von Ingo Dachwitz
Schon früh stellten die europäischen Kolonialmächte Überwachung in den Dienst ihrer Herrschaft. Mit neuen Techniken wie Fotografie, Fingerabdrücken und dem Passwesen kontrollierten sie die Bevölkerungen in den Kolonien. Auch nach deren Unabhängigkeit profitieren die ehemaligen Kolonialmächte vom Geschäft mit Überwachung.
Wer heute erklären will, wie Überwachung und Kontrolle zusammenhängen, kommt an einem Modell aus dem 18. Jahrhundert kaum vorbei:. Das Panopticon – altgriechisch für alles-sehend – ist ein architektonisches Konzept für Gefängnisse des britischen Philosophen Jeremy Bentham. Mit Foucault und später den Surveillance Studies wurde das panoptische Gefängnis zur Chiffre von Überwachung und Disziplinierung. Was die wenigsten wissen: Das erste panoptische Gefängnis nach den Ideen Benthams bauten die Briten 1817 nicht etwa in England, sondern im kolonialen Indien, in Neu-Delhi.[1]
Von Beginn an waren Überwachung und ideologisch geprägte Wissensproduktion ein zentraler Pfeiler der europäischen Kolonialherrschaft, das Panopticon ist dafür nur ein Beispiel. Die Kolonialmächte wollten riesige Gebiete und große Bevölkerungen mit einer relativ kleinen Gruppe möglichst effizient beherrschen. Um die Vielfalt aus ihnen unbekannten Gruppen, Gewohnheiten, Ritualen, Religionen, Sprachen und Körpern beherrschbar zu machen, benötigten die Kolonialherren eine „wissenschaftliche Kenntnis dieser Völker“, wie der Sozialwissenschaftler Ahmad H. Sa’di von der Ben-Gurion-Universität des Negev erklärt. Den Prinzipien der Aufklärung folgend – also dem Glauben an Wissenschaft, Fortschritt und an die Beherrschung der Natur durch den Menschen – schufen die Kolonialmächte dieses Wissen einfach selbst, indem sie Menschen in den Kolonien vermeintlich wissenschaftlich erfassten und etwa in neugeschaffenen Rassekategorien zusammenfassten, anordneten und bewerteten. Im Zuge einer Essentialisierung ordneten sie mentale und Verhaltenseigenschaften von Individuen und Gruppen bestimmten physischen Merkmalen wie Hautfarbe oder Schädelgröße zu. Einem darwinistischen Ansatz folgend ordneten die Europäer die „Rassetypen“ in einer Evolutionsskala hierarchisch an und nutzen die vermeintliche „Überlegenheit der weißen Rasse“ als Rechtfertigung für Ausbeutung und Unterdrückung. Auch Land und Natur wurden vermessen und in Kategorien eingeteilt. Dies erlaubte es den Kolonisatoren, die Größe und Komplexität der „Neuen Welt“ zu reduzieren und in Miniaturform darzustellen: „Karten, Tabellen, Aufzeichnungen und Fotografien übersprangen die Hürden von Zeit, Raum und Komplexität und machten die kolonialen Völker und Kontexte der wissensbasierten westlichen Herrschaft gefügig“, so Sa’di.[2]
Kolonien als Innovationslabore
Während die europäische Expansion mit tatsächlicher oder angedrohter Gewaltanwendung erreicht wurde, so Sa’di weiter, „erfolgte die Aufrechterhaltung der erworbenen Kolonien und Protektorate mit Hilfe verschiedener Überwachungs- und Kontrollmethoden, die darauf abzielten, die Lebensweise der Kolonisierten zu verändern.“ Dafür nutzten die Kolonialherren immer auch die neuesten technischen Möglichkeiten. Aus heutiger Sicht würde man sagen, sie waren innovativ im Sinne der kolonialen Ordnung. Das junge Medium der Fotografie mit seinen vermeintlich objektiven Bildaufnahmen etwa setzten Kolonialherren ein, um „die verschiedenen Kategorien der einheimischen Bevölkerung, insbesondere die der Kolonialherrschaft feindlich gesinnten, sichtbar und für den kolonialen Blick leicht identifizierbar zu machen.“ Für die Fotos wurden Sa’di zufolge Personen zusammen gruppiert, die als repräsentativ für ihre „rassischen Typen“ galten. Nach dem indischen Aufstand gegen die britische Besatzung 1857 unternahm etwa das Political and Secret Department des britischen Indian Office eine fotografische Studie „über die Völker Indiens“, die aus acht Bänden mit jeweils 468 Fotografien bestand. Sa’di resümiert: „Trotz der Ungenauigkeiten bei der Verwendung von Begriffen für die verschiedenen Gruppen wie Stamm, Kaste, Rasse usw., entsprach dies dem kolonialen Wunsch nach panoptischer Kontrolle, bei der die Fotos auf Karten platziert wurden, die die ‚rassischen Typen‘ in geografischen Lagen und physiognomischen Hierarchien verorteten.“
Die Überwachung der kolonialisierten Menschen war also einerseits willkürlich und ungenau, trat aber gleichzeitig im Gewand der objektiven Erfassung auf und hatte weitreichende Folgen für das Leben von Menschen – selbst oder gerade dann, wenn sie fehlerhaft erfasst wurden. Die Zuordnung zu einer Volks- oder „Rassegruppe“ bestimmte schließlich darüber, wie ein Mensch von der Kolonialmacht behandelt wurde, wo er/sie sich aufhalten durfte, welche Rechte und Lebenschancen er/sie hatte. Dies ist eine bedeutende historische Konstante der Überwachung: Aktuelle biometrische Gesichtserkennung hat erwiesenermaßen einen rassistischen Bias: Weil die vermeintlich auf Künstlicher Intelligenz beruhenden Systeme vor allem mit Daten von weißen Menschen trainiert wurden, funktioniert die Erkennung und Unterscheidung von People of Colour deutlich schlechter. Dies führt zum Beispiel in den USA immer wieder zur Verhaftung unschuldiger Schwarzer Menschen. Auch moderne private Videoüberwachungssysteme wie Amazon Ring, vermarktet als Schutz vor Einbrechern, werden in den USA Untersuchungen zufolge überproportional oft für die Überwachung von People of Colour eingesetzt. Meldungen über vermeintlich verdächtige Aktivität leitet das Unternehmen häufig direkt an die Polizei weiter. Viele dieser Meldungen haben jedoch nichts mit Kriminalität zu tun, sondern spiegeln die Paranoia und die rassistischen Vorurteile der Ring-Nutzer*innen. Die kanadische Überwachungsforscherin Simone Browne spricht diesbezüglich von „rassifizierter Überwachung“ als einer historischen Kontinuität – von der panoptischen Architektur der Sklavenschiffe, die Browne als „schwimmende Gefängnisse“ bezeichnet, bis zum überproportionalen Einsatz von biometrischer Überwachung gegen People of Colour.[3]
Pässe zur Kontrolle der Arbeitskräfte in den Kolonien
Wie eng koloniale Kontrolle und Überwachung mit ökonomischer Ausbeutung verbunden sind, erklärt der Sozialwissenschaftler Michael Kwet von der Universität Johannesburg am Beispiel der Kolonialgeschichte Südafrikas. Bereits kurz nachdem die Niederländer 1652 Kapstadt als Außenposten gegründet und von dort aus das Land erobert hatten, zwangen sie die einheimischen Khoikhoi, für sie zu arbeiten und importierten weitere Sklaven aus den Gebieten des Indischen Ozeans. Etwa einhundert Jahre später setzte die Kolonialmacht erstmals Pässe ein, um die Migration Schwarzer landwirtschaftlicher Arbeitskräfte innerhalb des Gebiets zu beschränken und die Bewegung über Grenzen hinweg zu verhindern. „Die Passierscheinsysteme variierten zwar je nach Zeit und Ort, aber alle Pässe erfüllten zwei grundlegende Kriterien“, so Kwet. „Sie waren erforderlich, um sich rechtmäßig in ein bestimmtes Gebiet hinein und aus diesem heraus zu bewegen, und sie mussten auf Verlangen einer Behörde vorgelegt werden; die Nichtvorlage stellte eine Straftat dar.“[4] Nachdem die Briten den Niederländern die Kontrolle über das südliche Afrika entrissen hatten, zentralisierten sie im Laufe des 19. Jahrhunderts das Passwesen.
Allerdings kämpfte die Kolonialmacht mit der Fälschungsanfälligkeit der Pässe, so Kwet weiter. „Um die Zuverlässigkeit der Überwachung zu erhöhen, griffen die Siedler auf das ‚Schreiben auf die Haut‘ von Afrikanern und Vieh zurück. Mit Brenneisen, Nadeln und Tusche brandmarkten sie die Körper mit eindeutigen Symbolen, die auch in Papierregistern aufgeführt waren.“ Mit Ausbruch des Diamantenfiebers und dem Einsetzen einer verstärkten Arbeitsmigration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte eine neue Dynamik ein: Die Sklaverei war im britischen Kolonialreich zu diesem Zeitpunkt formell abgeschafft, lebte jedoch in ex-tremen Abhängigkeits- und Kontrollverhältnissen Schwarzer Arbeiter*innen fort. Auf Wunsch von Bergbauunternehmen verknüpften die Briten das Passwesen in Südafrika mit Arbeitsverträgen. Bei ihrer Ankunft in der Diamentenregion Kimberley etwa mussten sich Schwarze Arbeiter*innen ab den 1870er Jahren in einem Depot registrieren lassen und erhielten Tagespässe, bis sie eine Anstellung gefunden hatten. Nach der Anstellung mussten die Arbeiter*innen („Servants“) jederzeit einen vom Arbeitgeber („Master“) unterzeichneten Ausweis mit sich zu führen. Die Pässe waren Voraussetzung dafür, dass die Arbeiter*innen sich in der Region überhaupt aufhalten und bewegen durften, Schwarzen Menschen ohne Pass drohten Strafen.
Das Passwesen wurde bald durch restriktive Wohnvorschriften ergänzt. Um die Schwarzen Arbeiter,*innen die zunächst gemeinsam mit ihren weißen Kolleg*innen in Baracken lebten und eine gewisse Freizügigkeit genossen, besser kontrollieren zu können, errichteten einige Bergbauunternehmen ab den 1880er Jahren geschlossene Wohnanlagen für sie. Die „Closed Compounds“ waren eingezäunt und enthielten Wachhäuser mit bewaffnetem Sicherheitspersonal, das die Bewohner*innen beaufsichtigte. „Die Bergbauunternehmen führten das panoptische Überwachungs-modell für Schwarze Arbeiter als Instrument der Arbeitnehmerkontrolle ein“, fasst Michael Kwet zusammen.
Vorläufer der biometrischen Überwachung
Auch die Identifikation von Menschen anhand ihrer Fingerabdrücke als Vorläufer von modernen Formen der biometrischen Überwachung hat ihren Ursprung im europäischen Kolonialismus. Das theoretische Fundament für den Einsatz von Fingerabdrücken lieferte der britische Autor Francis Galton. Der Urenkel eines erfolgreichen Sklavenhändlers war ein Pionier der pseudo-wissenschaftlichen Erfassung menschlichen Lebens und ein Vorreiter der Eugenik. Galton bereiste die britischen Kolonien und versuchte menschliche Intelligenz anhand äußerer Merkmale zu erfassen. Er versuchte, hierbei die Evolutionstheorie seines Cousins Charles Darwin auf menschliche „Rassen“ anzuwenden und propagierte die gezielte Zucht als Mittel zur Weiterentwicklung der Menschheit. So schlug er unter anderem vor, die schwarze Bevölkerung Südafrikas durch Chines*innen zu ersetzen, die er für fleißiger hielt. Ein Zufallsfund dieser rassistischen Pseudo-Forschung war die Entdeckung, dass Menschen individuelle Fingermuster haben. In seinem anthropologischen Labor konnte Galton eine große Anzahl von Fingerabdrücken sammeln, bis er schließlich über 8.000 Abdrücke besaß. Seine Studie über die Minutien der Abdrücke bildete die Grundlage für einen aussagekräftigen Vergleich verschiedener Sample, denn in ihr konnte er die Einzigartigkeit einzelner Abdrücke erstmals statistisch nachweisen.[5] 1892 veröffentlichte Galton das Buch „Finger Prints”, in dem er auch die Idee formulierte, Fingerabdrücke als Identifikationsmethode in den Kolonien einzusetzen: „Es wäre von dauerhaft gutem Dienst für unsere tropischen Siedlungen, wo die einzelnen Mitglieder der Stämme von dunkeln und gelbhäutigen Rassen nicht mit ihrem Namen unterzeichnen können und andererseits für Europäer kaum unterscheidbar sind und, ob sie schreiben können oder nicht, insgesamt süchtig sind nach Identitätsfälschung und anderen Arten des Betrugs.“[6]
Die Sache hatte nur einen Haken: Galtons Klassifizierungssystem funktionierte in der Praxis nicht, weil es nicht genau genug war. Einzelne Abdrücke konnten mehreren Personen zugeordnet werden. Diesen Fehler behob wenige Jahre später der britische Kolonialbeamte Edward Henry. Er hatte in Bengalen die Chance, ein großes System von Fingerabdrücken aufzubauen und ließ auf dieser Grundlage ein funktionierendes Klassifikationssystem entwickeln. Es wurde zunächst für das Schließen von Verträgen zwischen Landbesitzern und Pächtern genutzt, wenig später auch in der Kriminologie.
Ab 1897 wurden Fingerabdrücke als Identifikationsmethode in Britisch-Indien verpflichtend. Drei Jahre später veröffentliche Henry sein Standardwerk „Classification and Uses of Finger Prints“. Im gleichen Jahr wurde er nach Südafrika versetzt und baute dort die erste große Datenbank mit Fingerabdrücken auf dem afrikanischen Kontinent auf. Die britische Kolonialmacht führte das System wenig später in anderen Gebieten wie Kenia, Malawi oder Sambia ein. Um die Datenbanken zu füllen, wurden jährliche tausende Einwohner*innen festgehalten, um ihre Fingerabdrücke aufzunehmen. Die biometrische Zwangserfassung in Südafrika betraf aber nicht nur die indigene Bevölkerung, sondern auch zehntausende chinesische Vertragsarbeiter*innen, die Anfang des Jahrhunderts nach Südafrika geholt wurden.
Wie Michael Kwet ausführt, legte die umfassende Erfassung der nicht-weißen Bevölkerung Südafrikas die Grundlage für die Rassentrennung des Apartheidsregimes. Die National Party (NP) wurde 1948 von den Weißen auf Grundlage der Apartheid ins Amt gewählt – ein Rechtssystem, das die Trennung der Rassen in politischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zugunsten der weißen Minderheitsherrschaft institutionalisierte. Um die neue Rassenordnung zu verwalten, begann die NP mit dem Aufbau eines totalitären Überwachungsstaates. Das Projekt begann damit, dass jedem Menschen eine feste, eindeutige Rassenidentität zugewiesen wurde. Nach der vollständigen Kategorisierung führte die Regierung verpflichtende Passbücher ein, die die persönliche Geschichte und die Bewegungen jedes Trägers, behördliche Genehmigungen, medizinische Daten, Informationen über den Arbeitgeber und Steuerbelege enthielt, so Kwet. Fingerabdrücke und Fotos ermöglichten den Abgleich mit einer zentralen Datenbank. Das Apartheits-Regime war geradezu einer Mess-Manie verfallen und folgte der Devise „zählen und kontrollieren“.
Möglich war das Management der riesigen Informationsmengen nur durch elektronische Datenverarbeitung, die für das Apartheidprojekt unerlässlich war, so Kwet. „Die Apartheid-Eliten glaubten fest an die Macht der Daten, um die Massen zu manipulieren.“ Dabei konnten sie sich auf die Unterstützung von Technologiekonzernen verlassen: Insbesondere das US-Unternehmen IBM verdiente gut an der Ermöglichung der computergestützten Rassentrennung. Gegen dieses System gab es massive Proteste. Nachdem 1959 erneut die Passgesetze verschärft worden waren, sollten im Rahmen von friedlichen Protestaktionen die Passbücher verbrannt werden. Bei einer dieser Aktionen am 21. März 1960 richtete die Polizei in Sharpville ein Massaker mit 69 Toten und über 300 Verletzten an, das weltweite Proteste gegen das Apartheidregime zur Folge hatte.
Überwachungswerkzeuge – Exportschlager im Kalten Krieg
Die europäischen Mächte nutzten in den Kolonien also über Jahrhunderte unterschiedliche Formen der Überwachung als Kontrollinstrumente und setzten dabei stets auf neueste Technik. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fallen dann drei globale Entwicklungen zusammen, die einen beispiellosen Überwachungsboom auslösen und die koloniale Geschichte der Überwachung fortschreiben. Da ist erstens der technische Fortschritt, der Überwachung in einer nie dagewesenen Intensität und Breite möglich macht. Im Abhören von Telefonen und der computergestützten Auswertung von Daten, Ton- und Bildaufnahmen erreicht die Überwachungstechnologie eine völlig neue Qualität.
Zweitens erlangen ab Ende der 1950er Jahre mehr und mehr afrikanische Staaten die Unabhängigkeit. Was auch ein Ende der Repression hätte bedeuten können, entwickelt sich zu einem Katalysator für Überwachung und Autoritarismus. Die unter wirtschaftlichem Druck, ethnischen und religiösen Konflikten sowie politischen Machtkämpfen leidenden Staaten – drei direkte Folgen des Kolonialismus – stürzen in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in blutige Konflikte. Immer autoritärer werden die Regierungschefs, aus vielen sozialistischen Befreiungsprojekten werden blutige Diktaturen. Dabei können die neuen Regierungen in vielen Staaten auf einen Überwachungsapparat zurückgreifen, den die Kolonialmächte aufgebaut hatten. Denn als Mitte des 20. Jahrhunderts die Unabhängigkeitskämpfe in den kolonialen Gebieten zunahmen, verstärkten die Kolonialmächte die Überwachung und konzentrierten sich dabei auf Unabhängigkeitskämpfer*innen und ihre Unterstützer*innen. Die Briten etwa gründeten in ihren Kolonien die sogenannten Special Branches: Geheimpolizeien, die Informationen über Oppositionelle sammelten. Für die Überwachungsinfrastrukturen, die vorher den kolonialen Herrschern dienten, fanden viele neue Regierungen schnell Verwendung. So zum Beispiel in Kenia: Die britischen Besatzungskräfte gründeten hier die Special Branch 1952 formell und unterstellten sie dem Polizeipräsidenten. Während des blutig niedergeschlagenen Mau-Mau-Aufstands Mitte der 50er Jahre fungierte sie als Geheimdiensteinheit für die Kolonialregierung. Im Jahr der Unabhängigkeit 1963 wurde die Special Branch von der Polizei unabhängig gemacht, jedoch erst 1969 durch eine Charta des Präsidenten Jomo Kenyatta formalisiert, in der ihre Aufgaben und Funktionen festgelegt wurden. Nach einem gescheiterten Staatstreich 1982 infiltrierte die Geheimpolizei oppositionelle Gruppen und half dem Regime bei der Informationsbeschaffung über Kritiker*innen.
Als dritter Faktor kommt der Kalte Krieg hinzu. Die Konfrontation zwischen dem westlichen Block und dem Ostblock nach Ende des Zweiten Weltkrieges führt zu einem beispiellosen militärischen Hochrüsten und einem goldenen Zeitalter der Spionage. Die westlichen Staaten wollen in dieser Zeit vor allem eines: Stabilität und gesicherte Zugänge zu Rohstoffen und Märkten. Angetrieben von der Überzeugung, dass jede Aushöhlung der staatlichen Autorität in den ehemaligen Kolonien den Modernisierungsprozess untergraben würde, reagieren sie mit einer Stärkung der sozialen Kontrollmöglichkeiten der herrschenden Regime. „Vor die Wahl gestellt zwischen der Beibehaltung des Status quo und einer großen sozialen Umwälzung, die im Aufstieg unbekannter Führer gipfelt, die die Handels- und Investitionspolitik ihrer Vorgänger respektieren oder auch nicht, werden sich die meisten westlichen Mächte trotz der damit verbundenen Risiken für den Status quo entscheiden“, analysiert 1978 der US-Politikwissenschaftler Michael T. Klare in einer wegweisenden ersten Untersuchung des weltweiten Handels mit Überwachungsprodukten. Klare prägt hierfür den Begriff „repression trade“. Eine Industrie entsteht, über die kaum Daten und Informationen vorliegen, doch die klar im Aufschwung begriffen ist. In diesem Repressionshandel erkennt der Forscher ein deutliches Muster: Technologien und Produkte, die zur Kontrolle von Menschengruppen dienen, werden in westlichen Ländern (und der Sowjetunion, auch wenn diese mangels Informationszugang weniger beleuchtet werden) hergestellt und an autoritäre Herrscher im globalen Süden exportiert.[7]
Die Nachfrage durch afrikanische Länder steigt in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit rasant an. So zum Beispiel in Uganda. In dem bis 1962 britisch beherrschten Land putscht sich im Januar 1971 General Idi Amin an die Macht und errichtet eine brutale Schreckensherrschaft. Schätzungen zufolge lässt der Diktator in den acht Jahren seiner Herrschaft zwischen 300.000 und 400.000 Menschen ermorden. Erbarmungslos geht er gegen Intellektuelle, Richter, vermeintliche Oppositionelle und Anhänger*innen des gestürzten Milton Obote vor. Eine tragende Rolle spielt dabei ab 1973 das State Research Center, das dem Geheimdienst als Basis dient, von der aus er Individuen ausspioniert, verhaftet, foltert, terrorisiert und tötet. Ermöglicht wird das durch Technologien aus dem Vereinigten Königreich, denn die Ausstattung des State Research Center mit Telefonabhörgeräten, Funkfernmelde- und Funkortungsgeräten erfolgte durch mehrere britische Firmen.
Unregulierter Export von Überwachungstechnologie
So gehen die größten Waffen- und Militär-Exportländer auch bei den Exporten von Repressionswerkzeugen in Führung. Doch anders als der Waffenhandel ist das Geschäft mit den neuen Technologien kaum kontrolliert. Private Firmen prägen den Handel, nicht selten auch die Hersteller klassischer Waffen. Wie Michael Klare feststellt, handeln sie nicht unabhängig von Staaten, sondern werden von diesen gefördert. Durch die Einrichtung spezieller Programme erleichtern westliche Regierungen die Beschaffung solcher Ausrüstungen für die Sicherheitskräfte verbündeter Länder, entweder direkt oder durch finanzielle Unterstützung. Wenn die Exporte nicht eingeschränkt würden, warnt Klare, werde „das Gleichgewicht der Kräfte weiterhin die Kräfte der Unterdrückung begünstigen.“
Anfang der 80er Jahre greift erstmals Amnesty International das Thema des Repressionshandels auf und fordert westliche Regierungen auf, den Export von Überwachungstechnologien zu kontrollieren und zu beschränken.[8] Eindringliche Appelle der britischen Amnesty-Sektion an die damalige Premierministerin Margaret Thatcher weist diese brüsk zurück und verteidigt etwa Lieferungen von Überwachungstechnologie an Chiles Diktator Augusto Pinochet, unter dessen Herrschaft Tausende sterben. Ernsthaft eingeschränkt wird der Export von Repressionswerkzeugen nicht, und so stellt die britische Nichtregierungsorganisation Privacy International 1995 in einem umfassenden Bericht zum überwachungsindustriellen Komplex fest: Das Ausmaß der technischen Unterstützung für unmenschliche Regime ist weiter hoch, die Branche wächst und gedeiht. Von elektronisch verarbeiteten Todeslisten der Polizei in Guatemala über ethnische Säuberungen in Indonesien bei der Besetzung Osttimors bis zur Überwachung von Oppositionellen in China – überall ist westliche Technologie im Einsatz. Explizit nennt Privacy International Firmen aus dem Vereinigten Königreich, den USA, Frankreich, Israel und Deutschland.[9]
Koloniale Kontinuität der Überwachung
Den nächsten globalen Überwachungsboom lösen die Terroranschläge vom 11. September 2001 und der „Krieg gegen den Terrorismus“ aus, den die USA ausrufen. Die Überwachungsindustrie verzeichnet ein enormes Wachstum, ihre kolonial geprägte Geografie verändert sich derweil lange Zeit nicht. 2016 legt Privacy International bei der Durchleuchtung der globalen Überwachungsindustrie mit einer bis heute einzigartigen Untersuchung nach: Insgesamt erfasst die britische NGO zu diesem 528 Überwachungsfirmen auf der Welt, die Überwachungsprodukte wie Videoüberwachung, polizeiliche Big-Data-Analysen oder Spähsoftware vertreiben. Lediglich 18 dieser Firmen haben ihren Sitz in der südlichen Hemisphäre, 510 in der nördlichen. Weiter dominieren westliche Länder das Geschäft: Mit 112 Firmen führen die USA das Ranking an. Gefolgt von dem Vereinigten Königreich mit 104 Firmen, Frankreich mit 45, Deutschland mit 41 und Israel mit 27. Zudem gehören 17 der 20 Länder, in denen die meisten Überwachungsunternehmen ihren Hauptsitz haben, auch zu den bedeutendsten Exportländern klassischer Waffen und Militärgüter.
Seit dieser Untersuchung von Privacy International sind inzwischen acht Jahre vergangen, in denen die Industrie weiter gewachsen ist. Eine umfassende Untersuchung wie 1995 und 2016 existiert derzeit nicht. Neuere Untersuchungen mit engerem geografischen Fokus, etwa für Lateinamerika[10] und Afrika,[11] deuten jedoch darauf hin, dass sich erstmals seit langem eine Verschiebung bei den Herstellerländern abzeichnet. Die traditionellen Exportländer in Europa, Nordamerika und Israel bekommen inzwischen Konkurrenz aus China. Insbesondere beim Export von Videoüberwachung und umfassenden Safe-City-Systemen gehört das Land inzwischen zu den führenden Exporteuren. Eine Kontinuität aber besteht fort: Die Profiteure der Exporte sitzen selten in den Ländern, in denen die Konsequenzen zu spüren sind.
Dies ist ein gekürzter und überarbeiteter Vorabdruck aus: Dachwitz, Ingo; Hilbig, Sven: Digitaler Kolonialismus. Wie Tech-Konzerne und Großmächte die Welt unter sich aufteilen. Das Buch erscheint Februar 2025 bei C.H. Beck. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung.