf, die durch die Plantagenwirtschaft und den massenhaften Einsatz afrikanischer Sklaven geprägt war. Die wohlhabende Pflanzerelite besetzte alle wichtigen Ämter und kontrollierte sowohl die Lokalpolitik im küstennahen Tiefland als auch das koloniale Parlament in Charleston. Das Hinterland blieb hingegen dünn besiedelt und besaß weder eine funktionierende Regierung noch eigene Gerichte.

Governance und Devianz – Strafverfolgung in den Kolonien

Die regionalen Unterschiede wirkten sich auch auf die Strafverfolgung in den Kolonien aus. In South Carolina, einer Sklavenhaltergesellschaft mit schwarzer Bevölkerungsmehrheit, unterschied sich das Amt des Friedensrichters erheblich von dem in England und Massachusetts. Die Friedensrichter eines Countys wurden wie in Massachusetts von den Gouverneuren ernannt, aber in South Carolina war ihre Hauptaufgabe nicht so sehr die lokale Friedenssicherung, sondern die Strafgerichtsbarkeit über die schwarze und indigene Sklavenbevölkerung. Unterstützt von weißen Grundbesitzern als Beisitzer, konnten sie Strafverfahren gegen Sklav*innen führen und Strafen verhängen, die bis zur körperlichen Verstümmelung und Hinrichtung reichten. Ihre Zuständigkeit gegenüber der weißen Bevölkerung lag hauptsächlich in einer wenig in Anspruch genommenen Zivilgerichtsbarkeit, während sie strafrechtlich nur geringe Befugnisse hatten. In Boston gingen die Friedensrichter gegen Alltagskriminalität wie „Faulheit“, Fluchen, den Verkauf von Alkohol ohne Lizenz, Trunkenheit, Verleumdung, Rauferei oder die Störung der Sonntagsruhe vor und verbrachten einen erheblichen Teil ihrer Zeit damit, eine aus Seeleuten, Dienern, Sklav*innen, Dieben und gewalttätigen Kleinkriminellen bestehende Unterschicht zu disziplinieren. Die Aufgaben der Friedenssicherung, Strafverfolgung, Sozialdisziplinierung und Kriminalitätsbekämpfung kam theoretisch auch den Friedensrichtern in South Carolina zu, insbesondere im Hinterland waren sie aber weder willens noch in der Lage, „Recht und Ordnung“ durchzusetzen. Die traditionell gemeinschaftlich von den Friedensrichtern eines Countys ausgeübte Strafgerichtsbarkeit über mittelschwere Verbrechen der englisch- bzw. europäischstämmigen Bevölkerung gab es in South Carolina nicht, da Gerichtsbarkeit in Charleston zentralisiert war.

Unterstützt wurden die kolonialen Justices of the Peace nach englischem Vorbild von Constables – dienstverpflichtete einfache Männer aus der lokalen Bevölkerung. In Massachusetts war dieses überall höchst unbeliebte Amt eine Funktion auf Town-Ebene, während es in South Carolina zur Parish-Verwaltung gehörte. Im Süden war (wie bei den Friedensrichtern) die Kontrolle und Disziplinierung der Sklaven eine Hauptaufgabe dieser „Lokalpolizisten“. In beiden Kolonien organisierten die Constables zudem anfänglich unter Einbeziehung dienstverpflichteter Bür­ger örtliche Nachtwachen nach englischem Vorbild. In England hatte das Statut von Winchester schon 1285 bestimmt, dass alle Städte ein Nachtwachensystem einführen mussten, die Bewohner bei Alarmierung verpflichtet waren, sich an der Verfolgung von Straftätern (Hue and Cry) zu beteiligen, und dass alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren in Krisenzeiten zum Waffentragen (Assize of Arms) verpflichtet waren. Die Nachtwachen dienten der Durchsetzung einer nächtlichen Ausgangssperre.

Da die Nachtwachen sich allerdings oft als ineffizient erwiesen, wurden in größeren Städten wie Boston und Charleston schon bald stattdessen oder zusätzlich aus Milizangehörigen rekrutierte Military Watches aufgestellt und/oder Nachtwächter aus Steuermitteln bezahlt. Die Bürgerwachen der Constables hatten hauptsächlich die Aufgabe, für Ordnung in den Städten zu sorgen, Einbrecher abzuhalten, Brände zu melden und die Bürger zu schützen. Die Constables schickten Nachtwächter aber auch in örtliche Tavernen und Gasthäuser, um nach Unruhestiftern und verdächtigen Personen zu suchen, insbesondere nach entflohenen Sklaven, Knechten und Matrosen. Aufgabe der Military Watches war hingegen eher die Verteidigung gegen äußere Bedrohungen. Die Nachtwache in Charleston wurde von Beginn hart kritisiert und als unfähig angesehen, Sicherheit zu gewährleisten. Dies führte dazu, dass ab 1703 auf eine 24-köpfige Military Watch zurückgegriffen wurde, deren Leutnant vom Gouverneur ernannt wurde. Sie unterstand strenger militärischer Disziplin. Wenig später entzog ein Gesetz den Constables die Kontrolle über die zivile Nachtwache und übertrug sie der Miliz.

Wie im Mutterland übernahmen in den Kolonien Overseers of the Poor die Aufsicht über die Armen und sorgten für deren Versorgung. Sie waren in der Regel Mitglieder der wohlhabenden Führungseliten ihrer Gemeinden und investierten erhebliche persönliche und finanzielle Mittel in die Armenhilfe. Besonders in den Hauptstädten stiegen die Kosten für die Armenhilfe im 18. Jahrhundert erheblich, wobei Frauen, Kinder, Alte und Kranke am stärksten auf Unterstützung angewiesen waren. Die Armenhilfe wurde nach englischem Vorbild in oder außerhalb von Einrichtungen gewährt. In Boston verschlangen Armen- und Arbeitshäuser einen Großteil des Budgets, während in Charleston das Arbeitshaus primär als Hospital diente. Anders als in Massachusetts spielte dort Arbeitszwang keine große Rolle. Zudem erhielten die Armen in Charleston vergleichsweise großzügige Unterstützung, was dazu diente, einen sozialen Abstand zwischen der weißen Unterschicht und der entrechteten schwarzen Sklavenbevölkerung zu bewahren. In South Carolina stand somit nicht Disziplinierung durch Arbeit, sondern die Versorgung der Armen und Kranken im Mittelpunkt der Tätigkeit der Overseers. Das Arbeitshaus fungierte jedoch auch hier als Ort der Bestrafung von widerspenstigen Sklaven und Matrosen und gelegentlich der Inhaftierung von Kriminellen.

Das alte englische Amt des Sheriffs spielte ebenso wie das des Friedensrichters eine bedeutende Rolle in der Verwaltung der Counties und in der lokalen Strafverfolgung. Der Sheriff hatte die Befugnis, die männliche Bewohnerschaft zur Bildung einer posse comitatus (wörtlich „Macht des Countys“) genannten Bürgerwehr zu mobilisieren, um Straftäter zu verfolgen, Verhaftungen vorzunehmen oder öffentliche Unruhen zu unterdrücken. Diese Bürgerwehr half besonders in ländlichen Gebieten bei der Verfolgung von Straftäter*innen, Verhaftungen und der Unterdrückung öffentlicher Unruhen. Dieses System wurde in Massachusetts 1691 im Zuge der Verstaatlichung der Kolonie durch die Krone eingeführt. In South Carolina hingegen übernahm bis 1772 ein einzelner Provost Marshal – eine Art Provinz-Marschall oder Militärpolizeichef – für die gesamte Kolonie die Funktion von County Sheriffs und ihrer Helfer bei der Strafverfolgung. Ein einzelner Amtsträger konnte unmöglich die gigantische Aufgabe bewältigen, das weitläufige und schwer zugängliche Hinterland der Kolonie zu überwachen. Folglich grassierten dort Kriminalität, Banditentum und Selbstjustiz. Diese chaotischen Zustände führten letztlich zu einer umfassenden Gerichtsreform, bei der das Amt des Provost Marshal abgeschafft und 1772 durch lokale Sheriffs ersetzt wurde, um die Strafverfolgung und die Rechtspflege effektiver und gerechter zu gestalten.

Von Slave Patrols zu Police Patrols

Das größte Sicherheitsproblem stellte für die koloniale Elite im Süden aber stets die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Masse versklavter Afrikaner*innen (und einigen Inidigenen) dar, die in South Carolina die Bevölkerungsmehrheit bildeten. Die Mechanismen zu ihrer Kontrolle entwickelten sich grob in drei Phasen: Zuerst wurden Gesetze verabschiedet, die das Leben und die Aktivitäten der Sklav*innen einschränkten. Anschließend wurde von allen weißen Männern erwartet, dass sie diese Vorschriften durchsetzten. Schließlich wurden auch staatliche Einrichtungen wie das Milizwesen einbezogen und Slave Patrols als neue Institution geschaffen.

Zunächst wurden in den südlichen Kolonien nach dem Vorbild karibischer Plantagenkolonien wie auf Barbados besondere staatliche Sklavengesetze (slave codes) eingeführt. Diese erklärten die Sklav*innen wie Vieh zum beweglichen Eigentum ihrer Besitzer, entzogen ihnen jegliche Rechte und Freiheiten und unterwarfen sie einem drakonischen Sanktionsregime. Zur Durchsetzung der Slave Codes wurde ein staatlich reguliertes System der flächendeckenden Überwachung der Sklav*innen entwickelt, das auf dem Milizwesen basierte.

Zuvor war 1687 in South Carolina ein Gesetz in Kraft getreten, das jedem Weißen erlaubte, Sklav*innen, die ohne schriftliche Erlaubnis ihres Herrn außerhalb ihrer Plantage angetroffen wurden, zu bestrafen und zurückzuschicken. Diese Regelung stellte sich jedoch schnell als unzureichend heraus. 1690 wurden Plantagenbesitzer verpflichtet, fremde Sklav*innen, die sich ohne Erlaubnis auf ihre Plantage begaben, zu verhaften. Außerdem wurden staatliche Belohnungen für die Ergreifung entlaufener Sklaven eingeführt. Dieses Gesetz legte außerdem den Grundstein für ein Sklavenpatrouillensystem auf Basis der Miliz. Denn die Milizhauptmänner waren nun verpflichtet, unterstützt von bis zu 20 weiteren verfügbaren weißen Männern, nach einer Benachrichtigung über den Aufenthaltsort entlaufener Sklaven auszurücken und diese verhaften zu lassen. Darüber hinaus erhielten die Constables von Charleston 1696 den Auftrag, Wacheinheiten aus der weißen Bevölkerung zu bilden, die an Sonntagen Sklaven, die unkontrolliert in die Stadt strömten, verhaften, inhaftieren und auspeitschen sollten. Zudem wurde allen Weißen das Recht eingeräumt, Sklav*innen, die sich der Verhaftung widersetzten oder versuchten zu fliehen, zu verletzen, zu verstümmeln oder gar zu töten.

1704 wurde dann vor dem Hintergrund einer drohenden spanischen Invasion und Gerüchten über einen Sklavenaufstand ein weiteres Gesetz verabschiedet, das erstmals ein festes und flächendeckendes Patrouillensystem etablierte. Die Sklav*innen sollten kontrolliert und Aufstände verhindert werden.[3] Das Gesetz sah vor, dass der Gouverneur aus jeder Milizkompanie mindestens einen Hauptmann ernennen sollte. Diese Militia Captains mussten zehn Männer aus ihren Kompanien auswählen, um eine Slave Patrol zu bilden. Die Captains waren dazu angehalten, alle unter ihrem Kommando stehenden Männer zu versammeln und mit ihnen von Plantage zu Plantage zu reiten. Dabei durften sie jede Plantage innerhalb ihres Bezirkes betreten und alle Sklav*innen aufgreifen, die sie außerhalb der Plantage ihres Herrn antrafen und die keinen Passierschein oder Erlaubnisbrief von ihren Herren vorweisen konnten. Virginia, Maryland, North Carolina und Georgia folgten mit ähnlichen Regelungen.

In einer Neufassung des Slave Patrol-Gesetzes von 1721 wurden Aspekte der Aufstandsbekämpfung hinzugefügt. Es befahl den Patrouillen, Sklavenversammlungen aufzulösen, besonders wenn sie trommelten oder musizierten, und ihre Häuser nach Waffen zu durchsuchen. In den Folgejahren wurde das System der Sklavenpatrouillen mehrfach geändert, ab 1721 wurde die Aufgabe vollständig von den Milizen übernommen,[4] 1734 wurde erneut ein separates Patrouillensystem eingesetzt, das ab 1737 sogar wieder auf Freiwilligkeit basierte.

Mit dem Patrol Act von 1740 reagierte die weiße Pflanzerelite auf den größten Sklavenaufstand auf dem nordamerikanischen Festland im Jahr zuvor. Er markiert einen Wendepunkt in der Strategie der Plantagenbesitzer, die zunehmend um ihre Sicherheit besorgt waren. Um die Kontrolle über Sklav*innen effektiver zu gestalten, wurden die Slave Patrols jetzt wieder unmittelbar in die Milizorganisation integriert. In Gegenden wie im Hinterland, in denen die weiße Bevölkerung die Zahl der Schwarzen übertraf, wurde jedoch auf die Aufstellung von Slave Patrols verzichtet. Hauptmänner der Miliz ernannten außerdem für jeweils zwei Monate die diensthabenden Mannschaften. In Kriegszeiten sollte nur ein Teil der Miliz in den Kampf ziehen, während ein Viertel der Truppen für den Patrouillendienst zurückblieb.

Die Patrols spürten entlaufene Sklaven auf, die ohne Erlaubnis unterwegs waren, und brachten sie zurück auf die privaten Plantagen, die sie auch jederzeit betreten und durchsuchen durften. Sie überwachten die Bewegungen von Sklaven außerhalb der Plantagen, um sicherzustellen, dass diese die notwendigen Passierscheine mit sich führten. Zudem unterbanden sie unerlaubte Versammlungen, die als Bedrohung für die Sicherheit der weißen Bevölkerung galten. Bei Widerstand oder Fluchtversuchen waren sie befugt, Sklav*innen zu verhaften, auszupeitschen oder sogar zu verstümmeln oder zu töten.

Versuche, die Teilnahme am Patrouillendienst auf Mitglieder der weißen Oberschicht zu begrenzen, wurden schließlich aus Angst vor Sklavenaufständen fallengelassen. Ein Gesetz von 1819 verpflichtete alle freien weißen Männer zwischen 18 und 45 Jahren zum Patrouillendienst, unabhängig von Landbesitz oder Einkommen. Mit dem Trend zu ärmeren Patrol Men gingen aber auch vermehrt Klagen von Sklavenhaltern einher, die Patrouillen bestraften und misshandelten ihre Sklav*innen ungerechtfertigt und ruinierten so völlig bedenkenlos ihr wertvolles Eigentum.

Eine Vorstufe der modernen Polizei waren die Slave Patrols, weil sie das erste staatlich eingesetzte präventive Sicherheitsorgan darstellten, das flächendeckend im Namen der Öffentlichkeit operierte und bei der Durchsetzung von Gesetzen und Ordnungsmaßnahmen befugt war, Gewalt anzuwenden.[5] Eine bemerkenswerte Annäherung an moderne Polizeistrukturen ergab sich allerdings schon 1785 in Charleston aus der Fusion der lokalen Slave Patrols mit der Stadt- und Nachtwache Charleston Guard and Watch. Diese führte dazu, dass die Aufgabe der Niederhaltung der schwarzen Sklavenbevölkerung mit allgemeinen städtischen Wach-, Strafverfolgungs- und sozialdisziplinarischen Ordnungsaufgaben in einer professionalisierten Institution konzentriert wurde. Ihre Organisationsstruktur war streng hierarchisch gegliedert und alle Mitglieder waren bewaffnet. Der Dienst war in eine stehende Wache und zwei Patrouillen aufgeteilt, die jede Nacht unterwegs waren.

Mit dem Ende der Sklaverei und des Bürgerkriegs 1865 wurden in den Südstaaten neue Wege gesucht, um die Kontrolle über die nun freien Schwarzen aufrechtzuerhalten. An die Stelle der Slave Codes trat mit den nach dem Bürgerkrieg verabschiedeten Black Codes ein neuer gesetzlicher Rahmen, der viele der alten Mechanismen der Sklavenkontrolle wiederherstellte. Die jetzt im Süden eingeführte moderne Polizei war maßgeblich daran beteiligt, diese Gesetze durchzusetzen. Nach einer kurzen Phase der Liberalisierung („Reconstruction“), wurde in den späten 1870er Jahren in den Südstaaten eine systematische Rückkehr zur rassistischen Unterdrückung durch die Einführung der Jim Crow-Gesetze umgesetzt. Diese, die ab den 1880er Jahren bis in die 1960er Jahre hinein in Kraft waren, institutionalisierten Rassentrennung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Die Polizei fungierte in den Südstaaten also auch und gerade nach dem Bürgerkrieg als verlängerter Arm der weißen Plantagenbesitzer und Eliten, um die neu gewonnenen Freiheiten der Afroamerikaner systematisch einzuschränken. Neben der Polizei traten aber auch informelle vigilante Gruppen wie der Ku-Klux-Klan das Erbe der Slave Patrols an.

Die urbane Polizei(r)evolution

Im Norden der USA orientierte man sich derweil stark am Vorbild der Londoner Metropolitan Police, die 1829 gegründet worden war. Die Organisation der Metropolitan Police als quasi-militärische Einheit mit klaren Hierarchien und Uniformen sollte die Kontrolle über die städtischen Massen gewährleisten. Die moderne amerikanische Polizei entstand beginnend mit der Gründung einer Polizeibehörde in Boston im Jahr 1838, gefolgt von New York im Jahr 1844 und weiteren Städten wie New Orleans, Cincinnati, Philadelphia, Chicago und Baltimore in den 1850er Jahren. Diese Polizeikräfte ersetzten die ineffizienten Bürgernachtwachen, Konstabler und Milizen, die für die zunehmenden städtischen Herausforderungen nicht mehr ausreichten. Ziel dieser Polizeikräfte war es, Ordnung in den wachsenden Industriestädten zu gewährleisten und vor allem die sozialen Spannungen, die durch die massive Zuwanderung von europäischen Immigrant*innen und später der „Great Migration“ von Schwarzen aus dem Süden entstanden, zu kontrollieren. Arme und Arbeiter*innen wurden als „gefährlich“ und „problematisch“ angesehen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine Militarisierung dieser Polizei vorangetrieben. Paradigmatisch steht hierfür August Vollmer, der ab 1909 als Polizeichef von Berkeley in Kalifornien die Polizei in den USA professionalisierte und militarisierte. Er hatte selbst im Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 gedient und übernahm koloniale und militärische Strukturen, um die Polizei nach dem Vorbild der Armee zu formieren.[6] Für ihn waren Kriminelle die „Feinde der Gesellschaft“, gegen die ein Krieg geführt wurde.[7] Zu diesen „Feinden“ zählten nicht nur Verbrecher, sondern auch Schwarze, Einwander*innen, andere Minderheiten und Gewerkschafter. Schwarze Menschen wurden schon damals unverhältnismäßig häufig verhaftet und hart bestraft.[8] Politiker beider großer Parteien unterstützten jahrzehntelang diese Militarisierung und Ausweitung der Polizei. Während der „War on Crime“-Ära in den 1960er Jahren wurde die Polizei mit militärischer Ausrüstung ausgestattet, und die Strafverfolgung fokussierte sich weiter auf Schwarze und arme Bevölkerungsgruppen. Polizei und Gefängnisse wurden ausgebaut, anstatt die eigentlichen Probleme wie Armut und Ungleichheit effektiv zu bekämpfen.[9] In den Jahren zwischen 1965 und 1982 wurden mehr Menschen inhaftiert als in den hundert Jahren zwischen 1865 und 1964. Zwischen 1979 und 2013 stiegen die Ausgaben für Gefängnisse dreimal so stark wie die Ausgaben für Bildung. Viele Bundesstaaten geben mehr Geld für Gefängnisse aus als für Hochschulbildung. Zugleich wurden zwischen 1980 und 2019 in den USA mindestens 30.800 Menschen durch Polizeigewalt getötet.[10] Die Wahrscheinlichkeit, dass schwarze Amerikaner von der Polizei getötet werden, ist heute immer noch 3,23-mal höher als bei weißen Amerikaner*innen.

Komplexe Wurzeln der Gewalt – Jenseits von Rassismus

Insgesamt zeigt sich, dass die Geschichte der amerikanischen Polizei durch komplexe, sich überschneidende Dimensionen von Macht, sozialer Kontrolle und Klasseninteressen geprägt ist. Im Afropessimismus wie auch in vielen aktuellen Kommentaren wird oft einseitig die historische Kontinuität von Sklaverei, Rassismus und Polizeigewalt in den Vordergrund gestellt. Es ist jedoch sinnvoll, diese Problematik nicht ausschließlich durch die Linse des Rassismus zu betrachten. Die amerikanische Polizei hat sich im Laufe der Zeit aus einer Vielzahl sozialer und wirtschaftlicher Spannungen heraus entwickelt, die über ethnische Konflikte hinausreichen. Besonders in den wachsenden Industriestädten des Nordens spielte die Kontrolle von Arbeiter*innen, Immigrant*innen und anderen marginalisierten Gruppen eine zentrale Rolle. Neuere Studien zeigen, dass die Opfer von Polizeigewalt hauptsächlich durch ökonomische Marginalisierung verbunden sind. Die Hälfte aller Tötungen durch die Polizei ereignet sich in armen ländlichen Gebieten, in denen die Mehrheit der Bevölkerung weiß ist, obwohl diese Gebiete einen viel geringeren Anteil an der nationalen Bevölkerung ausmachen.[11] Hier sind die Getöteten meist weiße Männer. Die Polizeiopfer stammen überwiegend aus den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten Schichten. In ländlichen Gebieten außerhalb des Südens sind weiße, im Südwesten hispanische und in den Städten afroamerikanische Männer besonders betroffen. Polizeigewalt ist nicht nur eine Form des strukturellen Rassismus, sondern auch Gewalt, die sich systematisch gegen ökonomisch benachteiligte Gruppen richtet, insbesondere Männer in prekären Verhältnissen.

[1]    vgl. Hinton, E.: America on Fire: Rassismus, Polizeigewalt und die Schwarze Rebellion seit den 1960ern, Hamburg 2022
[2]    Nagl, D.: No Part of the Mother Country, but Distinct Dominions: Rechtstransfer, Staatsbildung und Governance in England, Massachusetts und South Carolina, 1630-1769, Münster 2013
[3]    Hadden, S. E.: Slave Patrols: Law and Violence in Virginia and the Carolinas, Cambridge MA 2001
[4]    Reichel, P. L.: Southern Slave Patrols as a Transitional Police Type, in: American Journal of Police, 1988, Nr. 2, S. 51-77
[5]    Williams, K.: Our Enemies in Blue: Police and Power in America, Oakland CA 2004
[6]    Go, J.: The Imperial Origins of American Policing: Militarization and Imperial Feedback in the Early 20th Century, in: American Journal of Sociology, 2020, Nr. 5, S. 1193-1254
[7]    vgl. Lepore, J.: The Invention of the Police: Why Did American Policing Get So Big, So Fast? The Answer, Mainly, Is Slavery, in: The New Yorker v. 20 July 2020
[8]    vgl. Muhammad, K.l G.: The Condemnation of Blackness: Race, Crime, and the Making of Modern Urban America, Cambridge MA 2010
[9]    vgl. Hinton, E.: From the War on Poverty to the War on Crime: The Making of Mass Incarceration in America, Cambridge MA 2016
[10] vgl. Institute for Health Metrics and Evaluation: Fatal Police Violence in the USA, 1980–2019: A Retrospective Analysis, in: The Lancet, 2021, Nr. 10310, S. 473-481
[11]   vgl. Santo, A.; Dunlop, G. R.: „Shooting First and Asking Questions Later.“ The Marshall Project, 13 Aug. 2021, www.themarshallproject.org/2021/08/13/shooting-first-and-asking-questions-later; Mateus, B.: Behind the Epidemic of Police Killings in America: Class, Poverty, and Race, 20.12. 2018, www.wsws.org/en/articles/2018/12/20/kil1-d20.html

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