Blaming the victims: Der antisemitische Doppelmord in Erlangen 1980 und die Ermittler

von Ronen Steinke

Heute wird oft behauptet, die Ermittler hätten aus ihrem Versagen beim NSU gelernt. Aus ihrer Bereitschaft also, eher steile Thesen über getötete Migrant*innen aufzustellen als Spuren in die Neonaziszene nachzugehen. Seither würden sie stärker auf rechtsextreme Hintergründe achten. Das hätte man allerdings schon aus einem anderen Fall lernen können – vor jetzt 40 Jahren.

Der 19. Dezember 1980 ist ein Freitag, es ist schon dunkel, etwa halb sieben am Abend. Für Juden heißt das, der Schabbat hat begonnen, es ist ein Moment für Kerzenschein und ein Glas Wein. In einem Bungalow in der Ebrardstraße 20 nahe der Erlanger Universität sind die Jalousien heruntergelassen, so werden später die Beamt*innen der Spurensicherung notieren. Shlomo Lewin, bis vor kurzem Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, ist zu Hause mit seiner Lebensgefährtin, Frida Poeschke. Es klingelt, er öffnet.

Sofort fallen Schüsse, der Rechtsradikale Uwe Behrendt, 29 Jahre alt, feuert drei Mal aus einer Maschinenpistole der Marke Beretta, Kaliber 9 Millimeter mit Schalldämpfer, und als Shlomo Lewin schon am Boden liegt, setzt er noch einen Schuss aus nächster Nähe auf, es ist eine regelrechte Hinrichtung. Dann bemerkt der Täter offenbar die Lebensgefährtin, die er sofort danach im Eingang zum Wohnzimmer ebenfalls mit vier Schüssen tötet. Schon ist er wieder verschwunden, ohne irgendetwas angerührt zu haben.[1]

So läuft es ab, das erste tödliche Attentat auf einen Vertreter der deutschen Juden nach 1945. So schnell, so eisig effizient, wie man es später auch vom NSU kennenlernen wird, der Mordbande, die mit Schüs­sen aus nächster Nähe von September 2000 an vorwiegend Muslime tötete. Aber anstatt in der örtlichen Naziszene zu ermitteln – die „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die seinerzeit größte Neonazitruppe der Republik, die Anfang 1980 vom Bundesinnenminister verboten worden ist, hat ihre Zentrale ganz in der Nähe –, verdächtigt die Polizei zunächst das Umfeld des Opfers.

Die bayerischen Behörden spekulieren, der Mossad habe eine Rolle gespielt, Israels Geheimdienst. Ein Journalist einer Nachrichtenagentur zitiert noch am Abend des Mordes „informierte Kreise“ mit der Vermutung, Shlomo Lewin sei Agent gewesen. Die erste Frage, die am Morgen nach dem Mord auch der zuständige Staatssekretär im Bundesinnenministerium, Siegfried Fröhlich, stellt, ist die nach einem „möglichen nachrichtendienstlichen Hintergrund des Ermordeten“. Die Spezialist*innen des Bundesnachrichtendienstes sollten dies einmal abklären, bittet er.[2]

Die Ermittler*innen mutmaßen auch, Shlomo Lewin hätte im Jom-Kippur-Krieg im Jahr 1973 unter Israels damaligem Verteidigungsminister Mosche Dajan gedient.[3] Das ist der General mit der Augenklappe, einer der verhasstesten Männer in der arabischen Welt. Die erste Schlagzeile, mit der die Leser*innen der Erlanger Nachrichten dann von dem Mord an Shlomo Lewin erfahren, lautet nicht: Ex-Vorsitzender der jüdischen Gemeinde ermordet. Sondern: „Ex-Adjutant Mosche Dajans hingerichtet“.[4] Als wäre es eine Kriegshandlung. Nahöstliche Rache. Fremde unter sich.

„Gekillerter Israeli, samt Hure“

Es ist Unsinn. In Wahrheit hat Lewin schon seit 1960 in Süddeutschland gelebt und gearbeitet, als Verleger von Büchern zu deutsch-jüdischer Kul­tur und als Religionslehrer. Ein Blick ins Zeitungsarchiv hätte genügt, um das herauszufinden, oder auch ein Anruf bei Lewins jüdischer Gemeinde, deren Gebäude im benachbarten Nürnberg steht. Lewin ist 1911 in Jerusalem geboren worden, in die Großfamilie Rivlin. Aber schon seit seinem ersten Lebensjahr hat er im Deutschen Reich gelebt. Sein Vater, ein Rabbiner, war einem Ruf an eine Synagoge ins preußische Posen gefolgt.[5]

In ihrer Ermittlung mit dem Aktenzeichen 340 Js 40387/81 beschreiben die Beamt*innen des bayerischen Landeskriminalamts (LKA), dessen Sonderkommission „Erlangen“ zeitweise 35 Beamt*innen umfasst, die beiden Opfer jetzt so: „Frida Poeschke, Glaubensbekenntnis: evangelisch, Staatsangehörigkeit: deutsch“. Und „Shlomo Lewin, Glaubensbekenntnis: mosaisch“;[6] die Staatsangehörigkeit interessiert bei ihm offenbar nicht. Jude ist Jude.

Dabei ist Lewin schon seit seiner Kindheit Deutscher. Sein Vater hat sich 1914, als das deutsche und das russische Reich sich an die Kehle gingen, als Feldrabbiner gemeldet. Zum Dank haben er und seine Familie per kaiserlichem Dekret die Staatsangehörigkeit erhalten.

Shlomo Lewin hat in Köln auf Lehramt studiert. Erst die Vertreibung durch die Nazis hat ihn von 1938 an für einige Jahre ins britische Mandatsgebiet Palästina gebracht, auf dem 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, 1960 ist er wieder nach Deutschland zurückgekehrt.[7] Dennoch, die bayerischen Ermittler*innen bewerten seine Biografie anders, gegenüber der Presse erklären sie: „Die Ermittlungen wurden inzwischen auch auf Israel, die Heimat Levins (sic), und das europäische Ausland ausgeweitet.“[8]

„Ex-Adjutant Mosche Dajans hingerichtet“: Als die Erlanger Nachrichten am 20. Dezember 1980 mit dieser Schlagzeile aufmachen, hat es sofort Folgen. Tags darauf geht ein Brief ein bei Erlangens Oberbürgermeister. Betreff: „gekillerter Israeli, samt Hure“, der anonyme Verfasser schreibt: „Die gehen und kommen wie sie belieben! 1 Dutzend Reisepässe in der Tasche! Wenn der Oberstinker im Kriegsstab bei Dajan war, hat der doch bei uns gar nichts mehr zu suchen und muß seine Exekution dort bei den Arabern abwarten!“[9]

In der jüdischen Gemeinde in Nürnberg klingeln die Telefone. Der Nachfolger Lewins im Amt des Vorsitzenden, der 1923 in Nürnberg geborene Arno Hamburger, wird am Tag nach dem Mord gleich drei Mal von anonymen Anrufern bedroht. „Arno Hamburger, Du verfluchte Judensau, Shlomo Lewin war der erste, du bist der nächste. Du kannst dich darauf vorbereiten“, kündigt einer an. Ein anderer bekräftigt: „Du entgehst uns nicht.“[10]

Viele Mitglieder der Gemeinde sind in Angst, manche meinen, in der Mordnacht auch vor ihrer eigenen Wohnung seltsame Gestalten gesehen zu haben. „Wenn man in dieselbe Synagoge ging“ wie Shlomo Lewin, „hatte man Befürchtungen“, so erinnert sich etwa Rose Wanninger, die in späteren Jahren ihrerseits Gemeindevorsitzende in Erlangen wurde. Ihr Mann habe eine Weile „mit dem Colt unter der Matratze“ geschlafen.[11]

Auch in anderen jüdischen Gemeinden herrscht „blankes Entsetzen“, so hat Paul Spiegel später in einem Fernsehinterview erzählt, der Präsident des Zentralrats der Juden in den frühen 2000er-Jahren. „Aber auch Entsetzen darüber, dass das von der breiten Gesellschaft nicht so wahrgenommen wurde.“[12] Paul Spiegel denkt anfangs, jetzt würde ein Aufschrei durch das Land gehen. Er irrt sich. Stattdessen geschieht etwas anderes.

Verdächtigungen gegen die jüdische Gemeinde

Der neue Gemeindevorsitzende in Nürnberg, Arno Hamburger, bekommt Besuch vom LKA. Aber nicht, um ihn zu beschützen. Sondern um ihn als Verdächtigen zu befragen. Arno Hamburger ist ein Mann mit breiten Schultern und Lederjacke, ein gebürtiger Nürnberger, der Fränkisch spricht, sich in Fußballvereinen engagiert und für die SPD im Stadtrat sitzt. Er ist bodenständiger als der kunstsinnige Lewin, der zu Demonstrationen gegen die NPD auf dem Nürnberger Hauptmarkt schon mal eine Dixieland-Band mitbrachte. Die beiden sind keine Freunde gewesen.

Aber ein Mord? Die Ermittler mutmaßen, „dass die Getöteten Mitwisser von Straftaten o. ä. gewesen sind und mit diesem Wissen dritte Personen unter Druck gesetzt haben“.[13] Es könnte um „finanzielle Unregelmäßigkeiten“ in der jüdischen Gemeinde gehen, notieren sie.[14] Deshalb durchsuchen sie auch den Keller von Lewins Wohnung. Er habe dort „kompromittierendes Material gesammelt oder aufbewahrt“, streuen sie, dies könne „wertvolle Hinweise auf den möglichen Täterkreis“ ergeben, so der Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Rudolf Brunner.[15]

Arno Hamburger hat den Holocaust dank eines Kindertransports nach Palästina überlebt. Nach dem Krieg hat er seine Eltern in Nürnberg wiedergefunden, der Rest der Familie war ermordet worden. Die Eltern waren zu schwach, um fortzugehen und noch einmal ein neues Leben anzufangen. Als einziges Kind, so hat Hamburger einmal erzählt, habe er dann „das moralische Empfinden gehabt, dass ich meine Eltern nicht allein lassen könnte“.[16]

Wie sich herausstellt, hat Shlomo Lewin die Karteikarten in seinem Keller nicht zur Pflege persönlicher Feindschaften, sondern „lediglich“ ganz profan für den von ihm betriebenen Kleinverlag genutzt, wie der Leitende Oberstaatsanwalt enttäuscht mitteilen muss.[17] Der Verlag heißt „Ner Tamid“, ewiges Licht. Er gibt illustrierte Bände über jüdische Zeremonialkunst heraus, historische Essays, auch Dokumentationen über „den Nazismus in Westdeutschland“. Sehr erfolgreich ist er nicht, Lewin hat ihn schon so gut wie aufgegeben.

Dennoch: An ihrer Hypothese vom jüdischen Mordkomplott halten die Ermittler*innen fest. Ein mögliches Motiv für den Mord liege auch in den „seit Jahren bestehenden Spannungen innerhalb der Israelitischen Kultusgemeinde in Nürnberg“, schreiben sie unbeirrt in einem Zwischenbericht.[18] Israels Regierung, die längst klargestellt hat, dass Lewin kein Mossad-Mann war und auch nicht Adjutant des Verteidigungsministers,[19] fragt bei den Deutschen nach, weshalb denn nichts vorangehe in dieser Ermittlung. Darauf antworten die Deutschen: Gemach. Die Staatsanwaltschaft halte weiterhin „sowohl persönliche als auch politische Motive für möglich (Tendenz: persönliche Motive)“.[20]

Lange bevor in Nürnberg die Tochter des ersten NSU-Mordopfers, Semiya Şimşek, die Fragen ertragen muss, ob ihr ermordeter Vater eine Affäre gehabt habe, bei Drogengeschäften mitgemacht oder womöglich für die Kurdenpartei PKK spioniert habe, verschicken die Ermittler*innen im Mordfall Lewin eine Tabelle an alle Landeskriminalämter. Thema: Lewins Liebesleben. Dort kann man nachlesen: Eine Scheidung. Eine zweite Ehe in Israel. Ein uneheliches Kind in Frankfurt.[21] Eine vergleichbar gründliche Analyse zur örtlichen Neonazi-Szene findet sich bis dahin nicht in den Akten.

Die Nachrichtenagentur ddp vermeldet am 8. Januar 1981: Der Leitende Oberstaatsanwalt Brunner sei nach genauer Erforschung des Lebens des Ermordeten zu dem Ergebnis gekommen, dass Lewin einen „bunten Lebenslauf“ gehabt habe.[22] Es gebe „Ungereimtheiten“ in Lewins „schillernder“ Vergangenheit, schreiben die Erlanger Nachrichten.[23] Konkret wird Lewins israelische Ehefrau verdächtigt. Der Leitende Oberstaatsanwalt lässt sich mit dem Satz zitieren: „Aus einem vorgefundenen Brief ergibt sich, dass zwischen den Ehepartnern ein tiefgreifender Hass bestand.“[24]

„Schillernde Vergangenheit“

Vieles an dieser Ermittlung erinnert an den NSU. An den entsetzlichen Umgang der Ermittler*innen mit den Opfern der Neonazibande in den 2000er Jahren. Auch dort verdächtigten die Beamt*innen vor allem die meist türkischstämmigen Opfer selbst. Auch dort wähnten sie die Opfer als Inhaber dunkler Geheimnisse. Anstatt das Naheliegende zu erkennen, eine rassistische Mordserie, stellte die Polizei irgendwann die These auf, man habe es mit einer „streng hierarchische Geheimorganisation mit striktem Ehrenkodex“ zu tun. Mit einer Mauer des Schweigens also – auf Seiten der Migrant*innen.

Im Fall von Shlomo Lewin verbreiten die Erlanger Nachrichten schon drei Tage nach dem Mord unter Berufung auf ungenannt bleibende Ermittler*innen: Es könnten orthodoxe Juden dahinterstecken, weil Lewin mit einer Christin zusammengelebt habe.[25] Anfangs verwechseln die Ermittler*innen einmal das Jahr 1911, in dem Lewin geboren wurde, mit dem Jahr 1914, in dem er die deutsche Staatsangehörigkeit erhielt. Auch daraus spinnen sie einen Vorwurf. Nicht einmal beim Alter herrsche Klarheit, so undurchsichtig sei Lewins Leben gewesen. „Seine Familie in Israel“ habe „bisher ebenfalls wenig zur Aufhellung beitragen“ können.[26]

Semiya Şimşek hat sich später an die tiefe Erniedrigung erinnert, die sie empfand, als ihr Vater posthum verdächtigt wurde: „Auf einmal war er der Fremdgeher, auf einmal hat er Drogen nach Deutschland geschmuggelt. Auf einmal hatte er mit der Mafia zu tun. So haben wir jahrelang mit diesen Vorwürfen gelebt.“ Womöglich ist dies ein Teil des Kalküls der Täter*innen gewesen, die sich – hier wie dort – bewusst nicht zur Tat bekannten. Eine heimliche Hoffnung der Neonazis, eine Möglichkeit, die Opfer und ihr Umfeld besonders hart zu treffen. Ihnen sollte signalisiert werden: Ihr seid schutzlos, wir können euch treffen. Die deutschen Behörden werden euch nicht helfen.

Das Bestürzende ist, wenn dies bisweilen stimmt. Als „Bombe nach der Bombe“ haben das im Fall des NSU manche beschrieben. Der Friseur Hasan Yıldırım, vor dessen Geschäft in der Kölner Keupstraße im Jahr 2004 eine Nagelbombe des NSU explodierte, hat später gesagt: „Als raus kam, dass der NSU für diesen Anschlag verantwortlich ist, war meine größte Freude, dass ich nicht mehr zu den stundenlang andauernden Verhören der Polizei musste, weil ich davon wirklich genug hatte und es nicht mehr ausgehalten habe.“

Familienangehörige Shlomo Lewins sprechen nach dem Mord von einer zweiten Hinrichtung, einer totalen Rufzerstörung. Eine „mörderische Hand“ habe Lewin getötet, sagt bei der Trauerfeier am 25. Dezember 1980 ein Cousin, Arie Frankenthal. „Eines steht aber fest: dass diese Hand nicht ruht, sondern sogar nach dem schrecklichen körperlichen Tod auch seine geistige Ermordung, durch die negative Darstellung seiner Person in der Presse herbeiführen will und dadurch auch das Blut seiner Kinder vergossen wird.“[27]

Die Trauergäste stehen an diesem Tag in der Aussegnungshalle des jüdischen Friedhofs von Fürth. Es ist ein jüdischer Friedhof, wie es Hunderte gibt in diesem Land: Die letzte Schändung dieses Ortes liegt damals erst zwei Jahre zurück. Im März 1978 sind in Fürth Grabsteine umgestoßen und mit NS-Parolen beschmiert worden. Im Jahr 1964 haben hier Jugendliche 39 Grabsteine umgeworfen. Im Jahr 1960 haben hier Jugendliche 30 Grabsteine zerschlagen.[28]

Einer der Trauergäste, Josef Jakubowicz, bittet die Polizei, den Sarg nach der Aussegnung ins Polizeipräsidium mitzunehmen. Das Begräbnis soll nicht hier, sondern erst einige Tage später in Israel stattfinden. „Ich hab gebeten“, erinnert er sich später, „dass man soll die Leiche nicht schänden, also bewachen über Nacht.“[29] In Israel begraben zu werden, das hat Lewin zwar nicht selbst gewünscht. Er hat überhaupt kein Testament hinterlassen. Aber seine Freund*innen finden, das sei das Beste.

Josef Jakubowicz ist 1925 in der jüdisch geprägten Kleinstadt Oświęcim in Polen geboren worden. Seine Eltern und Großeltern sind ermordet worden, er selbst hat elf Konzentrationslager überlebt, am schlimmsten sei die Zwangsarbeit bei der Reichsbahn gewesen, „das waren die größten Mörder, was es gibt. Ohne Herz, ohne nichts“. Nach der Befreiung ist er so krank gewesen, dass er nicht mehr recht fortkam aus Deutschland. Er ist ein persönlicher Freund von Shlomo Lewin gewesen. Eine Zeit lang hat er eine Videothek betrieben.[30]

„Sie haben alle befragt. Mich. Meinen Sohn. Alle.“

Zur Trauerfeier sind auch einige Beamt*innen des Landeskriminalamts gekommen. Sie sehen sich die Trauergäste an, und sie laden den Kantor, also Vorbeter, der Gemeinde zu einer Befragung vor. Sein Name ist Baruch Grabowski. Heute darauf angesprochen, reagiert er mit einem nachsichtigen Lächeln. Er fand es nicht schlimm, dass die Polizei ihn damals verdächtigte, sagt er, „sie hat jeden verdächtigt“.

Er habe den Beamt*innen erklärt, was er denke. „Ich kann von meiner Seite sagen: Von allen Menschen in der Gemeinde, die ich kenne, ist keiner verdächtig.“ Die Tatsache, dass der Mörder „wie ein kühler Killer“ auch die Frau Poeschke ermordet habe, spreche dagegen, dass so etwas irgendein Mensch aus persönlichen Gründen machen würde. „Selbst wenn Leute sich nicht mögen.“[31]

Grabowski ist Argentinier. Er ist 1969 gemeinsam mit seiner Frau, einer Opernsängerin, nach Europa gekommen. Während sie Engagements an großen Häusern in Madrid, Brüssel und Paris hatte, suchte er nach einer Anstellung in einer Synagoge. Dabei wäre ihm jedes Land dieses Kontinents lieber gewesen als Deutschland, erinnert er sich. Als er nach langer Suche nur ein einziges Angebot bekam, aus Nürnberg, habe er mit sich gerungen. Seine Familie in Argentinien sei entsetzt gewesen. Schlimm genug, dass es Deutschland war. Aber dann auch noch die Stadt der Rassengesetze. Die Stadt der Reichsparteitage.

Es war ein Onkel, der schließlich den Ausschlag gab, erinnert sich Grabowski. Er riet: „Weißt du, wir sind Juden, und wir haben die Pflicht zu zeigen, trotz der Geschichte, trotz aller Verfolgungen: Wir sind da.“ Lamrot hakol, sagt Grabowski auf Hebräisch. Das heißt: trotz alledem. Es ist eine Art Credo geworden. „Das hat mir Kraft gegeben.“

Die Ermittler*innen wollen wissen, wo er in der Tatnacht war. Wie gut kannte er Shlomo Lewin? Was war sein erster Gedanke, als er von dem Mord hörte? Die Fragen stellen sie jetzt vielen, auch Josef Jakubowicz. „Sie haben alle befragt“, sagt der später. „Mich. Meinen Sohn. Alle.“[32]

Die Ermittler*innen tauchen sogar am Arbeitsplatz einzelner Juden auf, den damals 30 Jahre alten Henry Majngarten, den Vorsitzenden des jüdischen Fußballclubs Bar Kochba e.V., holen sie mittags in einem Nähbetrieb in Fürth ab. Er ist in der Mordnacht in Erlangen unterwegs gewesen, das macht ihn verdächtig. Die Vernehmung dauert bis Mitternacht, „dann hatte ich alle meine Freunde erreicht, die bezeugen konnten, wo ich an dem Abend war“, erinnert sich Majngarten.[33] Später ist er nach Israel ausgewandert, wo er bis heute lebt.

Wehrsportgruppe Hoffmann

Als die Ermittler*innen schließlich den Blick in die rechtsextreme Szene richten, kommen sie viel zu spät. Dabei hat es von Beginn an eine heiße Spur dorthin gegeben. Direkt neben der Leiche von Shlomo Lewin auf den Fliesen im Eingang der Wohnung hatte eine Sonnenbrille gelegen, vom Mörder leichtsinniger Weise fallen gelassen. Eingraviert im Bügel steht: „Schubert Modell 27“. Die Herkunft ist eindeutig. Die Optikerfirma Schubert hat ihren Sitz in Heroldsberg bei Erlangen, Sofienhöhe 6. Bewohner des Nachbarhauses – Sofienhöhe 5 – war jahrelang und polizeilich ordnungsgemäß gemeldet: der Neonazi-Anführer Karl-Heinz Hoffmann.

Der Chef der Wehrsportgruppe Hoffmann beschäftigt Polizei und Justiz schon lange. Als eine italienische Illustrierte, Oggi, einmal ein üppig bebildertes Porträt über ihn veröffentlicht, eine filmreife Gestalt mit Kaiser-Wilhelm-Bart und einem Puma als Haustier, der mit einer Schar seiner Getreuen auf Schloss Ermreuth 14 Kilometer bei Nürnberg lebt – da stellt sie Shlomo Lewin als dessen örtlichen Gegenspieler dar.

Die Brille ist eine Sonderanfertigung, wie sich herausstellt. Der Optiker hat sie Hoffmanns Lebensgefährtin geschenkt. Mit dieser Sonnenbrille und eine Perücke verkleidet hat Hoffmanns rechte Hand, sein „Unterführer“ Uwe Behrendt, offenbar den Mord ausgeführt. Aber erst im Mai, ganze fünf Monate nach der Tat, beginnen die Ermittlungen gegen die Wehrsportgruppe Fahrt aufzunehmen.

Erst acht Monate nach dem Doppelmord, am 20. August 1981, erlässt das Amtsgericht Erlangen einen Haftbefehl gegen Uwe Behrendt, „z. Zt. Unbekannten Aufenthalts“. Da hat die Neonazigruppe ihn längst außer Landes gebracht, in ein palästinensisches Ausbildungslager im Libanon. Bald heißt es, er habe Suizid begangen.

Erst 1984 beginnt ein Prozess gegen Hoffmann als mutmaßlichen Auftraggeber des Mordes, da sind die Richter auf das angewiesen, was der Neonaziführer ihnen zu erzählen bereit ist, ein Schwadroneur, der kokettiert, sein Ruf als „Judenfresser“ sei weit übertrieben. Es ist eine hübsch glatte, eine für ihn selbst weitgehend entlastende Geschichte: Der junge Kamerad Uwe Behrendt habe auf eigene Faust gemordet.[34] Ein Einzeltäter. Niemand wird je für den Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke belangt.

Als das Landgericht Nürnberg-Fürth 1986 sein Urteil spricht, in dem es Hoffmann lediglich wegen einiger anderer, von dem antisemitischen Doppelmord unabhängiger Punkte schuldig spricht, nehmen die Medien schon kaum mehr Notiz. Hängen bleibt bei vielen ein Bild, das die Ermittler*innen mit mehr als 1.000 Zeugenvernehmungen und zahllosen Mutmaßungen in den Medien in die Welt gesetzt haben: Was soll man machen. Jetzt bringen die Juden sich schon gegenseitig um. Die Tat sei „bis heute nicht geklärt“, schreiben die Erlanger Nachrichten noch zum zehnten Todestag Lewins im Jahr 1990. In dem Artikel findet sich kein Wort über Rechtsradikale. Nicht einmal ein Wort darüber, dass Lewin zu Lebzeiten Anfeindungen als Jude ausgesetzt war.[35]

Den beiden Terroropfern geschieht kurz gesagt, was leicht auch den Opfern des NSU hätte widerfahren können, hätte sich der NSU nicht 2011 spektakulär selbst enttarnt. Sie geraten in Vergessenheit.

[1]      Sachstandsbericht Bayerisches Landeskriminalamt/Soko „Erlangen“ v. 24.12.1980, Akte des Bundesinnenministeriums, Bundesarchiv Koblenz B106 10700 10 II 2A U.2.05 256
[2]     Vermerk BMI-Regierungsdirektor Siegele v. 20.12.1980, Akte des Bundesinnenministeriums a.a.O. (Fn. 1)
[3]     Sachstandsbericht Polizeidirektion Erlangen, Fernschreiben Nr. 900 v. 19.12.1980, Akte des Bundesinnenministeriums a.a.O. (Fn. 1)
[4]     So die Titelseite der Erlanger Nachrichten (insoweit identisch mit den auflagenstarken Nürnberger Nachrichten, die sich wichtige redaktionelle Inhalte teilen), 20./21.12.1980. In derselben Ausgabe heißt es auf S. 15 unter der Überschrift „Spekulationen über das Mordmotiv“: „Entgegen aller Dementis, so erfuhr dpa aus einer ‚zuverlässigen Quelle‘, soll Levin ‚Anfang der 60er Jahre‘ doch im Umkreis Dajans tätig gewesen sein. Daß sich weder der Ex-Verteidigungsminister, noch hohe Ministerialbeamte in Tel Aviv jetzt an einen Shlomo Levin erinnern können, würde der üblichen Praxis von Nachrichtendiensten nach der Enttarnung eines Agenten entsprechen. Anzeichen dafür, daß der ehemalige Offizier Levin für den Geheimdienst ‚Mossad‘ tätig gewesen sein könnte und als solcher von Palästinensern erkannt worden ist, würden die Theorie eines politischen Anschlags untermauern.“ Artikel dieser und anderer Lokalzeitungen zum Mordfall Lewin/ Poesch­ke sind gesammelt im Archiv des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB e. V.), Nürnberg.
[5]     Die Familiengeschichte und der berufliche Werdegang Lewins ergeben sich aus einem Schreiben der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg an den Regierungspräsidenten von Mittelfranken vom 8.1.1976 sowie aus den Manuskripten der Trauerreden, die am 25.12.1980 auf Lewin gehalten wurden, Stadtarchiv Erlangen, III.181.L.1.
[6]     Sachstandsbericht Bayerisches Landeskriminalamt/Soko „Erlangen“, 20.12.1980, Akte des Bundesinnenministeriums a.a.O. (Fn. 1)
[7]     ebd.
[8]     „Ermordeter Levin war für die Polizei kein Agent“, ddp v. 8.1.1981
[9]     Anonymes Schreiben (gezeichnet „Schinderhannes“), datiert „Deutschland, den 20.12.80“, Stadtarchiv Erlangen, III.181.L.1
[10]   „Viele Fragezeichen im Leben des Shlomo Lewin – Nach dem Tod des jüdischen Verlegers wird über Ungereimtheiten seiner schillernden Vergangenheit gerätselt“, Erlanger Nachrichten v. 22.12.1980
[11]    Wanninger wurde am 7.1.2010 für ein Filmprojekt des ISFBB e. V. interviewt.
[12]   Dokumentarfilm „Propaganda, Hass, Mord. Die Geschichte des Rechten Terrors“, Erstausstrahlung: ARD, 26.3.2012, abrufbar über Youtube.
[13]   Brief Leitender Oberstaatsanwalt Dr. Brunner an Generalstaatsanwalt Nürnberg, 31.3.1981, S. 6, Akte des Bundesinnenministeriums a.a.O. (Fn. 1)
[14]   Fernschreiben Bundesministerium des Innern (BMI) an Auswärtiges Amt (AA), 9.1.1981 („Bezug: Anfrage der Botschaft Tel Aviv“), Akte des Bundesinnenministeriums a.a.O. (Fn. 1)
[15]   „Ermordeter Levin …“ a.a.O. (Fn. 8)
[16]   Interview auf zeitzeugen-portal.de. Arno Hamburger ist 2013 verstorben.
[17]   „Ermordeter Levin …“ a.a.O. (Fn. 8)
[18]   Fernschreiben BMI an AA, 9.1.1981, a.a.O. (Fn. 14)
[19]   Fernschreiben Deutsche Botschaft Tel Aviv an AA, 22.12.1980, Akte des Bundesinnenministeriums, a.a.O.
[20] Fernschreiben BMI an AA, 9.1.1981, a.a.O. (Fn.15)
[21]   Sachstandsbericht Bayerisches Landeskriminalamt/Soko „Erlangen“, 24.12.1980, Akte des Bundesinnenministeriums a.a.O. (Fn. 1)
[22]   „Ermordeter Levin …“ a.a.O. (Fn. 8)
[23]   „Viele Fragezeichen …“, a.a.O. (Fn. 10)
[24]   Sachstandsbericht des Leitenden Oberstaatsanwalts Dr. Brunner an den Nürnberger Generalstaatsanwalt, 30.12.1980, S.5, Akte des Bundesinnenministeriums, a.a.O. (Fn. 1)
[25]   „Viele Fragezeichen“, a.a.O. (Fn. 10)
[26]   ebd.
[27]   Manuskript der Trauerrede, Archiv des ISFBB e.V., Nürnberg
[28]   vgl. die Chronik antisemitischer Gewalttaten in Deutschland seit 1945 in: Steinke, R.: Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt, Berlin 2020, S. 149-238
[29]   Josef Jakubowicz wurde am 7.1.2010 für ein Filmprojekt des ISFBB e. V. interviewt. Er ist 2013 verstorben.
[30] ebd.
[31]   Interview durch den Verf. am 14.2.2020
[32]   Interview-Aufnahme des ISFBB e.V.
[33]   Telefonisches Interview durch den Verf. am 27.1.2020
[34]   „Chef, ich hab den Vorsitzenden erschossen“, Der Spiegel v. 19.11.1984
[35]   „Gott wird sein Blut rächen“, Erlanger Nachrichten v. 19.12.1990

Beitragsbild: Janericloebe, Erlangen Lewin-Poeschke-Anlage 002, CC BY 3.0

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