Fanprojekte und Polizei: Herausforderungen in spannungsgeladenem Umfeld

von Michael Gabriel

Anfang 2015 arbeiten Projekte an 54 Standorten in 60 Fanszenen mit jugendlichen Fußballfans. Die im Schnitt etwa 2,5 Mitarbeiter­Innen haben in erster Linie die Interessen der Jugendlichen im Blick und ihre Arbeit zielt darauf ab, die individuelle und gesellschaftliche Lebenssituation der Jugendlichen zu verbessern.

Die Fanprojekte arbeiten auf der gesetzlichen Grundlage des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (Sozialgesetzbuch (SGB) VIII) und den Vorgaben des Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit (NKSS).[1] Sie verfolgen einen sozialpädagogischen Ansatz, in dessen Zentrum der Aufbau von belastbaren Beziehungen zu den jugendlichen Fans steht, um diese in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Grundlegend sind dabei die Prinzipien der Freiwilligkeit, der Vertraulichkeit, der Parteilichkeit sowie das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe. Gemeinsam mit den jugendlichen Fans sollen die positiven Aspekte der Fankultur gefördert werden, um Gewalt und Diskriminierungen, Rassismus, Homophobie und Antisemitismus entgegenzuwirken.

Wegen dieses Selbstverständnisses ist es wichtig, Fanprojekte bei an­erkannten Trägern der Jugendhilfe anzusiedeln. Damit wird ihre inhaltliche und organisatorische Unabhängigkeit von den Vereinen, den Sicherheitsorganen, aber auch den Fanszenen gewährleistet. Dies ist eine strukturelle Voraussetzung, damit sie ihrer vom NKSS gewünschten Funktion als Vermittlungsinstanz gerecht werden können. Fanprojekte haben einen großen gesellschaftlichen Nutzen, nicht nur weil sie Jugendliche konkret bei der Bewältigung ihrer individuellen Problemlagen unterstützen können, sondern weil sie die Sorgen, Bedürfnisse aber auch Beschwerden der Jugendlichen zu den Vereinen, Verbänden, in die Politik und zur Polizei transportieren und dort für größere Partizipationsmöglichkeiten werben können.

Die MitarbeiterInnen der Projekte begleiten die Fans in der Regel bei den Auswärtsspielen, die oftmals mit stundenlangen Bus- oder Zugfahrten verbunden sind, wobei sie sich auf die spezifischen Bedingungen der Fankultur (laute Gesänge, Alkohol, Pöbeleien etc.) einlassen müssen. Denn diese Orte der Fankultur stellen die besten Gelegenheiten für die Beziehungsarbeit der Projekte dar. Unter den verdichteten Bedingungen kommt es zu intensiven Kontakten, die die Grundlage für den Aufbau von belastbaren Beziehungen bieten und Grundlage für spätere pädagogische Interventionen sind. Gleichzeitig erarbeiten sich die Fanprojekte hier das Vertrauen, im Falle von Konflikten vermittelnd auftreten zu können. Um diese Vermittlungsposition nicht zu gefährden und weil die Beziehungsarbeit auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruht, müssen die MitarbeiterInnen der Fanprojekte bezüglich ihrer Kontakte zur Polizei transparent in Richtung Fanszene sein.

Fankultur unter Druck

Das „Lebensgefühl Fankurve“ wird von zwei massiven, dem professionellen Zuschauersport Fußball immanenten Kraftfeldern dominiert: Vermarktung und Sicherheit. Die Vereine und deren Dachverbände (Deutscher Fußball-Bund, DFB und Deutsche Fußball Liga, DFL) einigt das Interesse, das Spiel kommerziell erfolgreich zu vermarkten. Das lukrative Premiumprodukt Fußball – so die Selbstdarstellung der DFL – lässt sich nur gewinnbringend auf dem hart umkämpften Markt der Unterhaltungsbranche platzieren, wenn es emotional positiv vermittelt werden kann. Eine stimmungsvolle Live-Atmosphäre ist deshalb erwünscht, Gewalt und Randale stehen einem positiven Image entgegen. Daher sind die Erwartungen an Polizei und Sicherheitsdienste enorm hoch, für eine sichere Durchführung der Spiele zu sorgen. Das führt an jenen Orten, wo sich die jugendliche Fußballfanszene versammelt – nicht nur rund um die Stadien, sondern beispielsweise auch an den Bahnhöfen, Treffpunkten oder in den Zügen – zu einer ständigen, enorm hohen Polizeipräsenz. Die Fankultur sieht sich aus zwei unterschiedlichen Richtungen unter Druck, und es ist nicht erstaunlich, dass Fans auf die Frage, wodurch die Fankultur am stärksten bedroht ist, Kommerzialisierung – z.B. fanunfreundliche Anstoßzeiten, Vermarktung der Stadionnamen – und Repression als die zentralen Faktoren benennen.

Für die Fanarbeit kommen erschwerend das große Interesse der Öffentlichkeit und eine damit verbundene intensive Medienberichterstattung hinzu. Wenn zur besten TV-Sendezeit von Ultras als den „Taliban der Fanszene“[2] gesprochen wird und sich Innenminister regelmäßig über die angeblich stetig zunehmende Gewalt im Umfeld von Fußballspielen äußern, hat dies, wie Titus Simon schon 1999 anmerkte, unmittelbar Auswirkungen auf die Handlungsmöglichkeiten beider Seiten.[3] Die Art und Weise, wie Polizei und Innenpolitik über Fans sprechen und welche Signale ausgesendet werden, hat Auswirkungen auf die Vorstellungen der Öffentlichkeit von ‚den Fans‘, aber sie beeinflusst auch unmittelbar die Einstellungen von Fans zur Polizei. Beispielsweise besteht unter den Fanprojekten teilweise der Eindruck, Fußballfans würden vor Gericht für dieselben Delikte härter bestraft als andere.

Spannungsfeld Fans – Polizei

Die Fanszene in Deutschland hat auf diese von ihr so empfundenen Bedrohungen durch lokale und bundesweite Organisierung reagiert. Neben einer Vielzahl von vereinsbezogenen Zusammenschlüssen gibt es mit „BAFF“, „Unsere Kurve“ und „ProFans“ drei bundesweit agierende Organisationen, die sich über alle Vereinsgrenzen hinweg für die vielfältigen Interessen der Fankultur einsetzen.[4] Alle drei genießen den Respekt der Institutionen und werden als Gesprächspartner akzeptiert. Bei der gemeinsamen Anhörung des Innen- und des Sportausschusses des Deutschen Bundestags im April 2014 war beispielsweise schon zum zweiten Mal ein Vertreter von „Unsere Kurve“ als Experte geladen.

Auch die Ultras, die seit geraumer Zeit der wohl aktivste Teil in den meisten Fankurven sind, zeichnet eine ausgeprägte innere Organisation sowie eine dezidiert kritische Haltung zu den oben skizzierten Entwicklungen im Fußball aus. Dementsprechend erwarten auch sie, als Gesprächspartner ernst genommen zu werden. Ihre spezifische Vorstellung von Fankultur führt zu einer Reihe von Konflikten mit unterschiedlichen Institutionen. In Bezug auf Fragen der Sicherheit ist hier in erster Linie der nicht erlaubte Gebrauch von Pyrotechnik, insbesondere von sogenannten bengalischen Fackeln, zu nennen, der regelmäßig zu Auseinandersetzungen mit Ordnungsdiensten und Polizei führt. Hinzu kommt, dass für einige Ultragruppen Gewalt Teil von Fankultur ist. Angriffe auf andere Ultras bei der Anreise, in Bussen oder an Treffpunkten sowie das Stehlen ihrer Fanutensilien erscheint manchen Gruppen legitim.

Das Verhältnis zwischen Fans und Polizei ist jedoch weit über die Ultraszene hinaus als angespannt bis zerrüttet zu bezeichnen; für die Ultras trifft dieser Befund in einem besonderen Maße zu. Bei vielen Fans, die ihre Mannschaften regelmäßig auswärts begleiten und bei diesen Gelegenheiten meist den ganzen Tag eng mit Polizei konfrontiert sind, hat sich eine ablehnende Haltung zur Polizei verfestigt, die jeglichen Dialog ablehnt. Christian Bieberstein von der Fanorganisation „Unsere Kurve“ (selbst kein Ultra) formulierte es auf dem zweiten bundesweiten Fankongress von „ProFans“ im Januar 2014 so: „Das Verhältnis war noch nie so schlecht. Es gibt keine Verhältnismäßigkeit bei den polizeilichen Maßnahmen, keine Transparenz, keine Selbstkritik … Einen Dialog kann es nur geben, wenn es Vertrauen gibt. Ein Vertrauen gibt es nicht.“[5] Der Befund der Fanszene lautet: Mitunter scheint der Polizei nicht bewusst, dass sie nicht kommunizieren, denn eine Polizeikette ist auch eine Ansage.

Dieser Befund ist deprimierend; insbesondere da aufseiten der Polizei die Kräfte zunehmen, die die Bedeutung von Kommunikation und Dialog mit Fußballfans erkannt haben. 2012 wurde das NKSS überarbeitet.[6] Festgeschrieben wurde dabei auch eine polizeiliche Einsatzorientierung, die auf Transparenz, Verlässlichkeit, Kommunikation, Differenzierung und Konsequenz beruhen soll. Damit soll der seit Langem von Fans geäußerten Kritik begegnet werden, bei Auswärtsspielen durch mehrere Bundesländer oftmals mit unterschiedlichen, sich teilweise widersprechenden Polizeistrategien konfrontiert zu sein. Dies zu ändern, stellt angesichts der Zuständigkeit von 16 Innenministern für ihre jeweilige Landespolizei wohl eine Mammutaufgabe dar. So sind die Signale in die Fanszenen, die mit Polizeitaktiken verbunden sind, oft widersprüchlich.

In Nordrhein-Westfalen (NRW) änderte die Polizei beispielsweise zu Beginn der aktuellen Saison ihre Einsatzstrategie und setzte bei „Nicht-Risikospielen“ gezielt – und erfolgreich – weniger BeamtInnen ein,[7] begleitet von einem entsprechenden Echo in den Medien. Ein paar Monate später wurde – einer Vorgabe der Innenministerkonferenz folgend – ein neues Konzept vorgestellt, das, so Innenminister Ralf Jäger, „die Intensivtäter von Fußballkrawallen in Manndeckung“ nehmen soll.[8] Vorher war durch eine Anfrage im Landtag bekannt geworden, dass die Polizei in NRW bereits verdeckte ErmittlerInnen in der Fanszene einsetzt.[9] Hinzu kommt ein verstärkter Gebrauch von Gefährderansprachen, Meldeauflagen und Betretungsverboten gegenüber oftmals zentralen Personen aus den Fanszenen.

Fanprojekte und Polizei

Projekte und Polizei haben sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Fans. Beide gehen von einem sich deutlich unterscheidenden Begriff der Prävention aus. Während für die pädagogische Fanarbeit die Potenziale der Fankultur handlungsleitend sind, ist die Polizei an ihre gesetzlichen Aufträge zur Gefahrenabwehr und zur Strafverfolgung gebunden und hat somit in erster Linie die Risiken der Fankultur im Blick. Diese unterschiedlichen Sicht- und Herangehensweisen stoßen immer aufeinander, wenn Polizei und Sozialarbeit sich begegnen.

Jedoch gibt es wohl kaum ein Tätigkeitsfeld in der Sozialen Arbeit, in dem die Kontakte zwischen SozialarbeiterInnen und Polizei derart häufig und regelmäßig unter stark ritualisierten Spannungen stattfinden wie im Umfeld von Fußballspielen. Woche für Woche bewegen sich Zigtausende Fußballfans, unter ihnen viele Jugendliche, durch die Republik, um ihre Mannschaft in den Fußballstadien zu unterstützen; Woche für Woche werden sie auf ihren Wegen von der Polizei begleitet. Regelmäßig stehen sich beide Gruppen gegenüber – auf der einen Seite die Fans auf der Suche nach gemeinschaftlich erlebter Entgrenzung aus dem Alltag, auf der anderen Seite die Polizei mit ihrem Auftrag, Ruhe und Ordnung im öffentlichen Raum zu gewährleisten.

Angesichts der verhärteten Fronten zwischen Fans und Polizei steigt die Bedeutung der Fanprojekte (und der Fanbeauftragten der Vereine) als vermittelnde Instanzen. Dabei spielt die Arbeit in Netzwerken eine herausragende Rolle. Konzeptionell ist jedes Fanprojekt verpflichtet, einen eigenen Beirat einzurichten, der die Arbeit begleitet. Eine Teilnahme der Polizei ist hierbei obligatorisch. Gleichzeitig ist eine engere Vernetzung und Kommunikation mit den Sicherheitsorganen nötig. Fanprojekte nehmen häufiger an den Sicherheitsbesprechungen vor den Spielen teil. Am Spieltag gibt es an allen Fußballstandorten kurz vor Spielbeginn „Kurvengespräche“, bei denen sich alle Beteiligten noch einmal kurzfristig austauschen. Teilweise sind auch Fans mit von der Partie. An einigen wenigen Standorten finden auch turnusmäßige Auswertungsgespräche statt, meistens zwischen den szenekundigen BeamtInnen der Polizei und den MitarbeiterInnen der Fanprojekte.

Mit dieser Dynamisierung des Arbeitsfeldes rückt für die Fanprojekte und die Polizei die Notwendigkeit in den Blick, eine konstruktive Ebene des Austauschs und des Dialogs zu finden. In einer Untersuchung von 2006 wurde festgestellt, dass strukturierte Beschreibungen, Analysen und Handlungsleitlinien, die zu einer Umsetzung in der alltäglichen Zusammenarbeit taugten, fehlten. In der direkten Beziehung herrschten Verunsicherungen, Abgrenzungen und negative Zuschreibungen vor. Voraussetzung für einen konstruktiven gemeinsamen Umgang, so die Autoren, stelle die Kenntnis des jeweiligen Arbeitsauftrages mit seinen fachlichen Implikationen dar.[10]

An diese Untersuchung anschließend erarbeitete die Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) gemeinsam mit den Fanprojekten eine Handlungsstrategie zur Gestaltung des Dialogs mit der Polizei. Darin wird als Zielvorstellung formuliert, eine größere Rollenklarheit im Spannungsfeld von Nähe und Abgrenzung herzustellen, den Aufbau von professionellen und belastbaren Beziehungen zu entwickeln, eine funktionierende Kommunikation sicherzustellen und die Fähigkeit zu fördern, konstruktive Kritik zu äußern und anzunehmen.

Der Text richtet sich an die Verantwortlichen und MitarbeiterInnen in Fanprojekten und soll ihnen Orientierung geben und helfen, die eigene Rolle auch in Abgrenzung zur Polizei zu reflektieren. Mit dieser Initiative war und ist die Hoffnung verbunden, dass sich auch die Polizei an der Auseinandersetzung beteiligt, wie der Dialog gestaltet werden soll. Aufgrund der alltäglichen Erfahrungen stellt das Papier jedoch fest:

„Zudem scheint die Bereitschaft der einzelnen Polizeien, mit Fans offen zu kommunizieren oder ihre Maßnahmen nachvollziehbar zu erklären oder gar abzusprechen, noch nicht allzu oft vorhanden zu sein. Dies steht ganz im Gegensatz zu so mancher polizeilicher Verlautbarung, die Kommunikation und Dialog in den Vordergrund stellen. Weiterhin wird vielfach auf die im Fußball eher antiquierte ‚Manndeckung‘ von Fans gesetzt. Man ist offensichtlich nicht bereit, die zum Beispiel bei der WM 2006 praktizierte ‚Raumdeckung‘ zu übernehmen: Statt Präsenz im Hintergrund gibt es dann den sogenannten Wanderkessel, sprich die enge und erzwungene Polizeibegleitung. Statt auf Absprachen mit den Fans zu setzen, gibt es allenfalls eine Lautsprecheransage, der Dialog wird hier offenbar mit dem Verkünden von Regeln verwechselt. Statt sich gemeinsam auf Spiele vorzubereiten und zumindest im Ansatz Verantwortung zu teilen, werden von den Fanprojekten einseitig Informationen gesammelt oder gar eingefordert. Die Bereitschaft von Einsatzleitungen, sich auf offenere Sicherheitskonzepte (z.B. Einbeziehung von Fans, Konzept der „langen Leine“) einzulassen, ist noch die Ausnahme.“[11]

In der letzten Zeit verstärkt sich im Netzwerk der Fanprojekte der Eindruck, dass im Nachgang von Konflikten der Sicherheitsorgane mit Fans und den folgenden polizeilichen Ermittlungen immer häufiger MitarbeiterInnen der Fanprojekte von der Polizei unter Druck gesetzt werden und als ZeugInnen vorgeladen werden. Dieses Vorgehen, auch wenn es nicht flächendeckend stattfindet, führt zu massiver Verunsicherung bei den Projekten und stellt eine schwere Belastung für die gemeinsame Arbeitsebene dar. Und es lenkt den Blick auf eine zentrale rechtliche Schwachstelle für SozialarbeiterInnen, die mit „auffälligen Jugendlichen“ arbeiten. Denn die Schweigepflicht nach § 203 Strafgesetzbuch und der den Jugendlichen zu gewährende Vertrauensschutz nach § 65 SGB VIII werden durch das fehlende Zeugnisverweigerungsrecht für ProjektmitarbeiterInnen erheblich aufgeweicht; dies erschwert die Fanarbeit in einem fachlich nicht zu tolerierendem Ausmaß.

Alternative Konzepte

Bundesweit gibt es kein einheitliches Bild. Neben den eben skizzierten eher negativen Entwicklungen bestehen auch positive Ansätze. Das Innenministerium in Niedersachsen hat die Initiative der KOS und der Fanprojekte, Handlungsorientierungen für die eigene Berufsgruppe zu entwickeln, aufgenommen und eigene Projekte gestartet. So brachte der Sozialwissenschaftliche Dienst der Polizei eine Untersuchung auf den Weg, die – basierend auf aktuellen sozialpsychologischen Forschungsergebnissen im Kontext des Umgangs mit großen Menschenmengen –, unter allen Beteiligten rund um die Organisation von Fußballspielen nach gewaltfördernden und gewaltreduzierenden Faktoren sucht.

Die Polizei Niedersachsen genießt in diesem Kontext eine erwartungsvolle Aufmerksamkeit aus den Reihen der Fanprojekte, hat doch die Polizeidirektion Hannover auf Grundlage einer Analyse der legitimen Interessen der Fans schon 2007 eine wegweisende Einsatzstrategie entwickelt, die auf intensivere Kommunikation, eine zurückhaltend agierende Polizei vor Ort und dem Einsatz von ausgebildeten sogenannten KonfliktmanagerInnen beruht und den Fans sogar Rückmeldemöglichkeiten mittels Online-Formular nach dem Einsatz einräumte.[12] Dieses „Hannover-Konzept“, das nicht auf die übliche, in der Regel durch die Polizei strikt durchgesetzte Fantrennung setzte, führte sofort zu einer deutlich entspannteren Gesamtatmosphäre rund um einen Spieltag, zu weniger Vorfällen und setzte die Einsatzleitung in die Lage, die Zahl der eingesetzten BeamtInnen zu reduzieren, was im Lichte der aufgeregten Diskussion um die Bezahlung der Polizei beim Fußball ein höchst interessanter, aber bisher wenig beachteter Aspekt ist.

Willkommener Nebeneffekt aus Sicht der pädagogischen Fanprojekte ist, dass den Fans mehr Eigenverantwortung und deutlich mehr Gestaltungsspielraum zugestanden wird, aufkommende Konflikte selbst zu regeln. Auch die Polizeien in Osnabrück sowie in Magdeburg und Halle setzen auf den Einsatz von KonfliktmanagerInnen, in Wolfsburg wird aktuell wohl an einem eigenen standortspezifischen Konzept gearbeitet. In Sachsen-Anhalt gibt es zusätzlich regelmäßige „Runde Tische“ des Innenministeriums, zu denen auch die Fanprojekte eingeladen werden, die die Möglichkeit der gemeinsamen kritischen Reflexion bieten. Interessant sind auch die positiven Erfahrungen aus Chemnitz, wo es dem Fanprojekt gelungen ist, einen themenspezifischen Gesprächskreis mit Fans und PolizeivertreterInnen zu installieren. Zu brisanten Spielen werden sogar Fans der Gastvereine eingebunden, die ihre Vorstellungen für einen gelingenden Ablauf einbringen können.

Fazit

Angesichts des weiterhin sehr angespannten Verhältnisses zwischen Fans und Polizei kommt dem Vermittlungsauftrag der Fanprojekte eine große Bedeutung zu. Damit steigen auch die Anforderungen an die Kommunikation zwischen Fanprojekten und Polizei. Diese kann produktiv nur gelingen, wenn der jeweilige Arbeitsauftrag mit seinen spezifischen rechtlichen und fachlichen Implikationen bekannt und anerkannt ist. Es ist daher nicht zielführend, wenn in einer vereinnahmenden Geste von gemeinsamen Zielen gesprochen wird – denn so werden die für eine vertrauensvolle und konstruktive Kommunikation zwischen Polizei und Sozialarbeit dringend benötigten Klarheiten und Abgrenzungen der jeweiligen Arbeitsaufträge verwischt.

Eine gelingende Kommunikation zwischen Fans und/oder Fanprojekten und der Polizei setzt eines unabdingbar voraus: Die Bereitschaft der Polizei, ihre Handlungen und Einsatzkonzepte zur Diskussion zu stellen. Ein ‚Dialog‘, wie er in Deutschland leider noch viel zu häufig stattfindet, in dem von der Polizei nur die von ihr aufgestellten Rahmenbedingungen vermittelt werden, führt in die Sackgasse. Es wäre sicher lohnend, darüber nachzudenken, wie ein Dialog der polizeilichen und der sozialpräventiven Perspektive organisiert und installiert werden kann, innerhalb dessen die Wirksamkeit von Sicherheitskonzepten losgelöst von Tagesanforderungen diskutiert werden könnte. Ein solcher Austausch existiert bisher nicht.

Dennoch ist zu konstatieren, dass die Bereitschaft auf Seiten der Polizei nach kommunikativen Wegen im Umgang mit Fankultur nachzudenken, gestiegen ist. Wenn diese Tendenz sich verfestigen sollte, dann wäre das aus unserer Perspektive ein gesellschaftspolitisch gutes Signal, denn eine selbstbewusste Polizei, die ihr Handeln kritisch zur Diskussion stellt, eröffnet neue Räume nicht nur im Umgang mit Fußballfans.

[1]   Nationaler Ausschuss Sport und Sicherheit: Nationales Konzept Sport und Sicherheit. Fortschreibung 2012, www.kos-fanprojekte.de/fileadmin/user_upload/material/soziale-arbeit/Richtlinien-und-Regeln/nkss_konzept2012.pdf
[2]    So die Moderatorin in der ARD-Sendung „Menschen bei Maischberger“ am 22.5.2012
[3]    Simon, T.: Sozialarbeit und Polizei, in: Bürgerrechte & Polizei/CILIP 62 (2/1999), S. 39-48 (42)
[4]      www.aktive-fans.de (BAFF); www.unsere-kurve.de; www.profans.de
[5]   zit. n. Tagesspiegel v. 19.1.2014, www.tagesspiegel.de/sport/fankongress-in-berlin-fans-und-polizei-haben-sich-nicht-viel-zu-sagen/9352862.html
[6]   Nationaler Ausschuss Sport und Sicherheit a.a.O. (Fn. 1)
[7]   Innenministerium NRW: Pressemitteilung v. 4.8.2014, www.mik.nrw.de/presse-mediathek/aktuelle-meldungen/aktuelles-im-detail/news/nrw-polizei-sorgt-fuer-sicher­heit-beim-fussball-innenminister-ralf-jaeger-wir-wollen-den-kraefte.html
[8]   Spiegel online v. 4.2.2015, www.spiegel.de/sport/fussball/gewalttaetige-fussballfans-in-nordrhein-westfalen-zentral-erfasst-a-1016683.html
[9]   Landtag NRW Drs. 1768 v. 3.1.2013
[10] Klose, A.; Steffan, W.: Soziale Arbeit und Polizei im europäischen Kontext der Fanbetreuung, in: Pilz, G.A. u.a.: Wandlungen des Zuschauerverhaltens im Profifußball, Schorndorf 2006, S. 239-317
[11] Koordinierungsstelle Fanprojekte: „Auf Augenhöhe …?“ Gesprächsgrundlagen und Handlungsstrategien zur Gestaltung des Dialogs zwischen Fanprojekten und Polizei, Frankfurt 2012, www.kos-fanprojekte.de/fileadmin/user_upload/material/spannungsfel der/Polizei/KOS-leitlinien-fppo-201205screen.pdf
[12] s. Pilz, G.A.: Gewalt und Gegengewalt. Zur Notwendigkeit von Dialog und Kooperation zwischen Polizei, Fanprojekten und Fans, in: Möller, K. (Hg.): Dasselbe in grün?, Weinheim und München 2010, S. 56-63

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