Chinesenverfolgung im Nationalsozialismus: Ein weiteres Kapitel verdrängter Geschichte

von Dagmar Yü-Dembski

Die Mehrzahl der wissenschaftlichen Untersuchungen deutscher und chinesischer Historiker konzentriert sich bei der Aufarbeitung der Geschichte der deutsch-chinesischen Beziehungen auf die Darstellung militärisch-politischer Konflikte und Phasen politisch-wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Das Erkenntnisinteresse ist zudem überwiegend organisationsgeschichtlich orientiert und personenbezogen. Der innenpolitische Umgang mit der chinesischen Minderheit, insbesondere während des Nationalsozialismus ist hingegen wenig erschlossen. Das Quellenmaterial, sofern vorhanden, ist auf verschiedene Archive verteilt und muß mühsam zusammengetragen werden. Dann allerdings läßt sich im Umgang mit den verschiedenen sozialen Gruppen chinesischer Staatsangehöriger durchaus eine Kontinuität erkennen, die bei allen Unterschieden z.T. erstaunliche Parallelen zum heutigen Umgang mit der vietnamesischen Minderheit in Deutschland zeigt.

Daß wirtschaftliche und militärpolitische Interessen die deutsche Haltung bei der Förderung von Chinesen bestimmten, die zur Ausbildung und zum Studium in Deutschland lebten, erstaunt nicht. Dies galt vor allem, wenn sie sich jeglicher politischer Aktivitäten enthielten. Auf der anderen Seite verschärften sich zugleich die Lebensbedingungen für diejenigen Chinesen, die als ökonomische Konkurrenz oder als soziale Belastung angesehen wurden und auf staatliche Unterstützung angewiesen waren. Während der Kriegsjahre lieferten die speziellen Verordnungen wie z.B. Kriegswirtschaftordnung, Volksschädlingsverordnung, Heimtückeverordnung und die Anwendung des Blutschutzgesetzes – nach der systematischen Verfolgung und Vernichtung der Juden – auch die Grundlage für zahlreiche Verhaftungen und Verfolgungen von Chinesen.

Die Vorgeschichte: Chinesen in Deutschland

Die chinesische Gemeinde in Deutschland setzte sich zu Beginn der 30er Jahre vorwiegend aus Studenten und Kaufleuten zusammen. Über ihre Zahl gibt es jedoch keine gesicherten Angaben. Bereits in den frühen 20er Jahren war eine große Zahl von Chinesen zur Ausbildung, aber auch aus politischem Interesse und im Parteiauftrag nach Deutschland gekommen, danach stand das Interesse an einem Studium in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen im Vordergrund. Nach den statistischen Jahrbüchern deutscher Universitäten lag die Zahl der eingeschriebenen Studierenden aus China Anfang der dreißiger Jahre bei ca. 200, tatsächlich dürften es um die 500 gewesen sein. Die zweite Gruppe chinesischer Staatsbürger, die teilweise bereits seit den 20er Jahren in Deutschland lebte, waren Seeleute, Kleinhändler und Kaufleute. Sie bewohnten in Berlin ebenso wie in Hamburg die Armenviertel, in denen es aufgrund der sozialen Spannungen häufig zu Auseinandersetzungen unter den Bewohnern kam. Schon in den 20er Jahren hatte ein „Zwischenfall im Chinesenviertel“ das Augenmerk der Berliner Öffentlichkeit auf die ca. 200 am Schlesischen Bahnhof lebenden Händler gelenkt. Auch in Hamburg wurde meist nur im Zusammenhang mit kriminellen Vergehen über das Leben der chinesischen Gemeinde berichtet. Diese Chinesen, die sich recht armselig durch Arbeit in Wäschereien, Gemüsegeschäften und Garküchen ernährten, gerieten in den von Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Depression geprägten Jahren mehrfach mit den deutschen Behörden in Konflikt. Meist ging es um Aufenthalts- und Paßbestimmungen.

Die chinesische Gesandtschaft setzte sich trotz eigener Vorbehalte meist für die Kaufleute ein, indem sie sich auf das Abkommen vom 20.5.21 berief, in dem China als gleichberechtigte Nation anerkannt worden war. In Verhandlungen mit den deutschen Behörden versuchte sie, die Ausweisungspraxis zu regeln und Übertretungen der Handelserlaubnis als Mißverständnis zu erklären. Während die Beschwerden über die Händler den chinesischen Nationalstolz berührten und als Verunglimpfung zurückgewiesen wurden, hatte die chinesische Nationalregierung durchaus ein Interesse daran, die politischen Aktivitäten ‚linker‘ StudentInnen einzudämmen. 1925 hatten die Gesandtschaftsvertreter dem Preußischen Innenministerium sogar eine Liste mit den Namen und Adressen von „Linken Rädelsführern“ übergeben.

Die ersten Verfolgungen

Von den Chinesen in Deutschland wurden die innenpolitischen Veränderungen zunächst kaum zur Kenntnis genommen. Die Bedrohung ihres Vaterlandes durch Japans Expansionspolitik und die innerchinesischen Konflikte waren für die meisten von größerer Bedeutung. Als die Nationalsozialisten in den Jahren 1933-35 dann ihre Machtposition durch die Verfolgung aller politischen Gegner zu installieren und abzusichern begannen, wurden im Frühjahr 1933 auch Chinesen, die mit kommunistischen oder sozialistischen Organisationen zusammenarbeiteten, verhaftet und ausgewiesen.

Ein solcher Fall betrifft das Schicksal der Studentin Chen Qiying, die durch öffentliche Auftritte als Rednerin des ‚Internationalen Sozialistischen Kampfbundes‘ (ISK) den Polizeibehörden bekannt war. Sie war Mitglied der ‚Liga für Menschenrechte‘ und seit Dezember 1932 aktives Mitglied des ISK. Im Februar 1933 wurde sie verhaftet und wegen staatsfeindlicher Betätigung als unerwünschte Ausländerin ausgewiesen. Wie genau ihre Überwachung durch die Polizei erfolgte, zeigt ein Briefwechsel zwischen der chinesischen Gesandtschaft und dem deutschen Innenministerium aus dem Jahre 1935. Chen Qiying hatte von China aus versucht, an ihr Guthaben bei der Dresdner Bank zu kommen. In einem Antwortschreiben des Finanzministeriums wird der Botschaft mitgeteilt, daß Chen nach Auskunft des ‚Geheimen Staatspolizeiamtes‘ (Gestapo) Mitglied einer marxistischen Vereinigung gewesen sei. Da das Geld zu staatsfeindlichen Zwecken benutzt werden sollte, sei es beschlagnehmt worden.

Die Maßnahmen gegen politisch aktive Chinesen und deren Ausweisung waren der Jiang Kaishek-Regierung durchaus genehm. So wandte sich die Gesandtschaft im Juni 1933 etwa an das Auswärtige Amt und das Preußische Innenministerium und bat um Mithilfe gegen 13 Chinesen, die über deutsche Kommunisten Verbindungen nach Nanking besaßen. Nur wenige Tage später wurde die Studentin Hu Lanqi, die mit Anna Seghers befreundet war und eng mit der KPD zusammenarbeitete, in Schutzhaft genommen und zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Dies war jedoch nur der Anfang der Zusammenarbeit zwischen der chinesischen Vertretung und der Gestapo gegen politisch unliebsame Chinesen. 1935 wandte sich die Gestapo beispielsweise an die chinesische Gesandtschaft, und bat, ihr bei der Suche nach einem „Sian Fun“ behilflich zu sein; die Gesandtschaft wiederum fragte an, ob die Zeitschrift ‚Zhongguode chulu‘, die gegen Jiang Kaishek agitierte, nicht verboten werden könne.

Die chinesische Vertretung auch in Überlegungen und Aktionen einzubeziehen, die nicht-kommunistische Gruppen betrafen, scheuten sich Gestapo und Innenministerium hingegen. Doch auch die chinesischen Händler und Kaufleute unterlagen der Beobachtung durch die Gestapo. Bereits vor 1933 war vom ‚Reichskommissariat für die Überwachung der Öffentlichen Ordnung‘ (RKO) eine Kartei über die chinesischen Staatsangehörigen angelegt worden. In einem Vermerk des RKO vom März 1927 werden genaue Anweisungen für die Aufnahme in die Kartei gegeben, u.a. Namensansetzung, Hinweise auf politisch verdächtige und agitatorisch tätige Chinesen. „Die Chinesen-Kartei ist in vier Kästen gesondert unterzubringen. Chinesen, die politisch in Deutschland hervortreten, sind sowohl in die allgemeine Kartei, wie in die Chinesenkartei aufzunehmen“.

Es ist bemerkenswert, daß in den Vermerken des RKO die Gruppe der Kleinhändler als politisch radikal eingestuft wurde. Offenbar bezog sich diese Einschätzung auf die in Hamburg lebenden Chinesen, die für ‚Hapag Lloyd‘ arbeiteten und in die internationale Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung eingebunden waren. Vermutlich besaß das Innenministerium auch Kenntnis über die Aktivitäten von Liao Chengzhi, der seinerzeit von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) nach Deutschland geschickt worden war, um unter den chinesischen Seeleuten zu agitieren. Ein weiterer Grund kann darin liegen, daß ein Teil der Studenten sich als Kaufleute ausgab, um die Einreiseerlaubnis zu erhalten.

Mit der wirtschaftlichen Rezession hatte sich die deutsche Haltung gegenüber den Händlern verschlechtert, weil sie als Konkurrenz für die deutschen Gewerbetreibenden angesehen wurden. Der `Reichsverband des Deutschen Groß- und Überseehandels‘ hatte sich bereits 1928 bei den Behörden über Verstöße gegen die Gewerbeordnung beklagt: „Wir bitten das Polizeipräsidium diesen chinesischen Hausierern in erhöhtem Maße seine Aufmerksamkeit zu widmen und insbesondere diejenigen Fälle zu verfolgen, in denen die Hausierer nicht im Besitze des Wandergewerbescheins sind oder gegen deutsche Gesetzesvorschriften verstoßen. Darüber hinaus wären wir für eine Prüfung dankbar, ob die Bestimmungen über die Erteilung des Wandergewerbescheins an ausländische Hausierer bereits streng genug durchgeführt werden oder ob nicht hier die Möglichkeit besteht, dem deutschen Handel den notwendigen Schutz zu verschaffen“.

Derartige Forderungen nach Beschränkung der Einreise- und Arbeitserlaubnis sollten in den folgenden Jahren die Maßnahmen zur Überwachung und Diskriminierung der chinesischen Kleinhändler verstärken. In den Akten des Auswärtigen Amtes finden sich denn auch zahlreiche Fälle, in denen gegen chinesische Händler verhandelt wurde. Im allgemeinen handelte es sich um Übertretungen der Paß- und Gewerbevorschriften oder um Betrug und Fälschung von Gewerbescheinen. Die Verurteilungen zu Geld- und Gefängnisstrafen mußten häufig wegen fehlender Geldmittel in Haftstrafen umgewandelt werden.

Durch einen Erlaß Reinhard Heydrichs, seit 1934 Leiter der Gestapo, wurde im Januar 1938 eine ‚Zentralstelle für Chinesen‘ eingerichtet und die Aufenthalts- und Erwerbserlaubnis verschärft angewendet. Die Bedeutung einer Überwachung wird jedoch erst aus den Erläuterungen zur polizeilichen Vorbeugungshaft verständlich. So konnten „planmäßig Überwachte“ in Vorbeugungshaft genommen werden, „wenn sie die ihnen erteilten Auflagen böswillig und bewußt in grober Weise oder wiederholt geringfügig übertreten haben“.

Chinesen im Konzentrationslager

Auch auf der politischen Ebene verschlechterten sich die Beziehungen zusehends. Mit dem Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem ‚Reich‘ und China im Jahre 1941 zeichnete sich auch die verschärfte Verfolgung von Chinesen ab. Im August 1941 ist die Einlieferung von zwei Chinesen in das Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen bei Berlin verzeichnet. Nach der Nationalitätenstatistik waren insgesamt 32 chinesische Staatsbürger in Sachsenhausen inhaftiert, davon allein 26 im Jahr 1944. Über die Gründe für ihre Einlieferung geben die noch vorhandenen Akten nur unpräzise Auskunft. Für einzelne Personen, die über den Aufenthalt im Krankenlager oder durch Angaben bei ihrem Tod statistisch erfaßt wurden, wird erkennbar, daß sie als Schutzhäftlinge eingewiesen und zur Zwangsarbeit in deutschen Fabriken verurteilt wurden. Soweit bekannt, war die Anzahl der Chinesen in anderen KZ-Lagern geringer, doch gab es zahlreiche Einweisungen und Verhaftungen in Gefängnisse und Arbeitslager. Insgesamt sollen während der NS-Zeit etwa 100 Chinesen in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen sein, von denen mehrere durch Krankheit und Kriegsfolgen umkamen.

Während die Situation der Studenten, abgesehen von kriegsbedingten Einschränkungen erträglich war, war die soziale Lage der Händler und Kaufleute nach 1941 ausgesprochen schwierig geworden, da sie aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse viel stärker auf die Unterstützung durch eine offizielle Vertretung angewiesen waren. Hinzu kam, daß sie kaum noch über Einnahmen aus dem Handel verfügten und sich mit allerlei illegalen Geschäften über Wasser halten mußten. Vermutlich wurden die meisten Verfahren gegen chinesische Händler als Wirtschaftsvergehen mit geringen Gefängnisstrafen geahndet. Bekannt sind 27 Fälle, in denen chinesische Händler aufgrund von Schwarzmarktgeschäften verurteilt und in das Gefängnis Plötzensee eingeliefert wurden. Was ihnen u.U. auch hätte drohen können, zeigt das Schicksal ihrer von der sog. ‚Chinesen-Aktion‘ betroffenen Landsleute: „Im Mai 1944 wurden die 165 damals noch in Hamburg lebenden Chinesen während einer Razzia verhaftet und in das der Gestapo unterstehende Zwangsarbeiterlager ‚Langer Morgen‘ in Wilhelmsburg gebracht. 17 von ihnen kamen im Lager ums Leben“. Diese Aktion erfolgte im Zusammenhang mit einer Anklage wegen „Feindbegünstigung“. Eine Anzahl von Chinesen hatte sich, als Besatzungsmitglieder versenkter englischer Schiffe, zu Landsleuten nach Hamburg retten können. Der Leiter des Hamburger Gestapo-Sachgebietes IV 1c (u.a. zuständig für die Ausländerüberwachung), Albert Schweim, verdächtigte sie pauschal der Spionage. Am 13.5.44 wurden die in Hamburg und Bremen lebenden Chinesen ohne Tatvorwurf verhaftet und später ohne Gerichtsverhandlung in Gefängnissen und Arbeitslagern inhaftiert. Der größte Teil wurde, wie oben erwähnt, in das Arbeitserziehungslager Wilhelmsburg überführt, wo sie zu Arbeiten beim Gleisbau, in der Ölindustrie und in einem Betonwerk eingesetzt wurden. Einige chinesische Gastwirte und Kaufleute kamen in das Konzentrationslager Kiel-Hasse. Das Lager Wilhelmsburg unterstand der Gestapo, in der Praxis unterschied es sich nicht von den Konzentrationslagern, nur war die Haft in der Regel auf 56 Tage befristet. Den inhaftierten Seeleuten nützte dies nichts: „Der Hunger, die unzureichende Bekleidung, die Kälte und die schwere Arbeit, der die körperlich schwachen Chinesen nicht gewachsen waren, hatten (…) den Tod zur Folge“.

Die geschilderten Praktiken der Überwachung, Verfolgung und Ausweisung der relativ kleinen Gruppe chinesischer Staatsangehöriger während der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus lassen meines Erachtens generelle Schlußfolgerungen für den Umgang mit bestimmten Gruppen von Ausländern zu. Die Ausweisung eines chinesischen Gastwirts aus Hamburg als „lästiger Ausländer“ wurde 1921 u.a. damit begründet: „Die dauernde Niederlassung von derartigen fremdstämmigen Ausländern ist nicht erwünscht. Sie muß nicht nur im sanitären, sondern auch im allgemeinen deutschen Interesse und auch mit Rücksicht auf die hier herrschende Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit mit allen Mitteln verhindert werden.“ Trotz der unterschiedlichen politischen Systeme läßt sich eine Kontinuität in den Begründungszusammenhängen erkennen.

Dagmar Yü-Dembski ist Publizistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin