Was bietet der Sicherheitsmarkt? Ein digitaler Messebesuch

Auch für die Polizeien findet der technische Fortschritt vor allem im Feld der Digitalisierung statt, der in kleinen Schritten fast alle Bereiche kriminalistischer Arbeit erreicht. Neue Instrumente und Verfahren stehen auf einem globalen Markt zur Verfügung, der sich gleichermaßen an Polizeien, Geheimdienste und Militärs richtet. Die gesteigerten Überwachungsoptionen sind durch den Verweis auf Geschäftsgeheimnisse geschützt; inwieweit die Angebote von wem wahrgenommen werden, ist weitgehend unklar.

In „Marktwirtschaften“ entstehen Innovationen durch die Anstrengungen privatwirtschaftlicher Akteure. Dieser liberale Glaubenssatz gilt für Innovationen, die den Bereich der staatlichen Sicherheitsgewährung betreffen, nur eingeschränkt. Denn „Innovationen“ kommen hier aus den Behörden selbst, oder sie werden in öffentlichen Forschungseinrichtungen entwickelt oder in privaten Unternehmen oder in unterschiedlichen „Joint ventures“ der genannten drei Akteursgruppen. Trotz dieser Relativierung ist die privatwirtschaftliche „Sicherheitsbranche“ wahrscheinlich der Ort, an dem technische Innovationen am ehesten zur Marktreife und an die Kund*innen gebracht werden können.

Der Markt für technische Lösungen oder Hilfsmittel, die den Sicherheitsbehörden bei der Bewältigung ihrer Aufgaben helfen sollen, ist unübersichtlich. Das hängt mit dem breiten Kreis der Adressat*innen zusammen: Ordnungsbehörden, Polizei, Geheimdienste, Militär. Und es hängt auch mit den unterschiedlichen Aufgaben (Gefahrenabwehr, Strafverfolgung, Katastrophenschutz, vorbeugende Aktivitäten) zusammen. Die Unübersichtlichkeit wird dadurch gefördert, dass es sich um einen Markt mit globalen Anbieter handelt. Schließlich ist zu bedenken, dass es um „Wettbewerber*innen“ geht, deren Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit dadurch begrenzt wird, dass sie (ihren Konkurrent*innen) keine „Betriebsgeheimnisse“ offenbaren wollen. Diese Verschwiegenheit der Hersteller*innen korrespondiert mit derjenigen der Sicherheitsbehörden, die durch eine „zu gut“ informierte Öffentlichkeit ihr eigenes Handeln gefährdet sehen. Schließlich soll auch das „polizeiliche Gegenüber“ über die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Behörden im Unklaren bleiben.

In dem unscharf zu umreißenden Anbieterfeld fällt die systematische Suche nach technischen Innovationen schwer. Als ein exemplarischer Zugang dient im Folgenden ein digitaler Rundgang über einschlägige Messen. „Digital“ muss dieser Rundgang bleiben, weil die Messen exklusiv für legitimiertes Personal aus den adressierten Administrationen, Organisationen und Branchen sind. Wer nicht zu den zugelassenen Journalist*innen gehört, der bzw. dem bleibt nur der Weg über die Messekataloge und die dort ausgewiesenen Homepages der ausstellenden Anbieter. Dieser Weg wurde für diesen Beitrag beschritten.

GPEC®

Die Suche nach Märkten für Sicherheitsprodukte in Deutschland landet schnell bei der „GPEC General Police Equipment Exhibition & Conference®“. Unbeschadet ihres englischen Titels, handelt es sich um eine deutsche Messe, die mit internationalem Anspruch seit dem Jahr 2000 im zweijährigen Abstand stattfindet. Veranstalter ist die „EMW Exhibition & Media Wehrsteht GmbH“, die auch die Zeitschrift „Polizei – Verkehr – Technik“ (pvt) herausgibt. Die kommende GPEC®, die vom 6. bis 8. Mai 2024 in Leipzig stattfinden wird, kündigt sich auf ihrer Homepage als die „einzig geschlossene, alle Sach- und Ausrüstungsgebiete der Inneren Sicherheit umfassende“ Messe an; sie sei „die nationale und internationale Informations- und Netzwerkplattform für Entscheider, Beschaffer, Techniker, Trainer, Endanwender und Anbieter“.[1] 2019 wurde die „GEPC® digital“ ins Leben gerufen, die sich exklusiv der „Digitalisierung für die Innere Sicherheit“ widmet. Nach der Nachfolgemesse 2023[2] wird die Spezialmesse in diesem Jahr als Teil der GEPC® in Leipzig stattfinden.

Wie der Name andeutet, wird die Ausstellung von einer Reihe von Foren, Workshops und Tagungen begleitet. U. a. treffen sich an den Tagen der Messe einige einschlägige polizeiliche Arbeitskreise, z. B. die Leiter*innen der (für die Technikausstattung zuständigen) Zentralen Polizeilichen Dienste aus Bund und Ländern oder der Unterausschuss „Führung, Einsatz, Kriminalitätsbekämpfung“ des Arbeitskreises II der Innenministerkonferenz oder die Frühjahrstagung der „Arbeitsgemeinschaft der Polizeipräsidentinnen und Polizeipräsidenten in Deutschland“.[3] Jenseits von Innovationen und Geschäften stellt die Messe in jedem Fall ein zweijährliches Vernetzungs-Ereignis dar. Da traditionell der Landesinnenminister, in dessen Bundesland die Messe stattfindet, die Schirmherrschaft übernimmt, hat die Veranstaltung den Segen des Dienstherrn.

Die GPEC® zeigt viel Polizeitechnik, aber sie präsentiert keine Waffen. An Waffen Interessierte müssen in diesem Jahr nach Nürnberg. Dort werden die „Angehörige[n] von Behörden mit Sicherheitsaufgaben und der Streitkräfte“ für Ende Februar zur „Enforce Tac 2024“ eingeladen. Adressiert ist diese ebenfalls geschlossene, jährlich stattfindende Messe an Polizeien, Streitkräfte, Geheimdienste, Ministerialbedienstete, Diplomat*innen etc. Als Schirmherr fungiert der Bayerische Innenminister.[4] Während die GPEC® einen zivilen Charakter hat, ist die Enforce Tac deutlich militärischer geprägt. Durch die Zusammenschau beider Messen kann das Bild ein wenig vollständiger werden.[5]

Profile

Mitte Januar 2024 waren für die GPEC® 251 Aussteller aus 23 Staaten gemeldet. Zwei Jahre zuvor hatten 503 Aussteller aus 32 Ländern ihre Angebote präsentiert. Nach der Auswertung des Messeveranstalters zeigten über 40% der Aussteller Produkte aus dem Bereich Informations- und Kommunikationstechnik, inkl. Biometrie, Bildanalysen, Telekommunikationsüberwachung etc., knapp 20% entfielen auf Fahrzeuge, inkl. Drohnen und Verkehrstechnik, 17% auf Bekleidung, Körperschutz, nicht-letale Wirkmittel etc., 11% auf Forensik, ABC-Schutz, Betäubungsmittelnachweis etc. und knapp 10% auf Aus- und Fortbildung inkl. Simulation, videogestützte Trainings etc. 57% der insgesamt „mehr als 7.000 Teilnehmer aus 55 Staaten“ der GPEC® 2022 kamen aus der Polizei, 5% arbeiten beim Grenzschutz, 8,5% beim Zoll. Fast 20% kamen aus Ministerien, Botschaften, Kommunen, 4,2% aus dem Militär und nur 2% von „Staatliche[n] Informations- und Sicherheitsdienste[n]“, also aus den Geheimdiensten.

Auf der Enforce Tac 2023 stellten 540 Aussteller aus; gezählt wurden 7.235 Besucher*nnen; 52% stammten aus dem Ausland (aus ingesamt 78 Ländern). 41% der Besucher*innen arbeiteten bei der Polizei (+ 6% bei Zoll und Grenzschutz), 25% kamen aus dem Militär und 18% waren Zulieferer bzw. Hersteller. 2024 bietet die Messe ein „Enforce Tac Village“, in dem Aussteller ihre Produkte „unter realistischen Bedingungen im Verbund mit Produkten anderer renommierter Hersteller im Rahmen taktischer Szenarien“ präsentieren können.[6] Aus der Preisliste ist ersichtlich, was gezeigt werden kann: von der ABC-Schutzausrüstung über nicht-letale Waffensysteme, Tarnmittel und Drohnen bis zur Wärmebild und Videotechnik. Enforce Tac bietet zudem einen eigenen Videokanal. Aus den beiden letzten Messen wurden dort insgesamt 32 Videos hochgeladen.[7]

Innovationen?

Angesichts der Vielzahl der Ausstellenden und der vielen präsentierten Produkte in sehr verschiedenen Feldern ist es für Externe kaum möglich, besondere Innovationen zu entdecken. Bekannte Anbieter präsentieren sich eher unauffällig in der Menge – etwa der Taser-Hersteller Axon auf beiden Messen oder die Software-Schmiede Palantir (nur) auf der EPEC®. Statt systematisch kann die Suche nach neuester Technik nur über ausgewählte (und eher zufällige) Zugänge erfolgen. Im Folgenden werden drei Wege gewählt: 1. Was pries die GPEC® 2022 selbst als Neuheiten auf der Messe an? 2. Was versprechen die Anbieter, die sowohl auf den GPEC® 2022 und 2024 wie auf der Enforce Tac 2024 präsent waren bzw. sein werden? 3. Wer wirbt in bürgerrechtlich relevanten Bereichen für die GPEC® 2024 mit besonderen Neuerungen?

Auf der GPEC® 2022 wurden 21 Neuheiten auf der Homepage besonders herausgehoben: Fünf Neuerungen betrafen die polizeiinterne Kommunikation, von einem mobilen Internetzugang bis zur verbesserten Antenne für Polizeifahrzeuge. Vier Produkte bezogen sich auf die Aufdeckung und den Umgang mit Gefahrstoffen (mobile Erkennungsgeräte und Dekontamination) und jeweils drei Angebote galten Einsatzfahrzeugen sowie Bekleidung und Schutzausstattung (vom ballistischen Helm bis zum Gehörschutz). Neben dem Hinweis auf eine besonders starke Taschenlampe und einen Hand-Laser zur Geschwindigkeitskontrolle enthält die Liste der Innovationen noch vier Angebote, die der Überwachung dienen: eine Software zur Identifizierung von Transaktionen mit Kryptowährungen (Herstellen: Cognyte), eine mit Hochleistungssensoren ausgestattete Drohne für Kameraflüge (DJI Enterprise), eine miniaturisierte Antenne für den getarnten Einsatz (VIMCOM AG) und ein Lasermikrofon, das den Schall auf „schwingfähigen Oberflächen“ erfasst (Secure Information Management), also etwa das Abhören über geschlossene Fenster erlaubt. Die vier zuletzt Genannten zeigen exemplarisch die Reichweite der Anbieter: von Firmen, die in ihrem allgemeinen Sortiment auch spezifische Angebote für die Sicherheitsagenturen bereitstellen (etwa der Schweizer Antennenhersteller VIMCOM[8] oder der weltweit tätige Drohnenhersteller DJI[9]) bis zur exklusiven Produzenten für die staatlichen Sicherheitsorgane, wie „SIM Secure Information Management“ (Firmensitz in Neustadt an der Weinstraße mit Niederlassung Singapur für den asiatisch-pazifischen Raum), die sich als „a professional partner for law enforment agencies GmbH“ beschreibt,[10] oder die israelische Cognyte, die sich als weltweit führender Hersteller von analytischer Software für „Regierungen und andere Organisationen“ präsentiert.[11]

Mehrfach präsente Anbieter

Eine vergleichsweise kleine Gruppe (20-25) von Anbietern war auf der GPEC® 2022 präsent und ist für die Folgemesse in diesem Jahr und für die Enforce Tac 2023 angemeldet. Neben Großhändlern mit einem breiten Sortiment (z. B. den Behördenausstatter ETZEL), Anbietern von Kleidung und technischen Hilfsmitteln (von Rucksäcken bis Erste-Hilfe-Sets und forensischen Apparaturen) oder Hersteller von Spezialfahrzeugen und -ausrüstungen verwundert nicht, dass es Anbieter gibt, die zugleich den zivilen und militärischen Bedarf decken wollen, etwa die Firma Elbit-Systems (aus Ulm), die Kommunikationsüberwachung und Drohnen herstellt, oder die Firma Mehler (aus Fulda), die Körperschutzausrüstungen und Fahrzeugschutz anbietet. Verstörend wirkt allerdings die GPEC-Beteiligung von Precision Technic Defense GmbH (Niederlassungen in europäischen Ländern, den USA und Australien), deren Internetauftritt unter dem Motto „Next Generation War Fighter“ steht:[12] Was ist hier die Botschaft für die polizeilichen Anwender*innen?

Unter den auf allen drei Messen Ausstellenden sind vier Anbieter von Überwachungstools. Der Leistungskatalog von Titan electronic (aus Österreich) zielt auf den Zugangsschutz von Gebäuden und Datensystemen.[13] Davis Daten und Videosysteme GmbH aus dem hessischen Dieburg wirbt mit verbesserter Video-Hardware. [14]  Die in der Türkei gegründete und weltweit tätige EKIN Smart City Solutions entwickelt und baut Systeme der Überwachung des öffentlichen Raumes in Städten mithilfe von „Video, Audio und anderen Sensoren“. Neben der Überwachung des fließenden und ruhenden Verkehrs, erlauben die EKIN-Instrumente auch die Überwachung von Personen.[15] Die Münchener Firma Rohde & Schwarz GmbH & Co. KG bietet u. a. Funküberwachungs- und Ortungstechnik an.[16] Als eines der wenigen Unternehmen gibt die Homepage Auskunft über laufende Forschungen: Kurz vorgestellt wird nur das Projekt „QuaRaTe“, das – gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung – gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, der Technischen Universität München und dem Walther-Meißner-Institut durchgeführt wird. Das Projekt will durch Nutzung der Quantentechnologie die Reichweiten von Radarüberwachungen erhöhen.

Digitalisierung

Mitte Januar waren auf der GPEC®-Homepage für 2024 rund 250 angemeldete Aussteller gelistet. Im kursorischen „Durchklicken“ der angebotenen Links in der Aussteller-Liste zeigt sich eine erwartbare breite Produktpalette, die von Angebot forensischer Verbrauchsmaterialen, über Bekleidung bis hin zu Sonderfahrzeugen oder Möbeln reicht.[17] Nur selten sind Anbieter von Waffenzubehör oder Hilfsmitteln körperlicher Gewalt vertreten. Entsprechend dem bereits 2022 festgestellten „Aussteller-Profil“ bieten die meisten Firmen Produkte im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien an. Dabei handelt es sich zum einen um Hard- und Software zur Sicherung polizeilicher Daten vor unbefugtem Zugriff sowie um die Verbesserung der innerpolizeilichen Kommunikation. Zum anderen preist eine Reihe von Unternehmen ihre besonderen Kompetenzen im Bereich der Datenzusammenführung und Datenanalyse an. Einige Produkte beziehen sich offenkundig auf Ermittlungen unterstützende Leistungen, etwa zur Analyse von Videomaterial, bei anderen handelt es sich um Instrumente der datengestützten Verdachtssuche.

In den Kurzportraits der Anbieter werben nur wenige explizit mit Neuerungen, auch wenn deren Bedeutung unklar bleibt: Die Firma bayIT wirbt für die neueste Version ihres Datensicherungssystems „Falcon Neo 2“; die dänische Covidence – „der weltweite Marktführer für Audio- und Videoermittlungstechnik im Miniaturformat“ – verspricht die „neueste Technologie“ mit „leichter Bedienbarkeit, sehr hoher Qualität und vielfältiger Einsetzbarkeit“; „neue Firmware“ verspricht auch EBS-Eletronik für die von ihr angebotenen Ortungssysteme; zu forensischen Untersuchungen (Dokumente, Fingerabdrücke …) bietet Foster+Freeman Geräte der „neuesten Generation“ an; und schließlich möchte Mangold International GmbH die Vernehmungs- und Simulationsräume „mit neuester Computer-/Audio-/Videotechnik“ ausstatten.

Anbieter, die Werkzeuge zu digitalen Ermittlungen versprechen, müssen per se „neues“ anbieten, denn angesichts der rasanten Entwicklung wären alle Produkte, die nicht auf dem neuesten Stand sind, unbrauchbar. Um die Reichweite der Versprechen zu illustrieren sollen exemplarisch zwei Unternehmen kurz erwähnt werden:

Maltego, eine global tätige Firma, die mittlerweile ihren Stammsitz in München hat, stellt sich als „die weltweit am häufigsten genutzte Cyber-Untersuchungsplattform“ vor.[18] Das Werbevideo verspricht, den Ermittlungsaufwand um 80% zu reduzieren. Die Software füge Daten aus dem (offenen) Internet, dem Deepnet und dem Darknet zusammen mit polizeiinternen Daten, ermögliche, verborgene Beziehungen aufzudecken, und stelle die Ergebnisse in übersichtlichen Visualisierungen dar.[19] Die Homepage wirbt nicht nur u. a. mit dem Logo von Interpol, sondern auch mit dem Zitat eines Beamten des Bundeskriminalamtes, das das System seit 2016 nutze. Maltego sei „ein unentbehrliches Instrument zur Verbrechensbekämpfung für die neue Generation von Polizisten“ geworden.

Während die deutsche INNOSYSTEC über ihre „leistungsstarke Anwendung“ SCOPE zur Big Data-Analyse auch auf ihrer Homepage nichts verrät,[20] gibt die aus Israel stammende Firma Cowebs Technologies etwas mehr preis.[21] Als „ein weltweit führender Anbieter von KI-gestützter Open-Source-Intelligence (OSINT), verfolge das Unternehmen die „Mission … globale Gemeinschaften und Organisationen vor Kriminalität, Bedrohungen und Cyber-Angriffen zu schützen“. Als Kund*innen umwirbt die Firma Unternehmen, Finanzinstitute, Regierungen und die Einrichtungen der Strafverfolgung. Für die Strafverfolgung wird eine Plattform zur automatisierten Internet-Recherche ebenso angeboten wie Intelligence-gestützte Risikoanalysen, die Aufdeckung von Gefährdungen für die öffentliche Sicherheit und die Früherkennung von und Reaktion auf Katastrophen. Das System sei von „Geheimdienst- und Sicherheitsexperten“ entwickelt worden; bezüglich genutzter Datenquellen und der Ergebnispräsentation in Grafiken decken sich die Versprechungen mit dem, was Maltego anbietet.

Verdeckte Überwachungen

Die Messe-Aussteller bieten auch ein reiches Angebot an Überwachungsinstrumenten. Bereits die verbesserten Auswertungsmöglichkeiten, etwa von Videoaufnahmen von der Firma Videmo, oder die Erfassung von Kennzeichen, z. B. im Angebot von Adaptive Recognition aus Ungarn, oder die Endoskope von TITAN (aus Taiwan), die die Erkundung von Hohlräumen erlauben, stellen Elemente intensivierter Überwachungsoptionen dar – jenseits derjenigen Überwachung, die aus der o. g. Durchsuchung und Auswertung der Datenströme resultiert. Darüber hinaus gibt es Anbieter, die gezielt für verdeckte Datenerhebungen produzieren. PRO4SEC ist ein kroatischer Hersteller von „verdeckten Überwachungslösungen für militärische, bundesstaatliche und nationale Überwachungsexperten“. Auf ihrer Homepage werden „Geheimdienstmitarbeiter“ als die eigentlichen Abnehmer ihrer Produkte genannt. Für „sensitive verdeckte Operationen“ soll die Überwachung mittels Modifikationen elektronischer Bauteile (SMD) erfolgen.[22] Ein „Videoequipment für den verdeckten Einsatz von Polizei, Militär und Regierungsbehörden“ bietet die britische Claresys Ltd. an. Selbst bei „schwierigen Rahmenbedingungen“ leiste die „Spezialoptik“ klare Bilder. Die Bilder sind kompatibel mit den Systemen der dänischen Covidence-Gruppe (dem Miniaturformat-Hersteller, s. o.), zu dem die Firma mittlerweile gehört.[23]

Einige Tendenzen

Wo sich im vielfältigen Angebot qualitativ bedeutsame Innovationen verbergen und von wem sie entwickelt und auf den Markt gebracht werden, das müssten die (Polizei-)Praktiker*innen entscheiden. Soweit ersichtlich, hüllen sich diese in Schweigen. Für außenstehende Beobachter*innen zeigen sich zunächst wenig überraschende Ergebnisse: Für weite Felder polizeilicher Tätigkeiten werden digitalisierte Lösungen angeboten. Das betrifft die interne Kommunikation, die (klassische) Forensik, die als IT-Forensik bezeichnete Aufdeckung und Identifizierung digitaler Spuren, aber auch Vorgangsverwaltung, Ermittlungsunterstützung bis zu Tools zur verdeckten Überwachung und Instrumenten digitalisierter Verdachtsschöpfung. In dem Maße, wie der gesellschaftliche Austausch über Datenströme erfolgt – von E-Commerce und E-Banking bis zu Messenger-Diensten und Sozialen Medien –, werden die digitalen „Hilfsmittel“ wichtiger für die kriminalistische Arbeit. Weil digital gestützte Handlungen oder Kommunikationen leichter zu überwachen sind, nimmt die Kontrolldichte zu. Gleichzeitig werden Richtung und Ergebnisse der Ermittlungsarbeit stärker von den eingesetzten Technologien determininert: die Sensitivität der Detektionsapparate bestimmt, was entdeckt werden kann, die Algorithmen bestimmen, was als verdächtig erscheint.

Gegenüber den Neuerungen versprechenden Angeboten in den Feldern von (digitalisierter) Informations- und Kommunikationstechnik fallen die Angebote sonstiger technischer Innovationen deutlich zurück. Für verbesserte Schutzkleidung oder neue Spezialfahrzeuge wird geworben. Aber die Änderungen aus der jüngeren Vergangenheit (vom Tonfa über den Taser bis zu den Body Cams) finden sich zwar in den Sortimenten, werden aber kaum besonders gepriesen. Für diese Gebiete, wie für die digitalen Instrumente gilt, dass Neuerungen in kleinen Schritten die „Polizeitechnik“ verändern. Nicht große Innovationen bestimmen die Entwicklung, sondern kleinere „Verbesserungen“ in dieselbe Richtung.

Nur ausnahmsweise ist bekannt, welche Polizei in Deutschland welche Technik/Instrumente einsetzt. Insofern erlaubt der Blick auf den Markt der Anbieter keine Aussagen über die Polizeipraxis, sondern nur darüber, was den Polizeien zur Verfügung steht. Zwei Merkmale des auf den Messen präsentierten Angebots deuten jedoch auf Folgen für die Polizeipraxis, die fast unabhängig von der Nutzung der Techniken sind.

Erstens werden häufig Instrumente und Verfahren angeboten, die als „triple use“ bezeichnet werden können, weil sie Polizeien/Strafverfolgungsbehörden, Geheimdiensten und dem Militär zugleich angeboten werden. Die Anbieter verkaufen Technik (etwa zum Filmen/Abhören) oder Verfahren (etwa zur Internetkontrolle), die in allen Kontexten einsetzbar sein sollen. Mit anderen Worten: Eine Technik, die unabhängig von Zwecken und Zielen einsetzbar ist, und die die Trennung unterschiedlicher Ausprägungen des staatlichen Gewaltmonopols ignoriert.

Mit der Fiktion einer quasi politisch neutralen Technik hängt das zweite Merkmal zusammen. In keiner der Kurzportraits der Anbieter (und ihrer Homepages) tauchen die Begriffe Bürgerrechte oder Grundrechte auf. In seltenen Ausnahmefällen wird auf den Datenschutz hingewiesen, der selbstverständlich in den mit den Anwendern zu besprechenden Konfigurationen berücksichtigt werde. Dass ein Unternehmen sich und seine Produkte etwa als besonders bürger*innenfreundlich, als datenschonend oder diskriminierungshindernd bewirbt, das kommt nicht vor. Rechtsstaatliches „human rights washing“ scheint hier niemand nötig zu haben.

Die Einseitigkeit des Marktes wird bei der Enforce Tac besonders deutlich. Durch die Überschneidung mit dem Militär als Adressaten ist das Bild des Kriegers dominant, der mit den entsprechenden Instrumenten auszustatten ist. Vom Krieg zwischen Staaten ist es dann nur ein kleiner Schritt zum Krieg gegen den Terror, gegen den Drogenschmuggel oder den Menschenhandel. Dass die Technik auf der Seite der Guten steht, dass sie allein dazu da ist, deren Kapazitäten gegenüber denen zu erhöhen, die (vermeintlich oder tatsächlich) gegen die herrschenden Regeln verstoßen – diese Dichotomie zwischen Freund und Feind liegt dem Verkaufsmodell der Sicherheitsbranche zugrunde. Fraglich, ob die Kund*innen dieser Botschaft widerstehen, denn auch bei ihnen ist der Topos der „Waffengleichheit“ mit allen modernen technischen Möglichkeiten nutzenden Kriminellen und Terrorist*innen fest verankert.

[1]   www.gpec.de

[2]   www.gpecdigital.com

[3]   www.gpec.de/#undefined4

[4]    www.enforcetac.com

[5]    Obwohl beide Messen wegen des Umfangs und des Adressat*innenkreises besonders interessant erscheinen, bieten sie nur einen Ausschnitt aus den Angeboten. Zum Spektrum des einschlägigen Messegeschehens s. www.sicherheit-das-fachmagazin.de/sicherheitsmessen.

[6]    www.enforcetac.com/de-de/enforce-tac-village

[7]   www.youtube.com/@EnforceTacTV/videos

[8]   www.vimcom.ch

[9]   www.dji.com

[10] www.sim-secure.de

[11] www.cognyte.com

[12] https://ptdefence.com

[13] www.titan-electronic.com

[14] www.davis-gmbh.de

[15] https://ekin.com

[16] www.rohde-schwarz.com

[17] www.gpec.de/aussteller

[18] www.maltego.com

[19] Mit denselben Leistungen bewirbt die US-Firma Palantir ihre Software „Gotham“ (www.palantir.com/de/platforms/gotham/), die von den Polizeien Bayerns, Nordrhein-Westfalens und Hessens genutzt wird, s. Bundesländer nicht scharf auf Palantir, netzpolitik.org v. 3.1.2024.

[20] www.innosystec.de

[21] https://cowebs.com

[22] https://pro4sec.com

[23] www.claresys.com

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