Frontex übernimmt das Kommando: EU-Grenzagentur mit neuen Fähigkeiten und Kompetenzen

Die EU-Kommission plant eine neue große Reform der EU-Grenzagentur, deren „Ständige Reserve“ dabei auf 30.000 Einsatzkräfte verdreifacht werden könnte. Kommandostrukturen dieser Truppe werden schon jetzt auf sieben geografische Einsatzbereiche dezentralisiert. Frontex entsendet sein Personal außerdem in sechs Drittstaaten, dazu bewirbt sich nun auch die Ukraine. In diesen Ländern will Frontex auch mit seinem „Rückkehrzentrum“ tätig werden, das die Zahl von Abschiebungen als Rundum-Dienstleistung für die EU-Staaten jährlich deutlich steigert. Noch vor Beschluss einer neuen Verordnung startet die Agentur den Bau ihres neuen Hauptquartiers in Warschau.

2004 hatten die damaligen EU-Staaten Frontex als gemeinsame Agentur für die Grenz- und Küstenwache gegründet.[1] Seitdem koordiniert sie die Umsetzung des sogenannten Schengen-Aquis und die damit verbundenen Vorgaben zur Kontrolle aller Außengrenzen des Schengen-Raums. Zu diesem gehören Norwegen, Liechtenstein, die Schweiz und Island. Auch diese Länder tragen zum Gesamthaushalt für Frontex bei. 2025 lag das Jahresbudget der Grenzagentur erstmals deutlich über einer Milliarde Euro.[2]

2016 erhielt Frontex durch eine neue Verordnung die Befugnis, eigene Ausrüstung zu beschaffen – zunächst waren dies Charterverträge für Flugzeuge und später große Drohnen zur Luftaufklärung an den Seeaußengrenzen der EU, es folgten geländegängige Fahrzeuge und mobiles Überwachungsgerät. 2019 erlaubte eine weitere neue Verordnung, dass Frontex eine „Ständige Reserve“ aufbaut. Diese Truppe soll bis 2027 auf 10.000 Einsatzkräfte anwachsen und besteht aus vier Kategorien: 3.000 Beamt*innen bilden ein Frontex-Stammpersonal, das vom Hauptquartier in Warschau uniformiert und bewaffnet wird.[3] Außerdem verfügt Frontex weiterhin über Kontingente für langfristig sowie kurzfristig entsandte Kräfte aus den EU-Mitgliedstaaten. Eine „Reserve für Soforteinsätze“ sollte bis zur endgültigen Re-krutierung aller 10.000 Beamt*innen „unerwarteten Bedarf“ decken, falls die Truppe eilig zu Missionen beordert werden muss.[4] Derartige „schnelle Grenzinterventionen“ erfolgten erstmals 2020 in Griechenland: Nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Tausende Geflüchtete aus Syrien in die Evros-Region an die griechische Grenze gebracht und zum Übertritt angehalten hatte, entsandte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine bewaffnete Frontex-Einheit aus Teams einzelner Mitgliedstaaten dorthin. Die Beamt*innen trugen dabei Ausrüstung zur „Crowd Control“, darunter Helme mit Nackenschutz, Protektoren und Schilde.[5]

Neue Eingreiftruppe

Anfang 2026 umfasste die „Ständige Reserve“ insgesamt 8.000 Beamt*innen.[6] Damit hat sie inzwischen genug Kräfte, um die „Reserve für Soforteinsätze“ (Kategorie 4), die bislang nicht aktiviert wurde, wie vorgesehen aufzulösen und stattdessen eine „Quick Reaction Force“ (QRF) aufzubauen.[7] Sie soll „bei sich rasch verändernden Situationen an den Außengrenzen“ flexibel einsatzfähig sein. Weitere Einsatzgebiete wären „vorgesehene Ereignisse internationalen Maßstabs“, etwa Sportveranstaltungen, Gipfeltreffen oder UN-Konferenzen. An den Außengrenzen hätten diese „erhebliche Auswirkungen auf den Verkehr und die operativen Anforderungen“, erklärt Frontex.[8]

Die „Quick Reaction Force“ soll in zwei Einheiten organisiert werden – zum einen als kontingentgebundene Reserve (C-QRF), die aus bis zu 15 Prozent der bereits in den verschiedenen Einsatzgebieten stationierten Beamt*innen besteht und kurzfristig verlegt werden kann. Hinzu kommt eine „Europäische Eingreifreserve“ (E-QRF) mit fest stationierten Kräften und Ausrüstung in mehreren Mitgliedstaaten. Wo diese kaserniert werden, ist derzeit noch unklar. Entsprechende Gespräche hat Frontex bereits mit Deutschland, Polen und Estland geführt.[9] Viel Zeit bleibt nicht: Als Termin für den Start der europäischen Komponente ihrer „Eingreifreserve“ nennt die Agentur das erste Quartal 2026.

Mit der QRF will Frontex eine „ergänzende Reaktionsfähigkeit“ schaffen, wenn „nationale Kräfte“ in den Mitgliedstaaten ihre Kapazitäten ausgeschöpft haben. Allerdings kann die „Ständige Reserve“ und mithin die EU-Eingreiftruppe auch aktiviert werden, „wenn die Situation an den Außengrenzen dringendes Handeln erfordert“ – und dies womöglich ohne Zustimmung eines Gaststaates. So steht es seit 2019 als „Recht auf Intervention“ in Artikel 42 der damals geänderten Frontex-Verordnung: Wenn ein Mitgliedsstaat Empfehlungen des Frontex-Direktors und die darauf basierenden Entscheidungen des Verwaltungsrats zur Behebung festgestellter Mängel im Grenzmanagement ignoriert, können die übrigen Unionsmitglieder auf Kommissionsvorschlag zwingende Maßnahmen beschließen, die dieser Staat umsetzen muss.[10] Daraufhin muss der betroffene Mitgliedstaat mit Frontex kooperieren und etwa die Anwesenheit der „Ständigen Reserve“ dulden – oder die Nachbarstaaten führen wieder Binnengrenzkontrollen ein.

Ausbildung durch Frontex

Mit dem Aufbau der zentralisierten Grenztruppe wird Frontex auch für deren Ausbildung zuständig. Bislang erfolgt diese in 42 sogenannten „Partnerakademien“ in 25 EU-Staaten, darunter die Bundespolizeiakademie in Lübeck sowie das Maritime Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in Neustadt.[11] Dort wurden im Jahr 2024 bereits 1.605 Angehörige der „Ständigen Reserve“ geschult, für 2025 beziffert Frontex die Zahl auf 920, für 2026 wird mit rund 900 geplant. Trainings für Frontex finden dort ausschließlich auf Englisch statt.

Zudem errichtet Frontex ein eigenes Ausbildungszentrum in Warschau. Ähnlich dem Sitzabkommen für das Hauptquartier hat die EU-Agentur dazu eine Vereinbarung mit der polnischen Regierung geschlossen. Ursprünglich hatte Frontex geplant, das Trainingszentrum an einer Sporthochschule in Warschau anzusiedeln, dazu soll es jedoch keine Einigung gegeben haben. Für 2026 plant Frontex deshalb eine europaweite Ausschreibung für einen eigenen, dauerhaften Trainingsstandort.[12]

In dem Zentrum soll die Grundausbildung für Kategorie-1-Beamt*innen stattfinden – also jene Grenzpolizist*innen, die direkt bei Frontex angestellt sind. Dazu gehören theoretische und praktische Inhalte, darunter Grenzkontrollen, Grenzüberwachung, Abschiebungen, Ermittlungen sowie Zwangsmaßnahmen. Hierzu suchte Frontex 2025 einen Ausbildungspartner im Umkreis von 50 Kilometern zum Hauptquartier in Warschau. Für Schießtrainings veranschlagte Frontex 2,3 Millionen Euro, für „Trainings in Festhaltetechniken“ weitere 700.000 Euro – jeweils für zwei Jahre mit Option auf Verlängerung. Beide Ausschreibungsverfahren endeten jedoch zunächst ohne geeignete Angebote.[13]

Auch nach Inbetriebnahme des geplanten, zentralen Ausbildungszentrums sollen die „Partnerakademien“ an Polizei- und Grenzschutzschulen der Mitgliedstaaten bestehen bleiben. Dort wird auch weiterhin Personal aus Drittstaaten trainiert. Bislang ist dies etwa zu Einheiten aus Albanien, Georgien, Montenegro, der Ukraine und Bosnien und Herzegowina bekannt.[14] Über Programme der EU-Kommission werden auch Grenzbehörden aus Nordafrika und dem Nahen Osten einbezogen, darunter u. a. Saudi-Arabien, Ägypten, Libyen und Sudan.

Dezentralisierte Kommandostrukturen

Mit dem Aufbau neuer regionaler Kommandos verlagert die Agentur Teile ihres Einsatzmanagements für die „Ständige Reserve“ aus der Warschauer Zentrale in einzelne EU-Staaten. Diese Kommandos sind dann für alle Einsatzarten zuständig – an Land, zu Wasser und in der Luft. Zukünftig soll es sieben solcher geografischen Einsatzbereiche geben.[15]

In Tallinn entstand im Juli 2025 das erste regionale Hauptquartier der „Ständigen Reserve“, das den siebten Regionalbereich abdeckt und die skandinavischen EU-Staaten fokussiert. Für den sechsten geografischen Einsatzbereich folgte ein Zentrum in Prag, zuständig für Länder wie Deutschland, Frankreich, Belgien, die Niederlande, Tschechien, Dänemark und die Schweiz.[16]

Die jeweiligen Kommandoteams übernehmen Personalplanung, Einsatzfreigaben und die Führung der „Ständigen Reserve“ im jeweiligen Verantwortungsgebiet. Die Agentur begründet die neue Regionalstruktur mit dem Ziel, schneller auf „operative Bedürfnisse“ reagieren zu können und beschreibt die Reform als Schritt zu einer „hierarchischen Struktur im Feld“.

„Klimaneutrale Rückführungen“

Seit 2019 baut die Agentur in Warschau außerdem ein „Europäisches Rückkehrzentrum“ auf, das freiwillige und erzwungene „Rückführungen“ aus den EU-Staaten koordinieren und erleichtern soll – laut Frontex klimaneutral und nötigenfalls mit „Fesselungstechniken“.[17] Geleitet wird das „Rückkehrzentrum“ von Lars Gerdes, einem ehemaligen Ausbilder der deutschen Bundespolizei, der zuvor die Mission der Bundespolizei in Afghanistan leitete und heute einer der drei Vizedirektor*innen von Frontex ist.

Für die operative Unterstützung von „Rückführungen“ stellt Frontex drei Kategorien von Personal bereit: „Rückkehrspezialist*innen“, die in EU-Staaten über Botschaften von Herkunftsländern bei der Beschaffung von Reisedokumenten assistieren, „Begleit- und Unterstützungsbeamt*innen für die erzwungene Rückkehr“, die mit an Bord von Flugzeugen sitzen, sowie „Europäische Rückkehrverbindungsbeamt*innen“, die bei der Integration der „rückgeführten“ Menschen im Herkunftsland helfen sollen.[18]

Mehr „freiwillige Rückkehr“

Damit sich potenzielle „Rückkehrer*innen“ über nationale Rückkehr- und Reintegrationsprogramme der EU-Mitgliedstaaten und Standorte von Beratungszentren informieren können, lässt Frontex eine mobile Anwendung für iOS und Android samt begleitender Website mit dem Namen „Return and Reintegration Application“ (RRApp) entwickeln.[19] Die App soll laut einer Ausschreibung helfen, die Zahl freiwilliger Rückkehrer*innen zu erhöhen. Für das auf 56 Monate angelegte Projekt gibt Frontex 500.000 Euro aus.

Die Beamt*innen des „Rückkehrzentrums“ gehören ebenfalls zur „Ständigen Reserve“. Sie sind an mehreren europäischen Flughäfen stationiert – derzeit in Paris, Amsterdam, Wien, Frankfurt/M., Düsseldorf und Berlin-Brandenburg. Auch diese Einheiten werden ausgebaut und mit der Reform der Kommandostrukturen als zusätzliche Regionalzentren errichtet. Frontex bezeichnet sie als „Rückkehrkontingente“ R1 und R2.

Anfang 2026 hat das „Rückkehrzentrum“ in Warschau Statistiken für die letzten drei Jahre vorgelegt.[20] 2025 wurden demnach über 63.493 Menschen mit Frontex-Beteiligung aus der Europäischen Union gebracht, darunter über ein Drittel unter Zwang. 2023 waren es noch 39.231 „Rückführungen“, von denen fast die Hälfte unfreiwillig erfolgten. Zwischen 2023 und 2025 waren bei rund 35.650 Fällen „Rückkehrspezialist*innen“ beteiligt, „Begleitbeamt*innen“ unterstützten die Abschiebung von 27.137 Drittstaatsangehörigen, zehn „Rückkehrverbindungsbeamt*innen“ wurden in 15 Drittstaaten eingesetzt und unterstützten dabei 1.457 Personen. Frontex will außerdem in den vergangenen drei Jahren 18.000 „Einzelberatungen“ für abgelehnte Geflüchtete durchgeführt haben, davon die meisten in Deutschland.

Sechs Stationierungen in Drittstaaten

Mit der Verordnung von 2019 ist es Frontex möglich, Missionen in Drittstaaten außerhalb der EU durchzuführen. Das EU-Personal darf dabei Exekutivbefugnisse wie etwa Grenzübertrittskontrollen oder die Registrierung von Personen ausüben. Dazu nötige Statusvereinbarungen hat die Kommission seit 2019 mit Albanien, Nordmazedonien, Montenegro, Serbien sowie – im Eiltempo – mit der Republik Moldau geschlossen.[21] Die dortige Frontex-Mission sollte nach Ausbruch des Ukraine-Krieges auf ausdrücklichen Wunsch der Regierung in Chișinău noch 2022 starten. Wegen des Kriegs und des „eingefrorenen Konflikts“ mit russischen Truppen in Transnistrien gilt Moldau derzeit als heikelstes Frontex-Mandat. 2025 haben die Regierungen der Mitgliedstaaten schließlich einem Statusabkommen mit Bosnien und Herzegowina zugestimmt. Nur mit dem Kosovo als letztem Drittstaat auf dem Balkan kann Frontex nicht kooperieren, da das Land keine Außengrenze mit der EU hat und nicht von allen Mitgliedstaaten der Union anerkannt wird.

Als siebter Partnerstaat drängt derzeit die Ukraine auf den Abschluss eines Statusabkommens und hat dazu nach einem Dekret des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bereits im Oktober 2024 ein Verhandlungsteam benannt.[22] Im Juli 2025 hat der ukrainische Innenminister Ihor Klymenko in einem Schreiben an die EU-Kommission abermals auf einen eiligen Beginn der Verhandlungen gedrängt. Auch wenn es zum Abschluss eines Statusabkommens kommt, würden konkrete Einsätze vermutlich erst nach einem Kriegsende anvisiert.

Die Frontex-Statusabkommen legen die Einsatzgebiete sowie Befugnisse der entsandten Frontex-Teams fest. Dazu gehört – wie im Fall Bosnien und Herzegowina[23] – die Erlaubnis für das Mitbringen, die Lagerung und den Einsatz von Dienstwaffen, Munition und anderen polizeilichen Zwangsmittel sowie das Tragen einer Frontex-Uniform. Frontex muss die Grenzpolizeien der Gaststaaten über persönliche Daten seines Personals informieren, diese müssen Einsatzpläne vorab genehmigen und behalten die Kontrolle über die operativen Abläufe. Die zuständigen Behörden können den Frontex-Teammitgliedern auch Zugriff auf Datenbanken des Landes erlauben. Frontex-Mitarbeiter*innen genießen gemäß den Statusabkommen Immunität vor Verfolgung durch die Straf-, Zivil- und Verwaltungsgerichtsbarkeit im Gaststaat. Dies gilt für Handlungen, die im Rahmen ihrer offiziellen Aufgaben ausgeführt werden. Verfolgt werden die Vergehen aber im Entsendestaat.

Erste Stationierung in afrikanischem Land

Nach Vorbild der Westbalkan-Abkommen will Frontex auch in afrikanischen Ländern operativ tätig werden können. Als einzige Staaten hatten vor einigen Jahren Mauretanien und Senegal Bereitschaft zu Verhandlungen für ein Statusabkommen gezeigt, traten dann aber wieder davon zurück.[24] Um dennoch wenigstens im Seegebiet vor den beiden Ländern patrouillieren zu können, hat Frontex im November 2025 ein Aufklärungsflugzeug in Praia auf der Insel Santiago stationiert, die zu den Kapverden gehört. Es ist der erste derartige Einsatz in einem afrikanischen Land; Frontex hat dort jedoch keine Eingreifrechte.[25]

An den Gesprächen zur technischen Umsetzung waren auch Behörden aus Portugal beteiligt – die beiden Länder arbeiten nach der Unabhängigkeit des Inselstaats Kap Verde auch zu maritimer Sicherheit eng zusammen. Nach Angaben eines Frontex-Sprechers stimmt sich die EU-Grenzagentur auch mit spanischen Behörden zu den Flügen ab. Die zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln sind oft Ziel der Überfahrten von Booten mit Migrant*innen, die von Gambia, Guinea-Bissau, Senegal oder Mauretanien in Richtung Europa aufbrechen.

Die im Rahmen der „Multipurpose Aerial Surveillance“ von Frontex bei privaten Firmen gecharterten Luftfahrzeuge halten Ausschau in den Such- und Rettungsregionen im Atlantik vor Senegal und Mauretanien – dabei handelt es sich um internationale Gewässer. Bei Sichtung eines Bootes informiert die Besatzung die zuständigen Behörden der westafrikanischen Länder – auch der Kapverden, die dafür ihr „Zentrum für maritime Sicherheitsoperationen“ (COSMAR) als „Eurosur-Koordinierungszentrum“ benannt haben.[26] Eurosur ist das Überwachungsnetzwerk, an das seit 2014 zunächst nur alle Schengen-Staaten mit dem Frontex-Hauptquartier in Warschau angebunden wurden. Dorthin werden auch die von Aufklärungsflugzeugen aufgenommenen Videos in Echtzeit gestreamt.

Vor Beginn der Flüge von Praia hatte sich der Frontex-Grundrechtsbeauftragte Jonas Grimheden kritisch geäußert.[27] Denn die Flugzeuge sollen Informationen über entdeckte Migrant*innen auch an Behörden in Mauretanien und Senegal weitergeben. Dort gebe es aber Berichte über Defizite beim Schutz der Menschenrechte, deshalb hätten vor der Inbetriebnahme des Flugdienstes wirksame Schutzmaßnahmen eingeführt werden sollen, meinte Grimheden. Der Grundrechtsbeauftragte forderte daher einen Aktionsplan, in dem besonders das Verbot des Non-Refoulement – also das Verbot, Menschen in Länder zurückzuschicken, wo ihnen Verfolgung droht – berücksichtigt werden müsse.

Mehr Ressourcen für Frontex

Im Juli 2024 kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen für ihre zweite Amtszeit an, die „Ständige Reserve“ auf 30.000 Mitglieder verdreifachen zu wollen.[28] Die am 1. April 2025 vorgelegte ProtectEU-Strategie für innere Sicherheit bekräftigte dieses Ziel.[29] Vom Rat beschlossen ist die Verdreifachung der Frontex-Truppen aber noch nicht. Die Aufstockung würde auch in der zu ändernden Verordnung adressiert werden müssen, etwa zum Umfang, den Aufgaben und finanziellen Auswirkungen.

Über die weiteren Pläne der Kommission für eine neue Frontex-Verordnung ist derzeit noch wenig bekannt. Am 31. Juli 2025 hat sie eine öffentliche Konsultation zur Folgenabschätzung für eine solche Gesetzesrevision gestartet.[30] Öffentlichkeit und Interessengruppen konnten bis Ende November Einschätzungen einreichen. Vermutlich wird die Kommission vorschlagen, dass Frontex ihre Einsätze in Drittstaaten ausweitet und dort auch „Rückführungsoperationen“ durchführen darf. Dagegen hatte sich das EU-Parlament bei der Änderung der Verordnung 2019 noch gewehrt. Ebenso dürfte die Kommission vorschlagen, dass Frontex innerhalb des Schengen-Raums die sogenannten Dublin-Rückführungen unterstützen soll.

Womöglich wird mit dem Vorschlag auch das EU-Beamtenstatut geändert, das derzeit keinen Transport bewaffneter Beamt*innen in Drittstaaten ermöglicht – für den Ausbau der „Ständigen Reserve“ und insbesondere der Kategorie 1-Beamt*innen ist dies ein Hindernis. Frontex könnte hierzu in Warschau auch eine eigene Beschaffungsstelle einrichten, die insbesondere teures und schweres Gerät für Ein-sätze in oder außerhalb der EU vorhält. Auch der Datentausch mit Drittstaaten oder mit Europol unterliegt Hindernissen, die Frontex gern beseitigt sehen würde.

Risikoanalyse zu Geflüchteten und visafrei Reisenden

Zukünftige Aufgaben erhält Frontex auch zur Umsetzung der Reform des „Gemeinsamen Europäischen Asylsystems“: Die neue Screening‑Verordnung sieht etwa vor, dass ankommende Schutzsuchende einen Gesundheitscheck, eine Vulnerabilitätsprüfung, die Identifizierung oder Verifikation der Identität, die Registrierung biometrischer Daten in Eurodac (soweit noch nicht erfolgt), einen Sicherheitscheck, das Ausfüllen eines Screening‑Formulars sowie die Zuweisung zu einem anschließenden Verfahren durchlaufen müssen.[31] Identitäts‑ und Sicherheitsprüfungen werden über den „Gemeinsamen Identitätsspeicher“ abgefragt, der im Rahmen des Projekts „Interoperabilität“ durch Zusammenlegung mehrerer biometriebasierter Datenbanken geschaffen wurde.[32]

Die neue Screening-Routine hat Frontex zusammen mit Europol im Herbst 2025 in einem Pilotprojekt auf Lampedusa an 261 Schutzsuchenden erprobt.[33] Betroffen sind davon zukünftig alle Drittstaatsangehörigen, die entweder die Außengrenze unerlaubt überschritten haben, während Grenzkontrollen internationalen Schutz beantragen, nach Such‑ und Rettungsoperationen anlanden, an Grenzübergangsstellen Asyl beantragen oder sich irregulär im Hoheitsgebiet aufhalten, ohne zuvor an der Außengrenze kontrolliert worden zu sein.

Frontex wird in diesem Jahr auch für die IT-gestützte Risikoanalyse von visafrei Einreisenden zuständig, die dann – nach Vorbild eines US-Systems – mit einem Europäischen Reiseinformations- und -genehmigungssystem (ETIAS) ihren Grenzübertritt anmelden müssen. Das ETIAS wird auch im Rahmen der Screening-Verordnung abgefragt.

Erkennung und Abwehr von Drohnen

Vorgesehen ist auch, dass Frontex ihr „Lagebewusstsein“ an den EU-Außengrenzen verbessert und Ressourcen für schnellere Reaktionen auf „hybride Bedrohungen“ aufbaut. Dazu soll auch die Drohnenabwehr gehören. Neu ist das nicht: Frontex testet seit Jahren Technologien, um störende Drohnen an den EU-Außengrenzen zu erkennen und zu neutralisieren. Ziel ist es, illegale Überflüge, Schmuggel und unerlaubte Überwachung zu verhindern.

Im vergangenen Sommer hat die EU-Grenzagentur dazu einen „Counter-Unmanned Aircraft Systems (C-UAS) Prize Contest“ gestartet, an dem kleinere und große Rüstungskonzerne teilgenommen haben.[34] Der EU-Migrationskommissar Magnus Brunner kündigte außerdem an, dass weitere 250 Millionen Euro aus dem Grenzschutzfonds „speziell für Drohnen“ ausgegeben werden sollen[35]. Die EU-Mitgliedstaaten würden dann Technik beschaffen, die Frontex vorher erprobt und bewertet hat.

Mehr Macht, aber kaum Kontrolle

Bislang logiert Frontex in Warschau an zwei verschiedenen Standorten in drei Mietgebäuden. Für seine neuen Ausrüstungen, Fähigkeiten und Kompetenzen erhält die Grenzagentur nun ein neues Hauptquartier. Das Gebäude soll auf einem 70.000 Quadratmeter großen Grundstück errichtet werden, das die polnische Regierung Frontex überließ.[36] Dort sollen ein Rund-um-die-Uhr-Überwachungszentrum zur Leitung von Frontex-Operationen sowie ein „Innovations- und Technologiezentrum“ untergebracht werden, das neue Technik zur Kontrolle und Abwehr von Migration erforscht, entwickelt und testet. Der Neubau kostet nach gegenwärtigem Stand 250 Millionen Euro. Strittig war die geplante Kreditfinanzierung von 75 Prozent der Baukosten.[37] Mehrere Mitgliedstaaten äußerten Bedenken, dass dies einen Präzedenzfall für andere EU-Agenturen schaffen könnte. Der Frontex-Antrag wurde deshalb im Rat abgelehnt erst in einer zweiten Runde beschlossen.

Offen ist, ob und wie in der neuen Verordnung Governance und Aufsicht von Frontex mit den neuen Aufgaben und Kompetenzen mitwachsen würden. Für die operative Führung sind der Exekutivdirektor mit seinen drei Stellvertreter*innen zuständig.[38] Die politische und strategische Steuerung der Grenzagentur übernimmt der Verwaltungsrat, in dem neben jedem EU-Mitgliedstaat auch die Kommission vertreten ist. Instrumente zu einer Evaluierung dieser operativen und strategischen Führung gibt es nicht.

Auch die Aufsicht von Frontex ist nicht mit der eines Ministeriums in einem EU-Staat wie Deutschland vergleichbar: [39] Die Agentur-Architektur der Union sieht nicht vor, dass eine übergeordnete Stelle dem Frontex-Direktor Weisungen erteilen kann; dieser verfügt laut Verordnung in allen Zuständigkeitsbereichen über Autonomie. Das EU-Parlament hat allenfalls Fragerechte und kann Berichte anfordern, aber – außer in Bezug auf das Budget – keine Sanktionen verhängen. Grundrechte schützt Frontex bislang mit einem eigenen, im Hauptquartier angestellten Beauftragten, der aber ebenfalls keine Forderungen – etwa den Abbruch eines Einsatzes in einem Gaststaat nach Art. 46 der Frontex-Verordnung – durchsetzen kann. Ob die Kommission diese Defizite in ihrem für dieses Jahr angekündigten Vorschlag adressiert, ist offen.

[1]    Winker, M.; Monroy, M.: Quantensprung für Frontex: Der unaufhaltsame Aufstieg der Grenzschutzagentur, in: Bürgerrechte & Polizei/CILIP 109 (Januar 2016), S. 46-54.
[2]    https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1172183/umfrage/budget-der-europaeischen-agentur-fuer-die-grenz-und-kuestenwache-frontex.
[3]    Neue Frontex-Verordnung: Aufrüstung der Festung Europa, www.cilip.de/2019/09/30/ neue-frontex-verordnung-aufruestung-der-festung-europa v. 30.9.2019.
[4]    COM(2024) 75 final v. 2.2.2024.
[5]    Frontex startet neue Soforteinsätze in Griechenland, , www.cilip.de/2020/03/13/ frontex-startet-neue-soforteinsaetze-in-griechenland v. 13.3.2020.
[6]    EU-Kommission v. 5.1.2026, www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-004331-ASW_DE.html.
[7]    Monroy, M.: Schnelle Eingreiftruppe für Frontex, in: CILIP 139 (Dezember 2025), S. 104.
[8]    EU-Kommission v. 20.10.2025, www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-003521-ASW_EN.html.
[9]    EU-Kommission v. 23.12.2025, www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-004572-ASW_EN.html.
[10] Verordnung (EU) 2019/1896 über die Europäische Grenz- und Küstenwache … v. 13.11.2019, in: Amtsblatt der EU v. 14.11.2019.
[11] Abolish Frontex: Frontex training infrastructure, November 2025, https://abolishfrontex.org/wp-content/uploads/2025/11/frontex-training-infrastructure.pdf, S.1.
[12] ebd.
[13] ebd.
[14] EU-Kommission v. 15.12.2025, www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-004333-ASW_EN.html.
[15] EU-Kommission v. 3.9.2025: www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-003138-ASW_EN.html.
[16]   Frontex Opens New Contingent in Prague to Strengthen Border Coordination Across Europe, Frontex v. 28.7.2025.
[17] Wie Frontex die EU-Abschiebemaschine ölt, nd v. 9.6.2023.
[18] EU-Kommission v. 3.9.2025, www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-003138-ASW_EN.html.
[19] https://ted.europa.eu/en/notice/-/detail/225187-2024.
[20] Frontex submits report card for 2025, Statewatch v. 3.2.2026; Frontex: Implementation of Frontex activities in the field of return v. 13.1.2026, www.statewatch.org/media/5238/409-2026-frontex-return-activities-2025.pdf.
[21] Erster Frontex-Einsatz am Rand eines Kriegsgebiets geplant, Migazin v. 11.3.2022.
[22]   EU will Frontex-Einsätze in der Ukraine möglich machen, Frankfurter Rundschau v. 5.1.2026.
[23] Letzter Balkanstaat schließt Frontex-Abkommen, nd v. 29.1.2025.
[24] Statewatch; Transnational Institute: Exporting Borders, Amsterdam 2025, www.statewatch.org/media/5008/eu-frontex-west-africa-exporting-borders-07-25.pdf.
[25] Frontex v. 23.6.2025, www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-002099-ASW-ANN02_EN.pdf.
[26] EU-Kommission v. 23.12.2025, www.europarl.europa.eu/doceo/document/E-10-2025-004645-ASW_DE.html.
[27] Frontex fliegt jetzt vor Westafrika, nd v. 16.11.2025.
[28] Statement at the European Parliament Plenary by President Ursula von der Leyen, candidate for a second mandate 2024-2029 v. 18.7.2024, https://enlargement.ec.europa.eu/news/statement-european-parliament-plenary-president-ursula-von-der-leyen-candidate-second-mandate-2024-2024-07-18_en.
[29] COM(2025) 148 final v. 1.4.2025.
[30] https://home-affairs.ec.europa.eu/whats-new/public-consultations/european-border-and-coast-guard-update-eu-rules_en.
[31] Verordnung (EU) 2024/1356 v. 14.5.2024 zur Einführung der Überprüfung von Drittstaatsangehörigen an den Außengrenzen, in: Amtsblatt der EU v. 22.5.2024.
[32] Milliarden für Europas Biometrie-Giganten, netzpolitik.org v. 11.09.2021.
[33] https://fragdenstaat.de/anfrage/new-screening-toolbox-tested-in-lampedusa.
[34] C-UAS Prize Contest, Frontex v. 30.6.2025, www.frontex.europa.eu/innovation/research-and-innovation/prize-contests/c-uas-prize-contest-sFXJdl.
[35] Commission won’t lead talks on ‘return hubs,’ EU migration chief says, Euractiv v. 27.11.2025.
[36] EU states set to ‘grudgingly’ approve massive new Frontex HQ, euObserver v. 22.1.2025.
[37] Frontex wants loan covering 75 % of construction cost of new HQ, euObserver v. 29.1.2025.
[38] Verordnung (EU) 2019/1896, a.a.O. (Fn. 10).
[39] Kirkpatrick, J.: Mehr Macht, keine Verantwortung? Der Mega-Agentur Frontex fehlt eine wirkliche Kontrolle, in: Bürgerrechte & Polizei/CILIP 128 (März 2022), S. 14-21.

Beitragsbild: Frontex-Competition mit Herstellern von Drohnenabwehr-Technik.

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