von Criminals for Freedom
Radikale Kritik am Knastsystem und solidarische Gefangenenarbeit stehen in einem Spannungsverhältnis. Forderungen nach kleinen Verbesserungen im Knastalltag lassen das Ziel, Knäste abzuschaffen, in den Hintergrund treten. Wir wollen in diesem Text darstellen, wie wir uns als Gruppe entwickelt haben und wie wir in diesem Spannungsverhältnis agieren.
Etwa 45.000 Menschen sitzen laut Statistischem Bundesamt in deutschen Knästen. Weil sie anderen Menschen Schaden zugefügt haben, weil sie verletzt haben. Weil sie gestohlen haben oder betrogen haben. Weil sie Drogen verkauft haben. Weil sie ohne Ticket gefahren sind. Was die vielen Delikte eint: Die Menschen wurden ihrer Freiheit beraubt und von der Gesellschaft isoliert, weil sie sich nicht der bürgerlichen Norm entsprechend verhalten haben.
Knast kann nicht losgelöst von den Verhältnissen „draußen“ gesehen werden. Von den Individuen erwartet die bürgerliche Gesellschaft, strebsame Arbeiter*innen zu sein, die sich am öffentlichen Leben durch individuellen Konsum beteiligen, eine überschaubare Menge an Eigentum anhäufen und das Eigentum anderer respektieren. Alle, die diesen Glaubenssatz durch abweichendes Verhalten angreifen, müssen diszipliniert werden. Wer nicht diszipliniert werden kann, wird dauerhaft ausgeschlossen. Im Kapitalismus kommt diese Rolle dem Knast zu. Er ist ein fundamentales Element des Staates zur Kontrolle der Bevölkerung.
Was heißt es also, kriminell zu sein? Juristisch bedeutet kriminell zu sein, gegen Gesetze verstoßen zu haben. Kriminell zu sein kann zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich aussehen und unterschiedliche Konsequenzen haben. Bis 1997 waren in Deutschland Vergewaltigungen in der Ehe kein Verbrechen. Bis zum 1. April 2024 war Kiffen in Deutschland illegal. Dass Milliardäre in Deutschland einer kürzlich erschienenen Studie von Oxfam zufolge nur rund 25 Prozent Steuern zahlen, fast halb so viel wie der Spitzensteuersatz, ist bis heute legal.
Gesetze sollen die Grenze zwischen „Gut“ und „Böse“ festlegen. Wer sich der bürgerlichen Norm entsprechend verhält, ist gut. Wer nicht, ist böse. Dieser Normsetzung wollen wir uns nicht unterordnen. In einem System, das auf Herrschaft, Ausbeutung und gewaltvoller Unterdrückung basiert, kann Kriminalität ein Ausdruck des Widerstands sein. Denn wer sich gegen das System wehrt, wird schnell kriminalisiert und landet im Knast. Dort wird den Gefangenen eine engmaschige und starre, bürgerliche Tagesstruktur aufgezwungen. Die Gefangenen stehen früh auf, um zu arbeiten, haben dann Hofgang und Umschluss, also die Möglichkeit, Mitgefangene zu treffen, und gehen anschließend früh schlafen. Zwar kann diese Routine variieren, Selbstbestimmung ist in ihr aber nicht vorgesehen. Isoliert von ihrem sozialen Umfeld, von Freund*innen und Familie, sind die Gefangenen außerdem der Willkür der Schließer*innen und der Vollzugsanstalten ausgesetzt. Knast ist der Versuch des Staates, den Widerstand von Menschen gegen ein bürgerliches Leben mit aller Gewalt zu brechen. Den Motivationen, aus denen heraus Menschen stehlen, betrügen und vielleicht sogar verletzen, stellt sich Knast nicht. Knast soll keine sozialen Probleme lösen. Er soll „die Bösen“ disziplinieren, stigmatisieren und setzt sie Gewalt aus.
Anstatt uns also von den „bösen“ Kriminellen zu distanzieren, solidarisieren wir uns mit ihnen. Wir, Criminals for Freedom, sind ein Zusammenschluss von Menschen, die sich gegen Knäste und die Knastgesellschaft organisieren. Uns eint, dass wir auf verschiedene Arten und Weisen in unserem Leben mit Knast in Berührung gekommen sind. Meist durch Freund*innen, Gefährt*innen oder Genoss*innen, die sitzen mussten. Die Gewalt und die systemerhaltende Funktion, die mit Knast einhergehen, haben uns geprägt und tun dies auch heute. Deswegen können und wollen wir das Thema Knast nicht loslassen und verdrängen.
Unsere Geschichte – von Soligruppe GG/BO zu C4F
Bis März 2020 haben wir unter dem Namen „Soligruppe Berlin der GG/ BO (Gefangenen-Gewerkschaft / Bundesweite Organisation)“ agiert. Die GG/BO hat sich im Mai 2014 im Knast Tegel als Selbstorganisierung von Gefangenen gegründet, um die starke Spaltung zwischen den Gefangenen zu durchbrechen und sich mithilfe von gemeinsam formulierten Minimalforderungen (Mindestlohn, Einbezug in die Sozialversicherungen, Tariffähigkeit) gegen die ausbeuterischen Verhältnisse hinter Gittern zu wehren. Der Lohn für Gefangene variiert, beträgt aber bis heute meist zwischen 1€ und 3€ die Stunde. Als Soligruppe haben wir versucht, von „draußen“ diese Forderungen zu unterstützen.
In der Anfangszeit stieß die GG/BO in deutschen Knästen auf viel Resonanz. Immer mehr Gefangene wollten aktiv werden, zeitweise zählte die Gewerkschaft mehr als 1.000 Mitglieder, also in etwa 2% der Gefangenen in Deutschland. Sechs Jahre nach der Gründung mussten wir uns aber eingestehen, dass das Konzept der GG/BO nicht mehr griff. Wir verloren mehr und mehr den Kontakt zu den Gefangenen und unterstützten weniger gewerkschaftliche Gruppen als die Einzelkämpfe individueller Gefangener, beispielsweise gegen die Schikanen einzelner Wärter*innen oder für die Behandlung gesundheitlicher Probleme. Von einer gemeinschaftlichen Organisierung konnte keine Rede mehr sein.
Wie ist es dazu gekommen? Innerhalb der GG/BO sind viele Gefangene oft bei den Minimalzielen geblieben oder forderten „mehr Aufschluss“, eine „bessere medizinische Versorgung“ oder „geringere Einkaufspreise“ im Knast. Diese Ziele, die auf eine Verbesserung der Lebensverhältnisse der Gefangenen abzielen, greifen den Staat erst einmal nicht an. Gefährlicher erscheint hingegen aus staatlicher Perspektive, dass die Gefangenen nicht mehr isoliert kämpfen, sondern drinnen wie draußen Verbündete suchen und finden – dazu noch mit Anti-Knast-Gruppen oft solche, die sich gegen die staatliche Ordnung positionieren. Entsprechend war auch die GG/BO seit ihrer Gründung mit Repressionen konfrontiert. Als wir als Soligruppe stärker unsere Anti-Knast-Perspektive in die Öffentlichkeit trugen, verstärkten sich die Repressionen gegen die Gefangenen. Das führte zu Grundsatzdiskussionen unter den Soligruppen draußen. Wir mussten uns entscheiden: Springen wir auf den reformistischen Zug auf, halten wir in bestimmten Punkten die Klappe? Wird dann die Repression geringer und die GG/BO vielleicht wieder größer? Oder wollen wir uns nicht einschüchtern lassen, gemeinsam gefährlich, rebellisch und unseren Prinzipien treu bleiben? Wir entschieden uns für Letzteres.
Unsere Arbeit in der Praxis
Auch heute richtet sich unsere Praxis vor allem entlang der pragmatischen Bedürfnisse und Lebensrealitäten der Gefangenen aus, die wir in ihren Einzelkämpfen unterstützen. Damit sind wir nicht alleine. Immer wieder gründen sich Soligruppen, die einzelne Gefangene solidarisch begleiten und für ihre Freilassung kämpfen. Ist das gelungen, lösen sich die meisten Soligruppen wieder auf. Nur ein kleiner Teil der Anti-Knast-Bewegung, die sich vor allem in den 1980er Jahren formierte, ist heute noch aktiv.
Als Criminals for Freedom wollen wir kontinuierlich arbeiten. Das ist ein langwieriger Prozess, der oft keine sichtbaren Ergebnisse oder Erfolge bringt. Einen Großteil unsere Arbeit macht aus, Briefkontakt zu Gefangenen aufzubauen und zu halten. Wenn wir die Adressen von Gefangenen bekommen, schreiben wir sie an. Manchmal werden wir auch selbst angeschrieben. Von Gefangenem*er zu Gefangenem*er kann der Kontakt sehr unterschiedlich aussehen, mehr oder weniger persönlich, emotional oder regelmäßig. Oft werden uns der Haftalltag und konkrete Probleme geschildert. Immer wieder wird uns zurückgemeldet, dass es alleine schon bestärkend ist, dass es Interesse von und Kontakt nach draußen gibt.
In dem Kontakt und der konkreten Unterstützung ist uns besonders wichtig, dass Gefangene selbstbestimmt handeln. Ob und wenn, dann wie sie sich gegen Missstände und Repressionen wehren wollen, bestimmen sie selbst. Wir bieten ihnen dafür unsere Unterstützung in dem für uns möglichen Rahmen an. Diese kann konkret so aussehen, dass wir einen gemeinsam abgestimmten Text zu einer konkreten Situation veröffentlichen, dass wir Kontakt zu Angehörigen aufnehmen oder versuchen, draußen zu vernetzen und Aktionen wie Kundgebungen zu organisieren. Es kommt auch vor, dass wir als Sprachrohr für die Gefangenen mit Abgeordneten, Journalist*innen oder Staatsbeamt*innen in Kontakt treten. Manche wollen auch, dass wir uns mit Sozialarbeiter*innen oder „gemeinnützigen Vereinen“ auseinandersetzen, in der Hoffnung, dass sich im Knast dadurch etwas verbessert.
Für uns steht nicht zur Diskussion, dass wir für alle Gefangenen da sein wollen, ob sie kämpfen oder nicht. Sie müssen auch nicht unsere Kritik an Staat und Kapitalismus teilen. Uns ist wichtig, Konstruktionen von „gut“ und „böse“, „schuldig“ und „unschuldig“, nicht zu reproduzieren und keine Richter*innenposition einzunehmen.
Gleichzeitig haben wir ein Selbstverständnis gegen Herrschaft und Unterdrückung, welches wir den Gefangenen mitteilen. Konkret bedeutet das, dass Gefangene, die unsere Ansichten nicht teilen, seltener Lust haben, mit uns zu arbeiten. Das trifft zum Beispiel auf Gefangene mit menschenfeindlichen Weltbildern zu. Wir haben aber auch Kontakt zu Gefangenen, die sich im (Knast-)Alltag etwa sexistisch äußern. In solchen Fällen ist uns eine Auseinandersetzung mit dem Individuum anhand unseres eigenen Selbstverständnisses wichtig. Jede*r von uns entscheidet für sich selbst, ob wir den Kontakt weiterhin halten wollen oder nicht. Wichtig ist: Kontakt heißt nicht direkte Unterstützung.
Wir fordern die generelle Abschaffung von Knästen. Wir fordern nicht neue Knäste für unsere Feind*innen. Trotzdem unterstützen wir nicht alle Gefangenen gleichermaßen. Einem überzeugten Nazi würden wir zum Beispiel kein Geld für Telefonate zukommen lassen. Wir würden auch nicht zu einer solidarischen Prozessbegleitung in einem Fall von sexualisierter Gewalt aufrufen.
Wenn allerdings die Knasttüren offenstehen, würden wir sie für niemanden schließen. Die Auseinandersetzung mit unseren Feind*innen gestaltet sich, davon sind wir überzeugt, nicht durch Knäste, sondern auf der Straße, in den Städten und Dörfern. Kurz: Dort, wo wir leben und leben wollen. Wir haben es bis heute nicht geschafft, die Orte, an denen wir leben wollen, zu entnazifizieren. Knast ist nicht die Lösung für gesellschaftliche und politische Probleme. Knast verschärft Konflikte, anstatt sie zu lösen.
Uns ist bewusst, dass unsere ablehnende Haltung gegen den Staat und all seine Träger*innen manchmal im Widerspruch zu unserer Praxis steht. Allerdings ist es uns wichtig, in erster Linie die Belange der Gefangenen zu unterstützen und mit ihnen Kontakt zu halten – unsere Haltung werfen wir dabei nicht über Bord, stellen sie aber auch nicht in den Vordergrund.
Praxis der Widersprüche
Abolitionismus bedeutet für uns, Knast, Staat und Kapitalismus überwinden zu wollen. In unserer Praxis unterstützen wir aber jede Form des Widerstands von Gefangenen, egal ob individuell oder kollektiv, ob konstruktiv oder destruktiv, ob legal oder illegal. Wir unterstützen Reformen, wenn sie nicht der Konsolidierung und Transformation, sondern dem Abbau des Gefängnisses dienen. Wir stehen hinter Reformen, die dem System Knast, der Überwachung und Kontrolle, Macht entziehen, wie die Abschaffung der Ersatzfreiheitsstrafe. Die Einführung der elektronischen Fußfessel, die den Einflussraum des Knasts auf den privaten Wohn- und Lebensraum von Menschen ausweitet, lehnen wir ab.
Wider unseren eigenen Positionen veröffentlichen wir als Teil unserer Soliarbeit aber auch Briefe von Gefangenen, in denen sie mehr Einstellungen von Schliesser*innen fordern, um den negativen Konsequenzen des Personalmangels, wie weniger Freizeitprogrammen, weniger Hofgang, krasserer Isolation, keinem Ausgang und weniger Aufschluss entgegenzuwirken.
Auch unser Blick auf sogenannte Resozialisierungsmaßnahmen ist ambivalent. Der offene Vollzug als Vorbereitung für eine Entlassung kann etwa eine Verbesserung der Lebensrealität von Gefangenen darstellen, deswegen unterstützen wir sie für einzelne Gefangene. Dem Narrativ des Staats, dass Inhaftierungen der Resozialisierung dienen würden, werden wir aber immer entgegentreten. Die Arbeit mit Gefangenen bleibt für uns ein Feld voller Widersprüche, die wir nicht auflösen können. Das ist jedoch auch nicht unser Ziel. Politische Arbeit verläuft nie geradlinig, sondern ist ein Feld von Aushandlungen und Debatten, in dem wir gemeinsam an Herausforderungen wachsen und voneinander lernen, immer wieder auch scheitern. Außerdem müssen wir realistisch bleiben. Die Abschaffung aller Knäste ist zwar unsere Grundlinie, jedoch ist uns klar, dass dies kein Ziel ist, das in naher Zukunft erreicht wird. Deshalb bleibt unser Credo: Weiter kämpfen, gemeinsam rebellisch, gemeinsam gefährlich.