Ein Format mit Potenzial: Über Stadionallianzen im Profifußball

Interview mit Jonas Gabler

Stadionallianzen stellen ein Konzept dar, das die Sicherheit von Fußballspielen durch eine verbesserte Kommunikation auf der regional-örtlichen Ebene verbessern will. Unterstützt durch extern moderierte Treffen sollen die Verständigung zwischen Vereinen, Polizei, Behörden, Fanprojekten intensiviert und gegenseitige Akzeptanz erhöht werden. In den Allianzen sollen Übereinfünfte gefunden werden, die mit den lokal verfügbaren Mitteln Sicherheit und Erlebnisqualität von Fußballspielen erhöhen. Zugleich weisen sie einen Weg, wie mit manifesten Konflikten produktiv umgegangen werden kann.

Es ist lange her, seit die Fanprojektarbeit durch das Nationale Konzept Sport und Sicherheit (NKSS) quasi offiziell anerkannt wurde. Dieses Konzept sieht u. a. die Einrichtung von Örtlichen Ausschüssen Sport und Sicherheit (ÖASS) vor. Nun sind aber in den letzten Jahren „Stadionallianzen“ stark in Vordergrund gerückt. Was unterscheidet diese von den lokalen Ausschüssen?

Die Erfahrung mit den örtlichen Ausschüssen war bzw. ist, dass sie lokal sehr unterschiedlich ausgeprägt waren. An vielen Standorten existierten sie aber nicht wirklich. Das NKSS regt an, dass es überall ÖASS geben sollte, aber das wurde nicht an jedem Standort umgesetzt. Zudem war die Praxis sehr unterschiedlich. Teilweise werden sie als sehr sinnvoll und gewinnbringend beschrieben, teilweise haben sie aber keine große Rolle gespielt. Ein großer Unterschied besteht in dem weniger formalisierten Rahmen. Zu den ÖASS wird offiziell und meist von der Kommune eingeladen, und beteiligt ist ein breiter Kreis von Akteur*innen oder Stakeholdern. Die Stadionallianzen versuchen, sich auf die Personen zu beschränken, die wirklich für die Sicherheit am Spieltag maßgeblich Verantwortung tragen: Das sind im Idealfall die Einsatzleitung der Landespolizei, die Szenekundigen Beamten (SKBs) der Landespolizei und die Einsatzleitungen der Bundespolizei, von den Vereinen die Fanbeauftragten, die Veranstaltungsleitungen und die Sicherheitsbeauftragten sowie das Fanprojekt, sofern es existiert, und das zuständige Amt der Stadt (z. B. Ordnungs- oder Sportamt). Es hat sich gezeigt, dass es in so einem engeren Kreis einfacher ist, sich häufiger zu treffen, ein intensiveres Arbeits- und Vertrauensverhältnis aufzubauen und auch schneller Entscheidungen zu treffen. Stadionallianzen sollen die ÖASS nicht ersetzen, sondern sie sinnvoll ergänzen. Der andere große Unterschied besteht darin, dass die Initiative der Stadionallianz mit jährlich stattfindenden Tagungen verbunden ist. Dort kommen in der Regel alle Standorte aus einem Bundesland mit den Personen zusammen, die in den Stadionallianzen involviert sind. Die Tagungen dienen zum einen dem standort- und funktionsgruppenübergreifenden Austausch, zum anderen der standortbezogenen Verständigung. Das Besondere ist, dass dies unter einer externen Begleitung geschieht; es wird extern moderiert und methodisch angeleitet. Die Tagungen dienen der Reflexion der Zusammenarbeit; sie haben eher einen supervisorischen Charakter. Wenn Konflikte auftauchen oder vorher aufgetaucht sind, dann kann das auch in Richtung Mediation gehen. Diese Treffen dienen der prozesshaften Weiterentwicklung in der Zusammenarbeit.

Von wem ging die Initiative zu diesen Formen der Allianzen aus?

Daran waren mehrere Institutionen und Personen beteiligt. Ein Startpunkt war eine Studie der Fachhochschule Potsdam, die zu dem Ergebnis kam, dass jeder für sich genommen, also Club, Polizeibehörde, Fanprojekt etc., schon am Maximum dessen ist, was er bzw. sie leisten kann, um Sicherheit zu gewährleisten und eine hohe Aufenthaltsqualität zu garantieren. Das größte Entwicklungspotenzial wurde in der Zusammenarbeit dieser Akteur*innen gesehen. Diese Studie wurde von Zuständigen in der Deutschen Fußball Liga (DFL)[1] und im Innenministerium Baden-Württemberg aufgegriffen. Es entstand die Idee, eine Intensivierung der Zusammenarbeit der o. g. Personengruppen auf lokaler Ebene zu forcieren. Das führte zu einer Tagung mit allen Standorten aus Baden-Württemberg in Sinsheim im Jahr 2017. Darauf aufbauend wurde dieses Vorhaben prozesshaft weiterentwickelt und durch jährliche Tagungen verstetigt. Heute basiert das Konzept Stadionallianzen auf zwei Säulen: den jährlichen Tagungen im jeweiligen Bundesland und den lokalen Stadionallianzen, die das Jahr über zusammenarbeiten.

Wie funktionieren die Stadionallianzen? Sie haben schon gesagt, wer beteiligt ist, aber gibt es da jemanden, der/die einlädt oder die Sitzungen leitet?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, dass sich jemand verantwortlich fühlt, aber es gibt keine Vorschrift seitens des Konzepts. In den meisten Fällen findet sich in der Allianz selber dann jemand, der mehr in die Verantwortung geht und die Koordination übernimmt. Aber das ist sehr individuell geregelt. Das ist typisch für dieses Konzept: Die Initiator*innen, also DFL gemeinsam mit dem jeweiligen Innenministerium, schaffen mit der Ausrichtung der jährlichen Tagung den Raum für Austausch und stellen mit der externen Moderation Ressourcen zur Verfügung. Aber was die lokale Stadionallianz damit macht oder wie sie sich selber organisiert, welche Ziele sie sich gibt, das liegt in den Händen der lokalen Stadionallianzen. Da werden von den Initiator*innen der Stadionallianzen bestenfalls Impulse gegeben, aber eben keine Vorgaben.

Sie haben gerade gesagt, welche konkreten Ziele verfolgt werden sollen, das wird lokal bestimmt. Gibt es darüber hinaus ein allgemeines Ziel, das das Konzept der Stadionallianzen verfolgt?

Anfangs war die Idee, Ressourcen zu sparen, allenthalben, aber allen voran natürlich in Bezug auf Polizeieinsatzstunden im Rahmen von Fußballveranstaltungen. Da ist der Kostendruck, der in den letzten 25 Jahren entstanden ist. Insofern war das Vorhaben davon motiviert, Ressourcen zu sparen, ohne bei der Aufenthaltsqualität und bei der Sicherheit Abstriche machen zu müssen, bzw. sie sogar noch zu verbessern. Durch die Einbindung weiterer Bundesländer und damit auch weiterer Innenministerien hat sich das ausdifferenziert. Letztlich hat man sich darauf verständigt, dass das übergeordnete Ziel ist, die Zusammenarbeit im Netzwerk und das sichere Spieltags-Erlebnis für die Zuschauenden zu optimieren. Die Reduktion der Einsatzbelastungen von Polizei und Arbeitsaufwänden der Clubs ist dabei eine erwünschte Wirkung dieser Bemühungen.

Ich habe den Eindruck, dass das vor allem durch Kommunikation, durch miteinander reden erreicht werden soll. Ist das so?

Ja, es geht um Kommunikation, es geht darum, voneinander zu lernen – zwischen den Standorten, aber auch zwischen den verschiedenen Institutionen und Funktionsgruppen. Es geht um den Aufbau von Vertrauen in der Zusammenarbeit, aber auch gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Expertise. Und es geht um eine intensivere, eine engere Zusammenarbeit an dem jeweiligen Standort. Darum spielt neben dem Austausch zu Sachthemen auch die Verhandlung von Beziehungsthemen eine wichtige Rolle. Das erklärt, warum die o. g. Tagungen so konzipiert sind, wie sie sind. Sie dienen erstens dem Austausch zwischen den Standorten im Bundesland. Zweitens sollen sie die Zusammenarbeit an dem lokalen Standort reflektieren, was in einem Workshop-Setting geschieht. Und drittens geben sie Raum, sich wirklich kennenzulernen – auch als Menschen zu begegnen. Dafür gibt es sowohl methodische Ansätze, die die Leute ins Gespräch miteinander kommen lassen. Zudem gibt auch eine gemeinsame Abendveranstaltung, die nochmal einen Raum schafft, Themen zu vertiefen, auch sich jenseits des Arbeitsfeldes kennenzulernen und auf die Art und Weise den vertrauensvollen Umgang miteinander zu stärken.

Lässt sich denn konkretisieren, was das für die einzelnen Standorte bedeutet? Gibt es Übereinkünfte, die aus besserem Vertrauen und genauerem Kennenlernen resultieren?

Das ist sehr unterschiedlich. Es hängt davon ab, wie an dem Standort damit umgegangen wird. Einige haben tatsächlich Kooperationsvereinbarungen daraus entwickelt, wie man miteinander zusammenarbeitet. Andere haben es eher informeller geregelt. Dabei ist das nicht immer eine lineare Entwicklung. Man kann nicht sagen: Es gibt eine Stadionallianz und dann wird am Standort die Zusammenarbeit immer besser. Rückschläge können entstehen durch personelle Fluktuationen oder auch durch externe Schocks. Dann läuft bei einem Spiel etwas wirklich komplett schief, es knallt, und in der Folge gibt es auch einen Bruch des Vertrauens. Dann kann es sein, dass ein externer Impuls nötig ist, dass jemand zum Gespräch einlädt und moderiert – z. B. im Rahmen einer Stadionallianzen-Tagung oder weil man sich in der lokalen Stadionallianz darauf verständigt, externe Unterstützung dazuzuholen. Die Stadionallianzen sind gerade dann eine wahnsinnige Ressource, wenn das Konfliktverhältnis sehr festgefahren ist. Dass da jemand kommt, der das Gespräch leitet, der darauf achtet, dass alle Standpunkte gleichermaßen akzeptiert werden, respektiert werden und der auch dafür sorgt, dass Ergebnisse dokumentiert werden und alle sie mittragen können. Die Allianzen stellen ein Format dar, aus Krisen auch etwas zu lernen, dann besser zu werden und z. B. auf Konflikte vorbereitet zu sein.

Trotz der großen lokalen Unterschiede: Können Sie denn charakterisieren, auf welche Sachverhalte sich die Gespräche in den Allianzen beziehen?

Das ist auch unterschiedlich. Aber ein typisches Thema ist die Risikobewertung. Jedes Spiel wird vorab in Hinblick auf mögliche Sicherheitsrisiken bewertet. Da gibt es durchaus mal unterschiedliche Einschätzungen; und da zu einem stärkeren Abgleich zu kommen, ist immer mal wieder Thema. Klassisches Thema ist auch der Umgang mit personeller Fluktuation. Also, wie gelingt es, funktionierende Zusammenarbeit personenunabhängig fortzusetzen, wenn es beim Verein oder bei der Polizei oder woanders Diskontinuitäten gibt. Das gilt insgesamt für die Metaebene, also die Ebene der Zusammenarbeit, wo es nicht um fachliche Fragen geht, sondern, wie arbeiten wir zusammen, wie begegnen wir uns regelmäßig, wie vertrauen wir uns gegenseitig und unserer Expertise etc. Das sind Standardthemen. Und schließlich gibt auch fachliche Fragen. So berichten Standorte sehr positiv davon, dass man sich gemeinsam einen Spieltagsablauf angesehen hat, um zu gucken, wo sind eigentlich neuralgische Punkte in der Spieltagsbewältigung, wo treten immer mal wieder Unregelmäßigkeiten auf, etwa weil sich da Fans begegnen oder weil es einen Personenstau gibt, weil da Personenflüsse nicht richtig gut sind, weil vielleicht die Abstimmung nicht richtig funktioniert. Und dann werden dafür individuelle Lösungen gefunden.

Kann man die bisherigen Erfolge der Allianzen abschätzen?

Es gibt vereinzelt Meldungen aus den Innenministerien der Bundesländer, dass nach Einführung der Stadionallianzen Personal eingespart werden konnte. Das Innenministerium von Baden-Württemberg beziffert die Einsparungen zwischen 2017 und 2025 auf mehrere 10.000 Einsatzstunden der Polizei und damit rund 2 Millionen Euro. Ob das ein genereller Trend in allen Bundesländern ist, kann ich nicht sagen. Zumindest zeigen die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) in den letzten Jahren Rückgänge in den relevanten Bereichen (insb. Straftaten und Verletzte) – ohne dass wir wissen, welchen Anteil Stadionallianzen daran haben. Ein starkes Indiz für die positive Wirkung der Allianzen sehe ich in den Feedbacks, um die wir am Ende der Tagungen bitten. Das sagt zwar nicht unbedingt etwas aus über die Zusammenarbeit in der örtlichen Stadionallianz aus, aber über die Tagung. Die Zufriedenheitswerte, die wir da zurückgemeldet bekommen, die sind wirklich erstaunlich, die bewegen sich im Bereich sehr zufrieden oder zufrieden bei fast 95 Prozent im Schnitt. Das heißt, Kennenlernen und Austausch werden als extrem gewinnbringend und hilfreich für die alltägliche Arbeit am Standort wahrgenommen. Zudem ist durch die Tagungen an manchen Standorten, wo es sehr festgefahrene Konflikte gab, gelungen, wieder eine tragfähige Grundlage für die Zusammenarbeit zu schaffen.

Existieren denn Studien, die harte Indikatoren prüfen, etwa Vergleiche von Standorten mit und ohne Allianz im Hinblick auf Gewaltvorfälle, Polizeiausgaben oder Stadionzufriedenheit?

Derartige Untersuchungen sind mir nicht bekannt. Sie wären auch methodisch sehr aufwändig, weil sehr viele Faktoren das Geschehen an Standorten und Spieltagen beeinflussen. Die DFL macht Umfragen zur Stadionzufriedenheit, ob dort unterschieden wird im Hinblick auf „Stadionallianz – keine Stadionallianz“, kann ich nicht sagen. Aber insgesamt sind die Zufriedenheitswerte der Leute, die zum Fußball gehen, insgesamt so hoch, dass ich gar nicht weiß, ob es da noch so viel Entwicklungspotenzial nach oben gibt.

Die Fans sind nicht direkt beteiligt, sondern durch die Fanprojekte, sofern es welche gibt. Wie kommen die Stadionallianzen bei den Fanprojekten und bei den Fans selbst an?

Die Fanprojekte sind nicht primär als Interessenvertretung der Fans in den Stadionallianzen vertreten, sondern zunächst als eine Einrichtung der Jugendarbeit und damit auch als Teil des „Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit“. Auch wenn sie für die eigentliche Spieltags-Gestaltung nicht die Verantwortung tragen, so haben sie doch eine Expertise, die sie da einbringen können und die sehr wertvoll ist. Die Fanprojekte nehmen die Stadionallianzen meines Wissens ganz überwiegend als großen Gewinn wahr. Ihr Feedback sowohl zu den Tagungen als auch in den Evaluationsstudien der FH Potsdam war sehr positiv. Zu Ihrer Frage, wie das von den Fans wahrgenommen wird, dazu gibt es meines Wissens keine Erhebungen. Ich habe den Eindruck, dass viele Fans, die ins Stadion gehen, gar nicht wissen, dass es Stadionallianzen gibt. Insgesamt kann man sagen, dass zumindest die sogenannte aktive Fanszene – von Ultragruppen bis zu sonstigen kritischen aktiven Fangruppen – schon mit Misstrauen auf das schauen, was Innenministerien und Verbände machen. Bezogen auf die Stadionallianzen habe ich trotzdem noch nicht so viel Kritisches gehört. Das liegt meines Erachtens daran, dass die Leute, die vor Ort mit Fans zu tun haben – die Fanbeauftragten, die Mitarbeitenden der Fanprojekte – vermitteln, dass die Allianzen helfen, den Fußball sicherer zu machen und auch die Aufenthaltsqualität erhöhen und vielleicht auch Sachen ermöglichen, die Fans sich wünschen. Wenn der Outcome ist, dass zum Beispiel die Polizei weniger präsent ist, dann ist es ja etwas, was von einigen Fans auch durchaus positiv wahrgenommen wird. Denn die Reaktionen auf Polizeipräsenz sind sehr unterschiedlich. Manche Leute fühlen sich dann besonders sicher, andere denken, warum ist hier so viel Polizei, muss ich mir jetzt Sorgen machen? Deswegen kann das schon ein positiver Outcome sein. Also kurzum: Sofern die Stadionallianzen wahrgenommen werden, werden sie eher positiv bewertet. Etwas anders war die Wahrnehmung eines Ansatzes, der 2020 in Nordrhein-Westfalen als „Stadionallianzen gegen Gewalt“ gestartet wurde. Diese Allianz basierte auf einem Vertrag zwischen Innenministerium und den Vereinen mit klaren Zielvorgaben. Das ist bei Fans eher auf Kritik gestoßen, unter anderem auch, weil die Fanbetreuungsstrukturen, sowohl die Fanbeauftragten als auch die Fanprojekte, anfangs nicht involviert waren und die Befürchtung bestand, dass hier einseitig Sicherheitsinteressen vertreten wurden. Im Rahmen einer Tagung in 2025 hat man in Nordrhein-Westfalen vorgestellt, wie eine Verschränkung der beiden Konzepte aussehen und es an den Standorten umgesetzt werden kann. Somit kann man sagen, dass mittlerweile dort auch eher das oben skizzierte Konzept praktiziert wird.

Nun ist bekannt, dass die unterschiedlichen Akteure auch unterschiedliche Interessen haben: Vereine, Polizei, Ordnungsamt, Fanbeauftragte und Fanprojekte. Wie geht man mit divergierenden Interessen in den Allianzen um?

Das ist eine spannende Frage. Oft geht es darum, die Überschneidungen in den Interessen zu identifizieren. Das ist etwa der sichere Ablauf des Spieltags, dass es keine Verletzten gibt, dass es keine Probleme gibt. Das ist im Interesse von allen. Dann geht es um die Anerkennung der unterschiedlichen Rollen, die eingenommen werden, um diese Ziele zu erreichen. Etwa als Polizeieinsatzleiter*in oder als Fanprojekt-Mitarbeiter*in. Anerkennung beinhaltet auch, die Handlungsmöglichkeiten und -grenzen des anderen zu kennen und zu respektieren. In den Stadionallianzen kommt es immer mal wieder zu Konflikten und zu Problemen. Sie sind jedoch so angelegt, dass die Krise nicht dadurch beendet wird, dass man nicht mehr zusammenarbeitet, sondern dass man sie eher als Chance versteht, nochmal mehr Klarheit dazu bekommen: Wo können wir zusammenarbeiten trotz der Unterschiedlichkeiten und wo kommt unsere Zusammenarbeit dennoch an Grenzen?

Nehmen wir eine klassische polizeiliche Position: „Wir sind dem Legalitätsprinzip verpflichtet. Wenn Straftaten auftauchen, müssen wir eingreifen.“ Wird so etwas besprochen?

Ja. Das betrifft das Thema Rollenklärung. Das ist ein Thema gewesen, lange bevor es die Stadionallianzen gab. Das gilt auch umgekehrt, wenn die Fanprojekte klarstellen, dass es nicht ihre Aufgabe ist, Straftaten zu verhindern oder aufzuklären, sondern dass sie sozialpädagogische Arbeit mit jungen Menschen machen, die sich rund um den Fußball bewegen. Da Klarheit zu schaffen, das ist ein ständiges Thema, weil ja auch immer wieder neue Leute nachrücken – bei der Polizei, bei den Fanprojekten etc. –, die erst lernen müssen, mit wem sie es zu tun haben.

Haben denn die Gespräche das Potenzial, dass nicht nur Verständnis und Kenntnis geschaffen werden, sondern dass sich auch die Aufgabenwahrnehmung verändert?

Ja, das Potenzial haben sie auf jeden Fall. Etwa bezogen auf die Polizei: Es gibt das Legalitätsprinzip, aber es gibt ja auch den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Einsatzleitungen, die schon lange im Fußball arbeiten, die wissen in der Regel, dass, wenn in einer Fankurve eine Straftat begangen wird, es mildere Mittel gibt, als mit Kräften in den Block zu gehen, um der Person habhaft zu werden, sondern dass es andere, verhältnismäßigere Mittel gibt, weil es ein riesiges Konfliktpotenzial hat, in die Kurve reinzugehen. Kommen neue Führungskräfte, dann kann es sein, sie denken, das würde ich ja auch bei einer Demo machen, deswegen mache ich das jetzt beim Fußball auch so. Der Austausch von Expertise, Vertrauensverhältnis und gegenseitige Anerkennung können dann dazu führen, dass andere Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, um die Eskalation zu verhindern (etwa die Personen anhand von Bildern identifizieren). Dann kann die Polizei ihre Aufgaben jenseits des Spieltags wahrnehmen und auf diese Art und Weise verhindern, dass es zu weiteren Straftaten kommt.

Die Öffentlichkeit denkt bei Fußball und Sicherheit schnell an Pyrotechnik, an Einlasskontrollen, Videoüberwachung etc. Spielen diese politisch aufgeladenen Themen eine Rolle für die lokalen Allianzen?

Diese großen Themen spielen immer wieder eine Rolle, auch wenn es dabei vorrangig um den Austausch über Beobachtungen geht. Nehmen wir das Beispiel Pyrotechnik: Hier gibt es keine einfache Lösung. Es wird sich z. B. dann nicht ausgetauscht, wie kriegen wir es hin, dass die Pyrotechnik nicht mehr eingebracht wird. Da hat jeder Standort seine Erfahrungen gemacht, und viele sind da auch am Maximum dessen, was möglich ist. Aber gerade weil Themen wie diese medial viel behandelt werden, haben sie immer auch eine Wirkung auf den Standort, auf die Fankultur an einem Standort. Deshalb ist das auch immer Thema, sich dazu auszutauschen. Dabei ist meine Beobachtung, dass die großen Debatten, die von der Politik eingebracht werden, die suggerieren, es würde einfache Lösungen geben, an der Basis relativ wenig Anklang finden. In den Stadionallianzen bemüht man sich, vor Ort passende Lösungen zu finden, die realistischer Weise umzusetzen sind.

Das Interview führte Norbert Pütter.

Nach den Vorstellungen der DFL sollen die Stadionallianzen in allen Bundesländern, in denen Profifußball gespielt wird, etabliert werden. Stand Februar 2026 existieren Allianzen in den Bundesländern Baden-Württemberg (seit 2017 / an 9 Standorten), Niedersachsen (2019 / 6), Bayern (2022 / 8), Berlin (2023 / 2), Hessen (2022 / 6), Sachsen (2023 / 7), Bremen (2023 / 1), Nordrhein-Westfalen (2025 / 10) und Sachsen-Anhalt (2025 / 2). Die landesweite Koordination liegt in allen Ländern (außer in Sachsen) bei den Landesinformationsstellen für Sporteinsätze, welche den jeweiligen Innenministerien der Bundesländer zugeordnet sind. In Sachsen liegt sie beim Landespräventionsrat. Die DFL und der DFB laden zu den Jahrestagungen der Stadionallianzen ein. Diese werden derzeit mit der Unterstützung der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (KoFaS) umgesetzt.[2]
[1]    Die DFL ist der Zusammenschluss der Vereine der 1. und 2. Fußball-Bundesliga der Männer.
[2]    S. Steffan, W. u.a.: Stadionallianzen im Fußball. Update 2022-2024, Berlin; Bonn 2025 (aktualisierte Zahlen durch Jonas Gabler).

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